Neurologische und psychiatrische Erkrankungen

Daten und Fakten
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit mehr als eine Milliarde Menschen an Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Das sind neben Hirn- und Rückenmarksverletzungen eine Vielzahl von neurologischen und psychischen Krankheiten wie zum Beispiel das Parkinson-Syndrom (Betroffene in Deutschland: 150.000 bis 200.000), Demenzen (schätzungsweise 1,2 Millionen), Schlaganfall (ca. 250.000 pro Jahr), Epilepsie (400.000 bis 800.000), Depression (schätzungsweise 4 Millionen) und Schizophrenie (800.000). Diese Erkrankungen verursachen nicht nur großes menschliches Leid, sie sind auch mit enormen Kosten verbunden: für Krankenhausaufenthalte, Arbeitsausfälle, Frührenten und die häufig notwendige lebenslange Betreuung. Es ist daher aus ethischen und sozialen, aber auch aus ökonomischen Gründen dringend erforderlich, die medizinische Versorgung in diesem Bereich zu verbessern.

Was tut das BMBF?
Methodische und technische Innovationen haben geholfen, Entstehung und Verlauf von Hirnerkrankungen weiter aufzuklären. Aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse entstanden verbesserte Diagnose- und Therapiemöglichkeiten. Die Humangenomforschung beispielsweise hat die Kenntnis genetischer Einflüsse auf verschiedene neurologische und psychische Erkrankungen verbessert und Ansatzpunkte für die Entwicklung neuer Medikamente eröffnet. Die Wirkungsweise der Medikamente kann heute mit Methoden der funktionellen Bildgebung untersucht werden. Ursprünglich für die medizinische Diagnostik entwickelt, erlaubt es diese Methode, Hirnfunktionen nichtinvasiv zu erforschen. Jedoch hat sich die Patientenversorgung nicht im Gleichschritt mit den Forschungsergebnissen verbessert. Nach wie vor verläuft der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Versorgung nicht optimal. Künftig sollen die vorhandenen Forschungspotenziale gebündelt, vernetzt und so gefördert werden, dass der wissenschaftliche Fortschritt den Patienten in der Versorgung schneller zugute kommt. Ziel dieser Strategie ist es auch, das im internationalen Vergleich hohe Niveau der deutschen Neurowissenschaften aufrechtzuerhalten und weiter zu erhöhen.

Außerhalb des Gesundheitsforschungsprogramms unterstützt das BMBF neurowissenschaftliche Themen in anderen Programmen wie "Molekulare Lebenswissenschaften", „Biotechnologie“, „Mikrosystemtechnik“ und „IKT 2020“.

Konkrete Beispiele
Aktuell fördert das BMBF die neurowissenschaftliche Forschung beispielsweise innerhalb der Kompetenznetze in der Medizin. Dies sind überregionale Netzwerke zu definierten Krankheitsbildern, in denen Forschung und Versorgung eng miteinander verzahnt sind. Die Kompetenznetze werden langfristig gefördert und sollen ihre Arbeit aus eigener Kraft und durch die Einwerbung von Forschungsmitteln fortsetzen. Das BMBF hatte zunächst vier Kompetenznetze in den Neurowissenschaften eingerichtet: Depression und Suizidalität, Schizophrenie, Schlaganfall und Parkinson-Syndrom. Im Jahr 2002 kam das Kompetenznetz Demenzen hinzu. Unter der Leitung eines Netzwerkssekretariates betreut in jedem Kompetenznetz ein Koordinierungszentrum jeweils drei bis fünf Regionalzentren. Diese wiederum haben Kontakt zu weiteren Institutionen der Versorgung und zu Patientenorganisationen, so dass ein engmaschiges bundesweites Netz von Forschungs- und Versorgungsschwerpunkten entsteht. Seit 2007 werden Kompetenznetze der zweiten Generation gefördert, von denen das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Degenerative Demenzen (KNDD) das erste war. Es folgte das Krankheitsbezogene Kompetenznetz für Multiple Sklerose in 2009.

Innerhalb des Förderschwerpunktes "Integrierte Verbünde der Medizinischen Genomforschung - NGFN-Plus" kooperieren in interdisziplinären Verbünden grundlagenorientierte molekularbiologische Forschungsgruppen eng mit klinisch ausgerichteten Forschungsgruppen, um neue wissenschaftliche  Grundlagen für innovative Verfahren und Produkte in Diagnose und Therapie volkswirtschaftlich bedeutender Erkrankungen des Nervensystems zu legen. Dabei widmen sich die fünf großvolumigen Verbünde den Themen Neurodegeneration (u. a. Alzheimer, Parkinson-Erkrankung),  Epilepsie und Migräne, Alkoholabhängigkeit, Schizophrenie und affektive Störungen. Die Arbeiten dieser Gruppen bauen mehrheitlich in der derzeitigen dritten Förderphase auf einschlägigen Vorarbeiten früherer Jahre auf. Sie analysieren dazu mit modernsten Hoch-Durchsatz-Technologien die Struktur der menschlichen Erbinformation (u. a. Sequenzierung), suchen nach krankheitsassoziierten Genvarianten (z. B. durch Verfahren der Genotypisierung) und analysieren in vielfältigen experimentellen Ansätzen die Funktion der identifizierten Gene und ihrer Genprodukte in Bezug auf die klinischen Situationen in den zu untersuchenden Krankheiten.

Mit Einrichtungen wie dem Brain-Net, dem deutschen Referenzzentrum für Erkrankungen des Zentralnervensystems, soll die Forschungsinfrastruktur nachhaltig verbessert werden. An mehreren deutschen Universitäten werden sowohl biologisches Material (z. B. Nervengewebe, Serum- und Liquorproben) als auch klinische Patientendaten krankheitsspezifisch gesammelt und gespeichert und vom zentralen Sekretariat an der Ludwig-Maximilians-Universität München aus koordiniert.

Der Verbesserung der schmerztherapeutischen Versorgung in Deutschland kommt im Sinne der Betroffenen und aus gesundheitsökonomischer Sicht eine große Bedeutung zu. Es besteht noch immer erheblicher Forschungsbedarf. Daher fördert das BMBF seit März 2002 überregional und interdisziplinär angelegte Forschungsverbünde für die Schmerzsyndrome "Neuropathischer Schmerz (Nervenschmerzen)" und "Kopfschmerzen/Migräne". In den Verbünden arbeiten Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen (u. a. Neurobiologie, Neurologie, Psychologie, Pharmakologie, Anästhesiologie, Sozialmedizin, Biometrie) überregional in oder mit Kliniken und Schmerzambulanzen zusammen. Da die meisten Schmerzpatienten nicht in Universitätskliniken, sondern bei ihrem Hausarzt Hilfe suchen, sind auch niedergelassene Ärzte in die Verbünde einbezogen. Auf diese Weise wird der optimale Transfer von Forschungsergebnissen in die Versorgung gewährleistet.

Seit 2006 fördert das BMBF Forschungsverbünde zu kognitiven Leistungen und ihren Störungen beim Menschen. Die Kognitionsforschung erfordert ein gezieltes Zusammenwirken verschiedener Disziplinen wie Psychologie, Psychiatrie, Neurologie, Neurophysiologie und Computational Neuroscience. Sie führt so zu einem besseren Verständnis der höheren Hirnfunktionen und ihrer Störungen. Die Forschungsverbünde schlagen eine Brücke zwischen einem Forschungsansatz, der das grundlegende Verständnis höherer Hirnfunktionen zum Ziel hat, und der klinischen Forschung mit Patienten. In den Forschungsverbünden wird Kognition beim Menschen sowohl anhand des Verhaltens untersucht als auch anhand von Messungen der Hirnaktivierung mit unterschiedlichen Methoden.

Psychische Erkrankungen bilden eine der gesundheitspolitisch bedeutendsten Krankheitsgruppen. Sie stellen eine der Hauptursachen für Krankschreibungen  und frühzeitige Berentungen dar. Die demographische Entwicklung in Deutschland lässt erwarten, dass die Häufigkeit derartiger Krankheiten weiter zunehmen wird. Zu Behandlung psychischer Erkrankungen werden neben verschiedenen anderen Methoden vielfach auch psychotherapeutische Verfahren eingesetzt. Die psychotherapeutische Versorgung hat sich in Deutschland inzwischen zu einem zentralen Bereich der Krankenversorgung entwickelt. Mit der Förderung soll Psychotherapieforschung inhaltlich weiterentwickelt und ein Beitrag zur Verbesserung der interdisziplinären Kooperation wie auch der Forschungsstrukturen geleistet werden. Zudem wird der Transfer aktueller Forschungsergebnisse in die Praxis unterstützt.

Im Jahr 2002 wurden mit Förderung des BMBF regionale Zentren zur Bildgebung in den klinischen Neurowissenschaften etabliert, in denen mit Hilfe der funktionellen Kernspintomographie (MRT) oder der Positronenemissionstomographie (PET) Funktionen des gesunden und erkrankten menschlichen Gehirns erforscht werden. Damit ging auch ein steigender Bedarf nach qualifiziertem wissenschaftlichem Personal in leitenden Funktionen einher. Das BMBF fördert daher seit 2007 acht neurowissenschaftliche Nachwuchsgruppen. So wurde exzellenten jungen Wissenschaftlern die Möglichkeit gegeben, frühzeitig eigenständig zu arbeiten und damit ein eigenständiges Forschungsprofil zu entwickeln.

Internationale Zusammenarbeit auf neurowissenschaftlichem Gebiet erfolgt mit dem Ziel, durch gemeinsame Untersuchungen Synergien zu erzielen und zum besseren Verständnis der Mechanismen neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen sowie zur Entwicklung therapeutischer Strategien und Rehabilitationsmaßnahmen für diese Erkrankungen beizutragen. Dieses Ziel verfolgt das BMBF im ERA-Netz NEURON - "Network of European Funding for Neuroscience Research" - gemeinsam mit derzeit 16 Förderorganisationen aus 13 europäischen Ländern, Israel und Kanada. Dieses von der EU im Rahmen des 6. Forschungsrahmenprogramms geförderte Projekt will die nationalen Förderprogramme und Förderaktivitäten auf dem Gebiet der krankheitsorientierten neurowissenschaftlichen Forschung koordinieren. Im Rahmen der Zusammenarbeit sollen Informationen über die neurowissenschaftliche Forschung in den Partnerländern ausgetauscht werden und strategische Abstimmungen zu Förderaktivitäten getroffen werden. Schließlich sollen multinationale Forschungsprojekte gemeinsam gefördert werden.

Auf bilateraler Ebene gibt es zusätzlich langjährige Kooperationen mit Israel und Polen.
Die seit 1998 bestehende Zusammenarbeit mit Israel auf dem Gebiet der Neurowissenschaften wird koordiniert vom BMBF auf deutscher Seite und vom Ministry of Science, Culture and Sport (MOST) auf israelischer Seite. Seitdem wurden insgesamt 25 deutsch-israelische Vorhaben gefördert. Unterstützt werden auch Reisestipendien für deutsche und israelische Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler.
Mit Polen begann im Jahr 2002 die Kooperation in der Gesundheitsforschung. Das BMBF und das Ministerium für Wissenschaft und Höhere Bildung (MNiSW) schrieben ein Programm zur Förderung neurowissenschaftlicher Kooperationen aus. Mit der Bekanntmachung von 2006 begann die zweite Förderphase. Darin werden deutsch-polnische Projekte gefördert, die die Entwicklung, Degeneration, Regeneration, die Regulierung und den Schutz des Gehirns und Nervensystems erforschen.

Neurowissenschaftliche Themen wurden zudem im Rahmen der Interdisziplinären Zentren für Klinische Forschung (IZKF) gefördert. Fünf von acht Zentren beschäftigten sich mit neurowissenschaftlichen Projekten und bekamen insgesamt 3,1 Millionen EURO pro Jahr. Zum Beispiel konzentrieren sich das IZKF Leipzig auf Parkinson sowie Alzheimer und das IZKF Tübingen auf Störungen der Sinnesorgane und des zentralen Nervensystems.

Beiträge aus der Forschung:
Bewegungsstörung nach Schlaganfall erfordert individuelle Rehabilitation
Schmerztherapie aus der Steckdose
"Wir haben die Gleichstromtherapie wiederentdeckt"
Demenzen in der Hausarztpraxis: Fortbildungen gegen Tabuisierungen
Psychotherapie führt zu biologischen Veränderungen
Grüner Tee gegen Multiple Sklerose 



 

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