Brustkrebs: Gene verraten die Prognose - Neues Testverfahren auf dem Markt

Chemotherapie ja oder nein? Nicht bei allen Brustkrebspatientinnen kann die Frage, ob eine Chemotherapie sinnvoll ist, eindeutig beantwortet werden. Seit Kurzem gibt es ein neues Testverfahren, das erlaubt, den Verlauf der Erkrankung vorherzusagen und so die Frage beantwortet: Ist eine belastende Chemotherapie wirklich nötig oder kann mit gutem Gewissen darauf verzichtet werden? (Newsletter 58 / Juli 2012)

Bildquelle: Sividon Diagnostics GmbHDie Vorbereitungen für den Prognosetest EndoPredict.Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Das ist schon lange bekannt. Denn Tumore der Brust unterscheiden sich in ihrer Biologie stark voneinander und müssen deshalb unterschiedlich behandelt werden. Für die Wahl der Therapie werden die Patientinnen derzeit in drei Risikogruppen eingeordnet: Frauen, die ein niedriges, mittleres oder hohes Risiko haben, dass ihre Krankheit weiter fortschreitet und sie einen Rückfall erleiden. Während bei Patientinnen mit hohem bzw. niedrigem Risiko die Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie oftmals eindeutig ist, ist die Therapieentscheidung bei Frauen mit mittlerem Risiko eine Gratwanderung: „Die üblicherweise verwendeten Prognosefaktoren lassen dann keine eindeutige Schlussfolgerung zu, ob eine Chemotherapie tatsächlich notwendig ist oder ob möglicherweise eine alleinige anti-hormonelle Behandlung ausreicht“, sagt Prof. Dr. Carsten Denkert von der Berliner Charité. „Oftmals wird den betroffenen Frauen aus Sicherheitsgründen zu einer Chemotherapie geraten, auch wenn diese wahrscheinlich überflüssig ist.“ Damit soll jetzt Schluss sein. Seit Herbst 2011 ist in Deutschland ein neues Testverfahren erhältlich, das genau anzeigt, ob eine Patientin auch ohne Chemotherapie ausreichend behandelt werden kann.

Treffsichere Prognose kann Chemotherapie ersparen

Der Test heißt EndoPredict und kann anhand genetischer Merkmale Patientinnen identifizieren, die allein unter einer anti-hormonellen Behandlung und ohne Chemotherapie eine mehr als 95-prozentige Wahrscheinlichkeit haben, in den nächsten zehn Jahren keine Metastasen zu entwickeln. „Die Anwendung des EndoPredicts kann helfen, Übertherapien zu reduzieren“, so Privatdozent Dr. Ralf Kronenwett, Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung der Kölner Firma Sividon Diagnostics GmbH, die den Test für die Anwendung in Pathologielabors anbietet. „Wir erwarten, dass durch die Anwendung des EndoPredicts künftig 20 bis 40 Prozent der Patientinnen, die entsprechend der gültigen Behandlungsrichtlinien der mittleren Risikogruppe zugeordnet werden, eine belastende Chemotherapie erspart werden kann. Die Effektivität ihrer Behandlung wird dabei nicht erkennbar beeinträchtigt werden.“

Wie funktioniert der Test? Anhand einer kleinen Gewebeprobe des Tumors wird die Aktivität von zwölf Genen untersucht. Ein zusätzlicher Eingriff ist hierfür nicht nötig, es kann auf das vorhandene Gewebe aus einer Biopsie oder Operation zurückgegriffen werden. „Abschließend wird durch einen mathematischen Algorithmus ein spezifischer Risiko-Wert errechnet. So können wir eine treffsichere Prognose über den Verlauf der Erkrankung und das Rückfallrisiko geben“, beschreibt Dr. Kronenwett. Im Idealfall liegt das Testergebnis innerhalb eines Tages vor.

Der Test wird mittlerweile an rund 25 Pathologie-Instituten in Deutschland und der Schweiz für die klinische Anwendung angeboten. Geeignet ist der Test für etwa 70 Prozent der Brustkrebspatientinnen mit hormonrezeptorpositiven und HER2- negativen Karzinomen.

Die Analyse nur weniger Gene erlaubt eine maßgeschneiderte Behandlung

Bildquelle: Sividon Diagnostics GmbHIn diesem Gerät wird die Aktivität der zwölf Gene gemessen.Wissenschaftliche Grundlagen, die zur Entwicklung des EndoPredicts führten, wurden mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erarbeitet. Um herauszufinden, welche Gene für den molekulardiagnostischen Test geeignet sind, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter anderem im Rahmen des BMBF-geförderten Projekts „OncoProfile Kit“ im Nationalen Genomforschungsnetz die Aktivität von mehr als 22.000 Genen in fast 1.000 Tumorproben bestimmt. Das Projekt wurde von Prof. Dr. Jan Hengstler vom Leibnitz Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund und Privatdozent Dr. Marcus Schmidt, Leiter der Konservativen und Translationalen Gynäkologischen Onkologie an der Universitätsmedizin Mainz, geleitet. „So haben wir herausgefunden, dass die zwölf Gene, die nun beim EndoPredict-Test ausgewertet werden, für den Krankheitsverlauf prognostisch sind. Sie erlauben eine genaue Beschreibung der Vorgänge im Tumor, die seine Aggressivität bestimmen“, erklärt Dr. Mathias Gehrmann, Projektleiter bei der Identifizierung der Gene, die dem EndoPredict zugrunde liegen. Dass für den EndoPredict-Test Tumorproben genutzt werden können, die zuvor mit der Chemikalie Formalin konserviert wurden, macht ihn für eine diagnostische Routineanwendung erst tauglich. Ermöglicht wurde dies durch eine Methodenentwicklung im Rahmen des ebenfalls BMBF-geförderten Projekts „NeoPredict“, das von Professor Denkert an der Charité geleitet wurde.

Ein langer Weg und ein Quäntchen Glück

Vom erfolgreichen Abschluss der Förderprojekte „OncoProfile Kit“ und „NeoPredict“ bis zur gelungenen Markteinführung des EndoPredicts war es trotzdem noch ein weiter Weg: Die Firma Siemens, der industrielle Partner der beiden Förderprojekte, stieg zwischenzeitlich aus dem Bereich molekulare Onkologie in der in-vitro-Diagnostik aus, machte aber durch Vergabe aller notwendigen Lizenzen den Weg für die Ausgründung der Firma Sividon Diagnostics GmbH frei. Die eigentliche Firmengründung und Sicherung der notwendigen Finanzierung wäre ohne ein Netzwerk von universitären Kooperationspartnern, die das Gründerteam unterstützen, kaum möglich gewesen. So hat der Erfolg des EndoPredicts viele Väter und Mütter: Er basiert auf der Verzahnung von Grundlagenwissenschaften, klinischer Medizin, Pathologie, industrieller Forschung und Entwicklung, gezielter staatlicher Förderung durch das BMBF, aber auch Unternehmergeist und Finanzierung durch Risikokapitalgeber, darunter der Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW. Vielleicht kam aber auch das Quäntchen Glück hinzu, das mitunter notwendig ist, um gute Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte und qualifizierte Arbeitsplätze zu verwandeln.

Ansprechpartner/-in:
Esther Linnenberg
Sividon Diagnostics GmbH
Nattermannallee 1
50829 Köln
Tel.: 0221 669 561-70
Fax: 0221 669 561-99
E-Mail: linnenberg@sividon.com

Prof. Dr. Carsten Denkert
Institut für Pathologie der Charité
Charitéplatz 1
10117 Berlin
Tel.: 030 45053-6047
Fax: 030 45053-6902
E-Mail: carsten.denkert@charite.de

Priv.-Doz. Dr. Marcus Schmidt
Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Frauenkrankheiten
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Langenbeckstr. 1
55131 Mainz
Tel.: 06131 17-2683
Fax: 06131 17-5673
E-Mail: marcus.schmidt@unimedizin-mainz.de

 

 
 

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