Maßgeschneiderter Impfstoff gegen Leberkrebs – Interview mit Professor Rammensee

Professor Hans-Georg Rammensee erforscht an der Universität Tübingen einen individualisierten Therapieansatz, genauer einen Patienten-individuellen Impfstoff gegen Leberkrebs. Was sich dahinter verbirgt, erläutert er im Interview.

Professor Hans-Georg Rammensee, Universität TübingenHerr Professor Rammensee, individualisierte Medizin ist ein großer Trend in der Gesundheitsforschung. Ist individualisierte Medizin tatsächlich etwas ganz Neues?
Professor Rammensee: Das kann man eigentlich nicht sagen. Der Bereich der individualisierten Medizin hat in den letzten Jahren sehr viel Aufmerksamkeit erregt, aber eigentlich gibt es individualisierte Medizin schon länger – wenn nicht gar schon immer. Denn die Ärzte betrachten seit jeher ihre Patientinnen und Patienten individuell. Ein gutes und schon seit Langem praktiziertes Beispiel für individualisierte Medizin ist die Zahnmedizin. Denn wenn es um Zahnersatz geht, macht der Zahnarzt bei jedem Patienten einen Abdruck des zu ersetzenden Bereiches und lässt dann vom Zahntechniker z.B. eine Prothese herstellen, die dem Patienten eingesetzt wird. Ganz individuell.
Was tatsächlich neu ist, dass heutzutage die Möglichkeit besteht, zum Beispiel durch Genom- oder Biomarkeranalysen festzustellen, bei welchem Patienten ein bestimmtes Arzneimittel am besten wirken wird.

Wo kommen diese neuen individualisierten Therapien zum Einsatz?

Es gibt eine ganze Reihe von Arzneimitteln, die nur einem bestimmten Patientenkreis gegeben werden, die einen speziellen Biomarker haben. Ein Beispiel ist der Antikörper Trastuzumab, der gegen bestimmte Formen des Brustkrebses eingesetzt wird. Trastuzumab bindet an einen Wachstumsfaktor-Rezeptor auf der Zelloberfläche der Krebszellen, an HER2, wodurch deren Wachstum gehemmt wird. Trastuzumab kann bei etwa 20 Prozent der Brustkrebspatientinnen eingesetzt werden. Bei den anderen Patientinnen wirkt das Medikament nicht, weil sie die entsprechende Zielstruktur – also das Molekül HER2 – nicht auf ihren Tumorzellen haben. In dieser Richtung gibt es inzwischen sehr viele Arzneimittel, die nicht allen Patientinnen und Patienten gegeben werden können, sondern nur aufgrund einer vorhergehenden Biomarkeranalyse eingesetzt werden.

Individualisierte Medizin unterscheidet also zwischen Gruppen von Patientinnen und Patienten?

Nicht nur. Aus meiner Sicht gibt es drei Kategorien von individualisierten Therapien:
Die erste Kategorie ist die eben beschriebene. Man schaut sich einen Patienten an, analysiert seine Biomarker und sucht sich anschließend aus einem vorhandenen Arsenal von Arzneimitteln ein für den Patienten genau passendes Medikament aus. Ein Beispiel hierfür ist Trastuzumab. Diesen Bereich nennt man oft stratifizierte Medizin.
Die zweite Kategorie ist, dass man die individualisierte Therapie direkt aus Patientenmaterial herstellt. Hierbei werden den Patienten zum Beispiel eigene Immunzellen, etwa dendritische Zellen oder T-Zellen, entnommen, die ihm anschließend wieder verabreicht werden.
Die dritte, ganz neue Kategorie ist, dass man aufgrund von Biomarkern der Patienten ein neues und extra maßgeschneidertes Medikament herstellt und zwar ein Medikament nur für diesen Patienten. Ein Medikament, das im Extremfall nie wieder sonst genutzt werden kann.

Diese dritte Kategorie der individualisierten Therapien ist Ihr Forschungsgebiet. Können Sie Ihren neuen Therapieansatz in ein paar Sätzen erklären?

Wir versuchen – auch mit Unterstützung des BMBF – für Patientinnen und Patienten mit Leberkrebs ein ganz individuelles maßgeschneidertes Medikament herzustellen. Genauer gesagt wollen wir eine Peptid-Immuntherapie entwickeln oder mit anderen Worten eine Impfung gegen Leberkrebs.
Die Grundlage hierfür ist, dass jeder Tumor bei jedem Betroffenen genetisch gesehen ganz anders ist. Die herkömmliche Medikamentenentwicklung stößt hier an ihre Grenzen. Jeder Tumor hat unterschiedliche Mutationen, also genetische Veränderungen, und all diese genetischen Änderungen kann unser Immunsystem im Prinzip erkennen. Und zwar in Form von Peptiden, also Eiweißen, die auf den Krebszellen präsentiert werden. Diese mutierten Peptide können von Zellen des Immunsystems als fremd erkannt werden. Das Ziel der individualisierten Krebs-Immuntherapie ist, diese mutierten Peptide in jedem Krebspatienten zu identifizieren, synthetisch nachzubauen und dann den Betroffenen damit zu immunisieren. Mit dem Ziel, dass Immunzellen im Patienten induziert werden, die gezielt nur die Tumorzellen umbringen, die anderen gesunden Zellen des Menschen aber in Ruhe lassen.

Das klingt sehr kompliziert…

Eigentlich ist das gar nicht so kompliziert. Man benötigt eine Tumorprobe des Patienten, macht eine Genom- und Peptidanalyse und stellt die geeignet erscheinenden Peptide künstlich her. Schwieriger als die wissenschaftliche oder technische Arbeit ist die regulatorische und logistische Komponente. Denn diese Peptide müssen – obwohl sie nur für einen Patienten gedacht sind – nach dem Arzneimittelgesetz hergestellt werden.

Ist das bezahlbar?

Unserer Schätzungen nach, müsste eine Krebs-Immuntherapie im Vergleich zu herkömmlichen Medikamenten relativ billig werden.

Wie lange wird es noch dauern, bis ein solcher Impfstoff den Patientinnen und Patienten zur Verfügung steht?

Mit solchen Vorhersagen muss man immer vorsichtig sein. Was ich konkret sagen kann, ist, dass wir in einer europäischen Kooperation eine individualisierte Vakzinierung für Patienten mit Glioblastomen erarbeiten. Das sind besonders aggressive Hirntumore. Hierbei ist für das Jahr 2014 der Beginn einer klinischen Studie bei etwa 30 Patientinnen und Patienten vorgesehen. Ihrer Antwort entnehme ich, dass die von Ihnen entwickelte „Anti-Krebs-Impfung“ auch für andere Tumorarten anwendbar wäre.
Das ist das Gute an diesem Ansatz. Man kann eine Krebs-Immuntherapie praktisch für alle Krebsarten entwickeln.

Die Befragten der vom BMBF in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage verbinden mit individualisierter Medizin in erster Linie die Hoffnung, dass zukünftig noch mehr Krankheiten noch gezielter behandelt werden können. Kann die individualisierte Medizin Ihrer Meinung nach diese Hoffnung erfüllen?

Bezogen auf unseren Ansatz, bei dem für jeden Krebspatienten ein individueller Impfstoff hergestellt wird, kann ich sagen: Davon bin ich absolut überzeugt. Sonst würde ich mich auch nicht so dafür einsetzen. Für andere Krankheiten und andere Formen der individualisierten Medizin kann ich das mit dieser Überzeugung nicht eindeutig sagen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Bildquelle: Professor Hans-Georg Rammensee, Universität Tübingen

 

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