Natürliche Geburt in der Klinik - ganz ohne Arzt - Hebammenkreißsäle machen es möglich

Viele Schwangere haben das Bedürfnis nach einer möglichst natürlichen Geburt, möchten jedoch in den meisten Fällen nicht auf die sichere Umgebung einer Klinik verzichten. Seit einigen Jahren gibt es in zehn Kliniken hierfür ein in Deutschland neues Modell: die Hebammenkreißsäle. Diese Kreißsäle werden allein von Hebammen geleitetet und ermöglichen gesunden Frauen - in einem Krankenhaus - eine natürliche Geburt. (Newsletter Nr. 52 / Juli 2011)

Im Gegensatz zu den üblichen Kreißsälen verlaufen in den Hebammenkreißsälen die Geburten öfter ohne medizinische Interventionen, wie etwa Wehenmittel, Dammschnitt oder Saugglocke. Sollten allerdings Komplikationen auftreten, ist sofort ein Arzt zur Stelle.

Im vergangenen Jahr kamen in Deutschland mehr als 675.000 Kinder zur Welt - 98 Prozent davon wurden in einem Krankenhaus geboren. Obwohl sich viele Schwangere wünschen, eine natürliche Geburt möglichst ohne zusätzliche medizinische Eingriffe zu erleben, ist beispielsweise eine Geburt zu Hause oder in einem Geburtshaus offenbar für die meisten keine Alternative. "Viele Frauen möchten ihr Kind in einer Klinik gebären, damit im Notfall sofort ein Arzt und die notwendige Infrastruktur verfügbar sind", sagt Prof. Dr. Friederike zu Sayn-Wittgenstein, Pflege- und Hebammenwissenschaftlerin an der Hochschule Osnabrück. Der Wunsch nach einer natürlichen Geburt in einer Klinik - ist das ein Gegensatz? "Nein, wie der Hebammenkreißsaal zeigt", sagt Frau Professor zu Sayn-Wittgenstein. Denn in Deutschland erleben nur rund acht Prozent der gesunden Schwangeren eine Geburt ohne medizinisches Eingreifen, also ohne Interventionen wie Wehentropf, Dammschnitt, Saugglocke oder beispielsweise Periduralanästhesie, kurz PDA, eine rückenmarksnahe Narkose. Anders ist das in den zehn Hebammenkreißsälen, die es an deutschen Kliniken gibt. Hier haben Frauen eine deutlich größere Chance, eine Geburt ganz ohne Interventionen zu erleben. Das hat nun eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützte Studie ergeben.

 Weniger Interventionen, mehr Wohlbefinden  

Mehr als 1.200 gesunde Schwangere nahmen zwischen 2007 und 2010 an der Studie teil. Sie wählten in der Schwangerschaft, ob sie im Hebammenkreißsaal oder im üblichen Kreißsaal gebären möchten. Die Studie wurde an vier verschiedenen Kliniken mit Hebammenkreißsaal durchgeführt. 666 Frauen wählten den hebammengeleiteten Kreißsaal und 572 Frauen den ärztlich geleiteten Kreißsaal. Das Ergebnis: 298 der Frauen, die die Geburt ihres Kindes im Hebammenkreißsaal planten, wurden unter der Geburt doch in den ärztlich geleiteten Kreißsaal weitergeleitet - das entspricht rund 44 Prozent. Bei fast der Hälfte dieser Frauen war der Wunsch nach Schmerzmitteln der Grund für die Weiterleitung in den üblichen Kreißsaal. Hinsichtlich des Gesundheitsstatus von Mutter und Kind gab es keinen Unterschied zwischen einer Geburt im Hebammenkreißsaal oder im üblichen Kreißsaal. "Eine Geburt im Hebammenkreißsaal ist sicher", betont Frau Professor zu Sayn-Wittgenstein. Die Ergebnisse der Studie offenbaren ausgeprägte Unterschiede in der Durchführung von zusätzlichen Interventionen: "Die Chance im Hebammenkreißsaal die Geburt interventionsfrei zu beenden, ist mehr als zweieinhalbfach so hoch wie im üblichen Kreißsaal." Hingegen nehmen Frauen im Hebammenkreißsaal häufiger komplementär-medizinische Maßnahmen wie zum Beispiel homöopathische Mittel in Anspruch als Frauen im üblichen Kreißsaal. Auch nach der Geburt zeigen sich noch Unterschiede: So stillen Mütter, die ihr Kind im Hebammenkreißsaal geboren haben, häufiger ausschließlich. Das Wohlbefinden der Frauen, sowohl physisch als auch psychisch, ist acht Wochen nach einer Geburt im Hebammenkreißsaal zudem besser als das derjenigen Frauen, die im üblichen  Kreißsaal geboren haben. Auch das subjektive Geburtserleben wird von den Nutzerinnen eines Hebammenkreißsaals positiver bewertet. Frau Professor zu Sayn-Wittgenstein: "Gerade im Hinblick auf die aktuelle Diskussion über die am Existenzminimum lebenden Hebammen zeigt unser Forschungsprojekt, welch hohe Verantwortung Hebammen tragen!"

Hebammenkreißsäle sind bei mindestens gleicher Ergebnisqualität nicht kostenintensiver als die üblichen Kreißsäle. "Das haben wir in einer separaten Kosten-Wirksamkeits-Analyse herausgefunden", so Professor Manfred Haubrock, ein ebenfalls im Forschungsverbund aktiver Wissenschaftler. Ein erheblicher Anteil des Einsparungspotenzials im Hebammenkreißsaal ist dadurch bedingt, dass weniger kostenintensive Eingriffe während der Geburt wie etwa Anästhesieverfahren erfolgen und seltener Ärztinnen und Ärzte hinzugezogen werden müssen. Bereits seit Anfang der 1990er Jahre gibt es in Skandinavien, Großbritannien und Australien hebammengeleitete Abteilungen, seit einigen Jahren auch in Österreich und in der Schweiz. In Deutschland wurde der erste Hebammenkreißsaal im Jahr 2003 im Klinikum Bremerhaven Reinkenheide eröffnet. Mittlerweile gibt es Hebammenkreißsäle u. a. in Hamburg, Stuttgart, Velbert, Frankfurt am Main, Berlin, Osnabrück, Herrenberg und Bonn.


Was ist ein Hebammenkreißsaal?
Der Hebammenkreißsaal ist ein von Hebammen geleitetes Betreuungsmodell in der Klinik, in dem Hebammen gesunde Frauen in der Schwangerschaft, während und nach der Geburt sowie im Wochenbett betreuen. Die Hebammen arbeiten hierbei selbstständig und eigenverantwortlich. Der Hebammenkreißsaal ersetzt nicht den üblichen - ärztlich geleiteten - Kreißsaal, sondern stellt eine Erweiterung des Angebotes der Klinik dar. Beide Abteilungen kooperieren eng miteinander, so dass im Falle einer Komplikation die Frau sofort in die ärztliche Betreuung des üblichen Kreißsaals weitergeleitet werden kann. Möglich ist eine Geburt im Hebammenkreißsaal für gesunde Frauen mit keiner bzw. niedriger Risikoeinstufung.
Eine Besonderheit des Hebammenkreißsaals ist, dass die Hebammen die werdenden Mütter kontinuierlich und über einen langen Zeitraum betreuen. Denn der Kontakt zwischen den Familien und dem Hebammenteam des Krankenhauses wird schon in der Schwangerschaft hergestellt. So kann sich ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen den werdenden Müttern und den Hebammen entwickeln. Die Hebammen betreuen die Mütter auch nach der Geburt oftmals weiter.


Frage an Frau Professor zu Sayn-Wittgenstein: Was ist anders an einer Geburt im Hebammenkreißsaal? Denn auch in einem normalen Kreißsaal haben doch die Hebammen das Sagen?
"Durch die strukturellen Maßnahmen und zusätzlichen Angebote wie beispielsweise die Hebammensprechstunde wird es Familien ermöglicht, die Hebammen bereits in der Schwangerschaft kennen zu lernen. Das Versorgungskonzept Hebammenkreißsaal strebt eine 1:1-Betreuung während der Geburt an. Dies ist ein entscheidender Unterschied und erhöht das Wohlbefinden der Frauen. Generell liegt der Fokus der Betreuung auf einem natürlichen Geburtsverlauf."  


Ansprechpartner:
Prof. Dr. Friederike zu Sayn-Wittgenstein
Verbund Hebammenforschung
Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Hochschule Osnabrück
Postfach 1940
49009 Osnabrück
Tel.: 0541 969-2024
Fax: 0541 969-3765
E-Mail: f.wittgenstein@hs-osnabrueck.de

 
 

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