Die Ursachen der großen Volkskrankheiten, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Demenz, sind zum Teil sehr komplex. Zahlreiche genetische Faktoren, Moleküle und Interaktionen zwischen Molekülen spielen eine Rolle. Die Systemmedizin will diese komplexen Zusammenhänge verstehen und daraus neue Möglichkeiten für Erkennung und Behandlung von Krankheiten ableiten. Hierzu greifen Medizin, Naturwissenschaften und Bioinformatik ineinander. Damit birgt die Systemmedizin ein großes Potenzial, bringt möglicherweise aber auch Probleme mit sich. Wie gehen wir zum Beispiel mit den riesigen Mengen von Patientendaten um, die für systemorientierte Ansätze erhoben werden müssen? Wie wird der Datenschutz gewährleistet? Wie gehen wir mit Wahrscheinlichkeitsberechnungen für Krankheiten um? Und wie mit dem Recht auf Nicht-Wissen der betroffenen Personen? Um Lösungsmöglichkeiten für solche Fragen zu finden, finanziert das BMBF im Förderschwerpunkt „Ethische, rechtliche und soziale Aspekte der modernen Lebenswissenschaften“ fachübergreifende Forschungsprojekte zum Thema „Systemmedizin“.
MENON - Medizintheoretische, normative und ökonomische Evaluation der Systemmedizin
Der vorliegende Verbund beschäftigt sich mit den ethischen und gesundheitsökonomischen Implikationen der Systemmedizin.
Die Teilprojekte der Universität Greifswald fokussieren auf Zusatz- bzw. Nebenbefunde. Diese stehen zwar nicht mit der ursprünglichen Fragestellung in Verbindung, haben jedoch Bedeutung für Gesundheit und/oder Lebensplanung der untersuchten Person selbst und/oder ihrer Verwandten. Die Wissenschaftler wollen Empfehlungen für einen ethisch verantwortbaren Umgang mit Zusatzbefunden erarbeiten. Dabei sollen Wahrnehmungen, Einschätzungen, Befürchtungen und Optimierungsvorschläge von Ärzteschaft und Pflegenden einbezogen werden. Zusatzbefunde haben nicht nur ethische, sondern auch gesundheitsökonomische Konsequenzen. Diese werden ebenfalls eingehend untersucht. Das Teilprojekt der Universitätsmedizin Greifswald fokussiert auf die ethischen Problemfelder der Implementierung IT-basierter Diagnose- und Therapieplanungstools in die klinische Routine. Es wird geprüft, welche ethischen Konsequenzen mitbedacht werden müssen, um sowohl den Anforderungen an die Arzt-Patient-Beziehung, dem ärztlichen Selbstverständnis, als auch der Methodenlehre der Evidenz-basierten-Medizin und Patientenautonomie gerecht zu werden.
Teilprojekte 2 und 3
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Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald |
Leiter: |
Dr. Martin Langanke |
Teilprojekt 1
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Universitätsklinikum Greifswald |
Leiter: |
Dr. Tobias Fischer |
Re-Konfiguration von Gesundheit und Krankheit
Übergreifendes Ziel des Verbundes ist die Entwicklung eines Rahmenkonzeptes für einen gesellschaftlich angemessenen Umgang mit systemmedizinischen Neuerungen. Dabei wird dieser am Beispiel des erblichen Brustkrebses auf unterschiedlichen Ebenen aus ethischer, psychosozialer, rechtlicher und gesundheitsökonomischer Sicht untersucht.
Ethische Perspektiven auf die Entdifferenzierung von Krankheit und Gesundheit und ihre Implikationen für die Gesundheitsversorgung
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Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg |
Leiter: |
Prof. Dr. Peter Dabrock |
Das Teilprojekt (TP) 1 erfüllt die mit der Koordination und Administration des Verbundes anfallenden Aufgaben. Das TP 2 bearbeitet die durch systemmedizinische Ansätze aufgeworfenen bzw. forcierten ethischen Fragestellungen. Die Frage, welche konzeptionellen und handlungsleitenden Konsequenzen mit den Entwicklungen der Systemmedizin verbunden sind, wird dabei erarbeitet, indem: (1) das Konzept „healthy ill" aufgegriffen und in anthropologischer, handlungstheoretischer und sozialethischer Hinsicht weiterentwickelt wird. Vor diesem Hintergrund werden (2) einerseits Implikationen für klinische Beratungs- und Entscheidungssituationen ausgelotet und (3) andererseits Priorisierungsschemata entwickelt, welche die Integration der identifizierten Herausforderungen in die Strukturen der Gesundheitsversorgung modellieren. Die erzielten Ergebnisse werden durch Fachartikel, Kongresse und öffentliche Veranstaltungen disseminiert und diskutiert. Die Bearbeitung der aufgezeigten Problemstellung wird im Rahmen des TP 2 durch einen multiplen case study approach umgesetzt: Ausgehend von den fortlaufenden Arbeiten an den konzeptionellen und theoretischen Fragestellungen der „healthy ill"-Problematik (Q-1-12) werden die Perspektiven im Umgang mit systemmedizinischen Ansätzen durch die qualitative Methodik der semi-strukturierten Interviews erhoben (Q1-6), und in einer systematisch-analytischen Vergleichsstudie mit den Entscheidungsmustern von Patienten verglichen, um so ein präziseres Verständnis der Schwellenwerte und -kriterien für die Entscheidungsfindung benennen zu können (Q4-8). Die Ergebnisse werden dann auf eine gesundheitssystemische governance-Perspektive für den Umgang mit den beschriebenen Entdifferenzierungen hin zugespitzt (Q7-12). Der Verbund wird durch einen hochrangig besetzten Beirat unterstützt, der kontinuierlich die Rückbindung der Ergebnisse des Verbundes an die Anforderungen gesundheitssystemischer und -politischer Gestaltung garantiert.
Ethische, psychosoziale, rechtliche und gesundheitsökonomische Herausforderungen der Systemmedizin am Beispiel des familiären Mammakarzinoms
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Universität zu Köln |
Leiterin: |
Prof. Rita Schmutzler |
Das Krankheitsrisiko als Rechtsproblem für das System der öffentlichen Gesundheitsversorgung am Beispiel des hereditären Mammakarzinoms
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Ruhr-Universität Bochum |
Leiter: |
Prof. Dr. Stefan Huster |
Budgetäre Auswirkungen von Maßnahmen zur Früherkennung oder Prophylaxe des erblich bedingten Brustkrebs (hereditären Mammakarzinoms) für die gesetzliche Krankenversicherung
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Universität Duisburg-Essen |
Leiter: |
Prof. Dr. Jürgen Wasem |
Von Modellen und Menschen: Integration, Standardisierung und Individualisierung in der Systemmedizin
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Universität Hamburg |
Leiterin: |
Prof. Dr. Regine Kollek |
Die Systemmedizin will systembiologische Erkenntnisse in diagnostische, prädiktive und therapeutische Anwendungen übertragen und dabei individuelle Unterschiede der Patienten berücksichtigen. Während sich die Individualisierte Medizin derzeit überwiegend noch an einzelnen Biomarkern orientiert, basiert die systembiologisch orientierte Systemmedizin auf Modellen, die eine Fülle von heterogenen Daten integrieren. Das Projekt untersucht, wie diese Daten über biologische Systeme in medizinisch relevantes Wissen transformiert werden. Die forschungsleitende Hypothese ist, dass es sich bei der Übertragung systembiologischer Erkenntnisse in die Medizin um einen komplexen Integrations- und Translationsprozess handelt, der neben organisatorischen und technischen Anforderungen vor allem auch kognitive, forschungspragmatische und soziale Aspekte umfasst. Die Komponenten und Dynamiken von Integrations- und Translationsprozessen sind bislang nur ansatzweise reflektiert und empirisch kaum analysiert worden. Ziel des Projekts ist es, diese Prozesse anhand zweier Beispiele aus dem Bereich der Krebserkrankung empirisch zu untersuchen. Das Projekt analysiert aus Perspektive der Wissenssoziologie die Integrations- und Translationsprozesse systemorientierter Ansätze in die Medizin. Um die kognitiven, forschungspragmatischen und sozialen Aspekte von Integration und Translation aus Sicht der involvierten Akteure empirisch analysieren zu können, werden am Beispiel der zwei Krebserkrankungen Experteninterviews und Feedbackveranstaltungen durchgeführt sowie Fachliteratur und Projektdarstellungen zu den Themen Integration und Individualisierung, und zu internationalen Standardisierungsbemühungen in diesem Bereich analysiert. Die Untersuchungsergebnisse werden genutzt, um Potenziale, Ambivalenzen und Probleme zu identifizieren, die die Übertragung systembiologischer Erkenntnisse in die Medizin fördern bzw. behindern.
Faire Verteilung begrenzter Biomaterialien in der Biobankforschung
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Medizinische Hochschule Hannover |
Leiter: |
Prof. Dr. Dr. Daniel Strech |
Biobanken sammeln Proben menschlicher Körpersubstanzen (z. B. Gewebe, Blut) und verbinden diese mit personenbezogenen Informationen. Diese Proben sind von hohem Wert für verschiedene Forschungszwecke, zugleich aber nur begrenzt verfügbar, weil sie in bestimmten Projekten „verbraucht" werden. Aus ethischer Sicht ist deshalb relevant, welche Gremien wie über die vorrangige oder nachrangige Vergabe der Proben für bestimmte Projekte entscheiden. Weiterhin ist ethisch relevant, mit welchen Priorisierungskriterien diese Entscheidungen getroffen werden sollen. FairBBank untersucht zunächst mittels Literaturanalysen und Fragebogenforschung den nationalen und internationalen Status-quo zur Vergabe von Biomaterialien zu Forschungszwecken. Die Ergebnisse werden anschließend hinsichtlich ihrer ethischen und sozialen Aspekte ausgewertet. Auf der Basis dieser empirischen und theoretischen Analysen wird zusammen mit verschiedenen Experten und Stakeholdern ein praxisorientiertes Konzept zur „Fairen Verteilung begrenzter Biomaterialien in der Biobankforschung" entwickelt und disseminiert. Das Projekt FairBBank unterteilt sich in fünf Teilaufgaben mit verschiedenen Arbeitspaketen. Die Literaturrecherche wird über 6 Monate in online verfügbaren Datenbanken nach systematischen Suchmechanismen durchgeführt und nach Methoden der qualitativen Textanalyse ausgewertet. Im Anschluss folgt über insgesamt 12 Monate die Planung, Durchführung und Auswertung einer online durchgeführten Fragebogenstudie mit ca. 400 Biobankbetreibern. Die ethische Analyse beider empirischer Teilprojekte findet jeweils im Anschluss über ca. 4 Monate statt. Für die abschließende Entwicklung von Praxisempfehlungen sind insgesamt weitere 12 Monate geplant, welche neben der konzeptionellen Arbeit auch eine Stakeholder-Konsultierung sowie eine Konsensuskonferenz einschließen. Zu verschiedenen Zeitpunkten des Projektes werden die Ergebnisse in Fachpublikationen und über die Projektwebseite veröffentlicht.
DASYMED: Big Data in der Systemmedizin
Ziel dieses interdisziplinären Forschungsverbunds mit ethischem Schwerpunkt ist die Untersuchung normativer Implikationen der systemmedizinischen Praxis im Hinblick auf drei Themenschwerpunkte. Im Zentrum des Projekts steht die Frage nach den neuen Verantwortlichkeiten von Ärzten und nicht-ärztlichen Forschern. Forscher gewinnen in der systemmedizinischen Datenanalyse und -interpretation an Bedeutung für Diagnose und Therapie. Dies wirft neue Fragen auf nach ihrer Verantwortung gegenüber Patienten und der der behandelnden Ärzte. Da systemmedizinische Ansätze mit großen Mengen an Patientendaten arbeiten, stellt sich zum zweiten die Frage nach dem Wert und der Schutzbedürftigkeit der Privatsphäre in Abwägung gegen andere Güter. Diese Gewichtung wird auch unter gerechtigkeitsethischen Aspekten untersucht. In einem dritten Themenkomplex werden die Folgen der Systemmedizin für die Familie hinsichtlich des intrafamiliären Umgangs mit genetischen Informationen erforscht.
Normative und soziale Aspekte für Ärzte, Forscher, Patienten und Gesellschaft, Teilprojekte 1 und 2
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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg |
Leiterin: |
Dr. Eva Winkler |
Das Projekt setzt an den systemmedizinischen Schnittstellen zwischen genomischer Forschung und klinischer Anwendung an, die bereits aktuell in der Kooperation von Heidelberger Spitzeninstituten vorzufinden sind, wie z. B. dem interdisziplinären Tumorboard „Der individuelle Patient". Der erste Arbeitsschritt ist die sozialempirische Beschreibung der Heidelberger Praxis und der sich an ihr abzeichnenden normativ relevanten Entwicklungen sowie die Klärung zentraler Begrifflichkeiten. Darauf basieren die normative Problemanalyse und die Erarbeitung von Lösungsansätzen. In einem dritten Schritt ist die Implementierung und Evaluierung und somit die Rückführung der theoretischen Ergebnisse in die Praxis vorgesehen. Das Projekt gliedert sich in ein sozialempirisches, ein ethisches und ein rechtliches Teilprojekt und findet durchweg in engem Austausch mit einer lokalen naturwissenschaftlichen Expertengruppe aus Genomforschung und Klinik statt.
Rechtliche Untersuchung der Auswirkungen der Systemmedizin am Beispiel der Präzisionsonkologie, Teilprojekt 3
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Universität Mannheim |
Leiter: |
Prof. Dr. Jochen Taupitz |
Gesundheitskompetenz unter den Bedingungen der Systemmedizin im Anwendungsbereich psychischer Gesundheitsstörungen - theoretische, normative und empirische Untersuchungen
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Universität zu Köln |
Leiterin: |
Prof. Dr. Christiane Woopen |
Ziel des Verbundvorhabens ist es, theoretische und empirische Einsichten in die Herausforderungen der Systemmedizin für die Gesundheitskompetenz insbesondere im Anwendungsbereich früher psychischer Störungen zu gewinnen. Auf der Grundlage von theoretisch-konzeptionellen Analysen sowie ethischen und rechtlichen Erwägungen werden unter Berücksichtigung von Daten aus Patientenbefragungen sowie verschiedenen Akteursgruppen im Bereich der Gesundheitsversorgung und Gesundheitspolitik konkrete Handlungsempfehlungen zur Förderung von Gesundheitskompetenz bei psychischen Störungen und zur Einführung systemmedizinischer Maßnahmen entwickelt. In einer theoretischen Analyse wird das Modell der Gesundheitskompetenz des europäischen Health Literacy-Survey auf die Systemmedizin bezogen und für psychische Gesundheitsprobleme konkretisiert. In empirischen Erhebungen mittels quantitativer und qualitativer Methoden der Sozialforschung werden die Gesundheitskompetenz von Menschen mit frühen psychischen Störungen mittels validiertem Fragebogen untersucht, Einflussfaktoren identifiziert und Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten erfasst. Darüber hinaus werden in einer Policy-Delphi-Befragung Voraussetzungen für die Implementierung der Systemmedizin ermittelt. Die juristische Analyse klärt und diskutiert bereits gegebene und noch zu schaffende rechtliche Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Implementierung der Systemmedizin. Von besonderer Bedeutung sind dabei insbesondere datenschutzrechtliche Aspekte, aber auch die Klärung des rechtlichen Entwicklungsrahmens sowie der ethischen Rahmenbedingungen für die Förderung von Gesundheitskompetenz unter Wahrung von Patientenautonomie im besonderen Anwendungsfall früher psychischer Störungen.
GenoPerspektiv - Zum Umgang mit genomischen Hochdurchsatzdaten: die Perspektiven von Klinik, Ethik, Recht und biomedizinischer Informationstechnologie
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Georg-August-Universität Göttingen |
Leiterin: |
Dr. Nadine Umbach |
Das Ziel von GenoPerspektiv besteht in der Analyse der Herausforderungen bei einer möglichen klinischen Implementierung von genomischen Hochdurchsatztechnologien, um frühzeitig geeignete Prinzipien und Strategien für den Umgang mit den durch sie aufgeworfenen ethischen, rechtlichen, sozialen und informationstechnologischen Fragen zu entwickeln. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf den normativ-ethisch bzw. rechtlich sowie implementierungspraktisch relevanten Gesichtspunkten der Gewinnung, Aufbereitung, Darstellung, Kommunikation und (Weiter-)Verwendung genomischer Hochdurchsatzdaten. Die beteiligten Projektpartner organisieren sich in einem interdisziplinären Forschungsverbund von fünf eng verzahnten Teilprojekten (TP), deren Zielsetzungen systematisch aufeinander abgestimmt sind. In monatlichen Telefonkonferenzen sowie vierteljährlichen Face2Face-Meetings wird der aktuelle Stand der TP abgestimmt und die Verzahnung sichergestellt. Deliverables werden in einem etablierten Verfahren in der Leitungsebene diskutiert und freigegeben. Die Koordinierungsstelle ist dafür zuständig, die Arbeitsergebnisse aus den TP zu konsolidieren und die Leitfäden sowie Schulungen etc. zusammenzustellen. Weiterhin organisiert sie zusammen mit den jeweiligen TP zentrale Workshops auch unter Einbeziehung von Patientenverbänden bzw. Selbsthilfegruppen und wissenschaftlichen Fachkreisen.
Teilprojekt 2
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Klinikum der Universität München |
Leiter: |
Prof. Dr. Thomas G. Schulze |
Das Teilprojekt 2 untersucht die anwendungspraktischen Implikationen mit Hilfe einer umfassenden Fragebogenerhebung. Es wird den Fragebogen entwickeln, 1000 Personen befragen, die Befragung auswerten und veröffentlichen.
Erhebung, Speicherung und Prozessierung epigenetischer Daten in der Systemmedizin im internationalen Vergleich - eine ethische Analyse
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Eberhard-Karls-Universität Tübingen |
Leiter: |
Prof. Urban Wiesing |