Kameraden für Neurochirurgen

Neues miniaturisiertes optisches System erleichtert Operationen
Operationsmikroskope sollen zukünftig Konkurrenz bekommen: Durch Neuro-Comrade, ein Verfahren, das die Vorzüge von Endoskopie und Mikroskopie in sich vereint. Diese geschickte Kombination ist der konventionellen Mikrochirurgie in vieler Hinsicht überlegen. Das Projekt ist einer der Gewinner des Innovationswettbewerbs Medizintechnik 2006 und soll vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit bis zu 1,5 Millionen Euro für die Durchführung eines Transferprojekts gefördert werden.


1957 wurde erstmals ein Mikroskop in der Neurochirurgie eingesetzt. Ende der 70er Jahre hatte sich diese sogenannte Mikrochirurgie in der Neurochirurgie bereits weltweit etabliert. Seither wurden große Fortschritte gemacht. Unter anderem erlaubt es die zunehmende Digitalisierung der Bildgebung inzwischen, Diagnosen schon während der Operation zu stellen.

Doch trotz aller Errungenschaften bringt der Einsatz von Operationsmikroskopen auch Nachteile mit sich, allen voran ergonomische Probleme. Da die Optik des Mikroskops zwischen dem Patienten und dem Neurochirurgen positioniert ist, muss der Chirurg die Instrumente über lange Zeiträume hinweg mit durchgestreckten Armen führen. Das kann bei Operationen von bis zu zwölf Stunden überaus anstrengend werden. Mikrochirurgische Techniken durch endoskopische Operationsverfahren zu ersetzen, brachte nur teilweise Erfolg. Die Endoskopie ermöglicht zwar bequemeres Operieren, die Übersicht im Bereich des Operationsfeldes fehlt jedoch.
Ideal wäre mithin eine Technik, welche die Vorteile von Mikrochirurgie und Endoskopie in sich vereint. Die optisch so präzise wie ein Mikroskop und dabei zugleich ergonomisch zu bedienen ist. Der Arbeitsgruppe von Professor Frank Duffner an der Neurochirurgischen Uniklinik Tübingen ist der erste Schritt zu einem solchen System nun in Kooperation mit dem Endoskope-Hersteller Henke-Sass, Wolf in Tuttlingen gelungen: Ein intelligentes, mechatronisches Halte¬system, das in Kombination mit einer digitalen Bildgebung die bisherigen ergonomisch ungünstigen Operationsmikroskope ablöst und den Chirurgen bei seiner Arbeit unterstützt. Nicht von ungefähr haben die Tübinger Forscher ihr Projekt "Neuro-Comrade" genannt. Denn das System soll dem Chirurgen während des gesamten Eingriffs durch äußerst präzise Neuronavigation zur Seite stehen.

Neuro-Comrade besteht aus mehreren Teilkomponenten. Im Mittelpunkt steht dabei eine Kombination aus Navigationssystem und Roboter: "Dabei handelt es sich um das sogenannte modiCas Assistenzsystem, das wir als flexibel steuerbares Haltesystem für die neue digitale Bildgebung einsetzen", so der Siegener Projektpartner Dr. Jürgen Wahrburg. Beste Voraussetzungen, um die bisherigen OP-Mikroskope abzulösen: Neuro-Comrade soll mit seiner optischen Qualität konventionellen Mikroskopen absolut ebenbürtig sein, die vielfältige Erstellung von prä- und intraoperativen Bildern ermöglichen und vom Operateur einfach und ergonomisch bedient werden können.

Das neuartige System birgt großes Innovationspotenzial - für alle mikrochirurgisch tätigen Fachgebiete. Denn laut Duffner werden die deutlich besseren ergonomischen Eigenschaften "einen günstigen Einfluss auf den Operationsverlauf und damit auch auf die Morbidität und Mortalität" haben. Dem potenziellen Nachfolger des klassischen Operationsmikroskops bieten sich zudem weltweit enorme Marktchancen. Mechatronische Systeme gibt es heute bereits für weniger als 30.000 Euro. Verglichen mit 250.000 Euro für ein Operationsmikroskop sind sie also enorm günstig.

Neurochirurgische Eingriffe könnten zukünftig wesentlich einfacher und ergonomischer werden: mit einem optischen System, das die Vorteile von Endoskopie und Mikroskopie in sich vereint.


Ansprechpartner:
Prof. Dr. Frank Duffner
Neurochirurgische Klinik der Universität Tübingen
Hoppe-Seyler-Straße 3
72076 Tübingen
Tel.: 0172 7319272
Fax: 07071 29-5245
E-Mail: frank.duffner@med.uni-tuebingen.de


Kooperationspartner:
Prof. Dr. Marcos Soares Tatagiba
Neurochirurgische Klinik der Universität Tübingen

Dr. Dirk Freudenstein
Neurochirurgische Klinik der Universität Tübingen