Die Entwicklungen in der Stammzellforschung lassen neue Anwendungsmöglichkeiten für Medizin und Wissenschaft in greifbare Nähe rücken. Dadurch werden Fragen hinsichtlich diagnostischer, präventiver oder therapeutischer Nutzung von Verfahren aufgeworfen, die die Gewinnung von Stammzellen sowie verfeinerte Reprogrammierungs- und Differenzierungsmethoden ermöglichen. Jedoch sind die neuen Verfahren auch mit Bedenken verbunden, mit denen man sich individuell und gesamtgesellschaftlich auseinandersetzen muss. Fragen zu Nutzen und Risikoabwägung des klinischen Einsatzes von Stammzelltherapien stellen sich, um das großes Potential für Patientinnen und Patienten abschätzen zu können. Aber auch grundlegende Fragen zur möglichen Erzeugung künstlicher menschlicher Keimzellen für den therapeutischen Einsatz oder die Reproduktionsmedizin müssen diskutiert werden, zum Beispiel. Wie wirken sich Stammzelltherapien in der Praxis auf die Beteiligten aus? Wie unterschieden sich natürliche und künstliche Embryonen in moralischer und rechtlicher Sicht? Sollten Verfahren der Stammzellforschung gewerblich genutzt werden? Wie gehen andere Länder mit diesen kritischen Themen um?
Um frühzeitig kritische Fragen zu identifizieren und zu beantworten, die sich aus der modernen Stammzellforschung ergeben, fördert das BMBF im Förderschwerpunkt „Ethische, rechtliche und soziale Aspekte der modernen Lebenswissenschaften“ fachübergreifende Forschungsprojekte zum Thema „Stammzellen“.
Multiple Risiken - Kontingenzbewältigung in der Stammzellforschung und ihren Anwendungen
Der internationale Diskurs zur Ethik der Stammzellforschung und ihrer Anwendungen erfuhr in den letzten 15 Jahren einen erheblichen Wandel. Er verschob sich von einer Debatte, die sich vornehmlich ethischen Grundsatzfragen widmete, zu einer Diskussion, die nun Chancen und Risiken in den Vordergrund rückte.
TP 1: Ethische Analyse
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Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf |
Leiter: |
Prof. Dr. Heiner Fangerau |
Die Untersuchung dieser Diskursverschiebung steht im Zentrum dieses Teilprojektes. Auf der Basis verschiedener Repräsentationen des medizinethischen Diskurses will das Teilprojekt a) rekonstruieren, wie und warum die angesprochene Verschiebung erfolgte, b) die Motoren der Diskursverschiebung identifizieren, c) analysieren, ob und inwiefern der Risikodiskurs moralische Normen des alten Diskurses transportiert und zuletzt d) die Hypothese prüfen, dass moralische Fragen innerhalb des Risikodiskurses sich als wertorientierte Spuren in einer zweckorientierten Welt verstehen lassen. Differenziert nach Stammzelltypen sollen die Argumente für und wider die Ausweitung spezifischer Stammzellforschungen und -anwendungen auf ihren moralischen Gehalt hin analysiert werden. Mittels Datenbankrecherchen sollen die relevanten Beiträge aus Fachzeitschriften und Richtlinien von Fachgesellschaften und politischen Akteuren zum ethischen Umgang mit Stammzellforschung- und Anwendung identifiziert. Auf Basis dieses Korpus sollen im zweiten Schritt systematisch die Hauptakteure des Diskurses ermittelt und in nach Zugehörigkeitsmerkmalen sortiert werden. In einem dritten Schritt sollen die vorgebrachten ethischen Argumente und die Argumente, die Chancen und Risiken adressieren, erfasst und kategorisiert werden. Eine Korrelation der Ergebnisse aus Schritt 2 und 3 soll dazu dienen, institutionelle, nationale, stammzellytypenbasierte und diachrone Differenzgrößen zu ermitteln. Im letzten Schritt sollen dann wertorientierte und zielorientierte Argumentstrukturen analysiert werden und das Verhältnis von Wert- und Zweckorientierung im Diskurs rekonstruiert werden.
TP 2: Politikwissenschaftliche Analyse
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Universität Duisburg-Essen |
Leiterin: |
Prof. Dr. Renate Martinsen |
TP 3: Rechtliche Analyse
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Universität Augsburg |
Leiter: |
Prof. Dr. Ulrich M. Gassner |
Der manipulierbare Embryo. Implikate der biotechnologischen Beeinflussbarkeit von Spezieszugehörigkeit und Entwicklungspotential bei Embryonen für das Spezies- und das Potentialitätsargument - eine normative Analyse
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Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt |
Leiter: |
Prof. Dr. Markus Rothhaar |
Das Projekt untersucht systematisch, welche Relevanz neue biotechnologische Möglichkeiten der Manipulation von Entwicklungspotential und Spezieszugehörigkeit (menschlicher) Embryonen bzw. Zellen für das Potentialitäts- und das Speziesargument haben. Während oft nur die Frage gestellt wird, welchen normativen Status die so manipulierten Embryonen besitzen, wird hier davon ausgegangen, dass die Frage nach dem Status technisch manipulierter Embryonen und die Frage nach den Implikaten jener Manipulationsmöglichkeiten für die betreffenden Argumente selbst nicht getrennt voneinander behandelt werden können. Sie sollten vielmehr in einer gemeinsamen systematischen Reflexion zusammengeführt werden, die das Forschungsprojekt leisten will.
HumArGam: Humane artifizielle Gameten. Erzeugung und genetische Veränderung von aus humanen pluripotenten Stammzellen differenzierten Gameten und ihre ethische und rechtliche Bewertung.
Neue Entwicklungen in der Stammzellforschung zeigen, dass sich aus murinen iPS-Zellen Zellen generieren lassen, die primordialen Keimzellen ähnlich sind, und sich in vivo zu funktionellen Gameten ausreifen lassen. Aufgrund der Erzeugung in vitro sind die auf diese Weise generierten iPS-Zellen und primordialen Keimzellen zugänglich, so dass an ihnen genetische Modifikationen, beispielsweise mit der CRISPR-Cas9 Methode, einfach vorgenommen werden können. Unter der Annahme, dass sich diese Möglichkeiten auf den Menschen übertragen lassen, entstehen eine Vielzahl neuartiger biologischer, medizinischer, rechtlicher, philosophischer und ethischer Fragen. Das interdisziplinäre Verbundprojekt wird diese Fragen systematisch identifizieren und unter den Aspekten der Artifizialität, Verfügbarkeit, Verwendbarkeit und Manipulierbarkeit artifizieller Gameten strukturieren. Die Fragen werden im Hinblick auf anwendbare ethische und rechtliche Argumente, Kriterien und Normen analysiert, die argumentativen Zusammenhänge offengelegt und ihre normative Bedeutung beleuchtet. Anhand des Vergleichs mit bestehenden ethischen und rechtlichen Normen, lässt sich möglicher Regulierungsbedarf für die neuartigen Felder der Erzeugung, Verwendung und Modifizierung artifizieller Gameten identifizieren. Auf Basis dieser Ergebnisse ist es das übergeordnete Ziel des Verbundprojektes, einen normativ reflektierten Handlungsrahmen für den Umgang mit artifiziellen Gameten zu entwickeln und ihn als Grundlage politischer Entscheidungsfindung zu präsentieren.
TP1: Ethik
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PTHV Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar gGmbH |
Leiter: |
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Jüngste Ergebnisse aus dem Tierreich über die in vitro-Differenzierung von funktionalen Gameten aus pluripotenten Stammzellen zeigen, dass diese Verfahren wahrscheinlich auf die menschliche Spezies übertragbar sind. Zudem ist zu erwarten, dass neue Techniken der Genom-Editierung, wie CRISPR-Cas9 und TALEN, eine effiziente und gezielte genetische Modifikation der auf diese Weise generierten künstlichen menschlichen Gameten erlauben. Beide Möglichkeiten eröffnen neue Szenarien in der Forschung und können zu neuartigen Formen der menschlichen Fortpflanzung führen, die grundlegende ethische Fragen aufwerfen. Das philosophische Teilprojekt (TP 1 Ethik) wird detailliert und strukturiert die philosophischen und ethischen Fragen analysieren, die die Erzeugung, Modifizierung und Verwendung von aus menschlichen pluripotenten Stammzellen erzeugten Gameten betreffen, und das ethische Profil dieses Handlungsfeldes erarbeiten. Das übergeordnete Ziel des Projekts ist es, in enger Zusammenarbeit mit dem juristischen und dem biologischen Teilprojekt einen ethisch reflektierten normativen Rahmen für die mögliche Erzeugung und Verwendung artifizieller menschlicher Gameten zu entwickeln. Dieser soll als Grundlage für einen öffentlichen politischen Diskurs dienen, der sich auch mit der Frage des rechtlichen Regulierungsbedarfs beschäftigt.
TP2: Recht
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Universität Passau |
Leiter: |
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TP 3: Biologie
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Medizinische Hochschule Hannover |
Leiter: |
Prof. Dr. Tobias Cantz |
PAMEP: Das Patentwesen als Medium der Ethisierung und Politisierung der Stammzellforschung und die Konsequenzen seiner Funktionserweiterung für die Lebenswissenschaften
Die Patentierung der Ergebnisse humaner embryonaler Stammzellforschung ist zu einem wichtigen Impulsgeber für ethische und politische Kontroversen auf dem Feld der Lebenswissenschaften geworden. Beobachten lässt sich eine Ethisierung und Politisierung des Patentwesens. Entscheidend für diese Entwicklung sind Öffnungsklauseln in Rechtstexten sowie nicht-legislative Akteure.
TP1: Ethik
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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg |
Leiter: |
Prof. Dr. Klaus Tanner |
Ziel des TP1 ist die Untersuchung der ethischen Grundlagen und Argumentationsmuster sowohl in der Entwicklung als auch in der Auslegung des Patentrechts im Bereich der Stammzell-Forschung und in vergleichbaren Problemfeldern in enger Abstimmung mit dem rechtlichen TP2. Hierbei werden klassische Patentierungsvoraussetzungen ebenso auf ihre ethische Bedeutung analysiert wie die Interpretationsräume von Grundrechten und Öffnungsklauseln im Gefüge des Patentwesens in legislativen und nicht-legislativen Zusammenhängen auf nationalstaatlichen Ebenen, in der EU und in internationalen Vereinbarungen. Inwiefern diese Ethisierung in Einklang oder in Konflikt mit menschenrechtlichen Ansätzen steht, wird eruiert werden. Welche Folgen die Politisierung des Patentrechts im Bereich der Stammzellforschung zeitigen und welche Möglichkeiten und Grenzen hieraus erwachsen, wird Gegenstand des TP1 sein. Das ethische TP1 wird erforderliche Begriffsklärung und Operationalisierung von „Ethisierung" und „Politisierung" vornehmen. Es widmet sich Gesetzgebungsverfahren, Entscheidungen von Patentämtern und Gerichten auf internationaler und nationaler Ebene und auf EU-Ebene. Es beschäftigt sich mit den zivilgesellschaftlichen Reaktionen auf Patente von Ergebnissen aus der Stammzell-Forschung und weiterer biotechnologischer Entitäten (genetisches Material, Myriad-Fall). Es untersucht die Einflussnahmen von kirchlichen Verbänden, Umweltschutzorganisationen, einzelnen Forschern, Forschungsorganisationen, Unternehmensvertretern und Wirtschaftsverbänden, die eine Ethisierung und Politisierung des Patentrechts bewirken. Hierbei wird der medialen Aufbereitung eine große Bedeutung eingeräumt.
TP2: Recht
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Heidelberger Akademie der Wissenschaften |
Leiter: |
Prof. Dr. Paul Kirchhof |
ClinhiPS: Eine naturwissenschaftliche, ethische und rechtsvergleichende Analyse der klinischen Anwendung von humanen induzierten pluripotenten Stammzellen in Deutschland und Österreich
Ziel des interdisziplinären Forschungsverbundes ist die Identifizierung und Behebung von Problemen im Bereich der klinischen Anwendung von humanen induzierten pluripotenten Stammzellen in Deutschland und Österreich. Um dieses Ziel zu erreichen, wird Verbundprojekt dieses Thema aus naturwissenschaftlicher, ethischer und rechtsvergleichender Perspektive analysieren und Lösungsstrategien entwickeln.
TP3: Rechtsvergleichende Analyse
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Universität Mannheim |
Leiter: |
Prof. Dr. Jochen Taupitz |
Teilprojekt 3 besteht aus einer rechtsvergleichenden Analyse der klinischen Anwendung von humanen induzierten pluripotenten Stammzellen (hiPS-Zellen) in Deutschland und Österreich. Dieses Teilprojekt wird – in Zusammenarbeit mit Univ.-Prof. Dr. Christian Kopetzki von der Abteilung Medizinrecht des Instituts für Staats- und Verwaltungsrecht der Universität Wien – die deutsche Rechtslage mit der österreichischen Rechtslage vergleichen und die rechtlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Hinblick auf die klinische Anwendung von hiPS-Zellen aufzeigen. Hierbei werden insbesondere die rechtlichen Anforderungen untersucht, die im Rahmen der Anwendung zukünftiger Therapien mit hiPS-Zellen in den deutschen und österreichischen Kliniken zu beachten sind. Darüber hinaus wird auf den EU-Rechtsrahmen eingegangen und festgestellt, inwieweit die klinische Anwendung von hiPS-Zellen auf europäischer Ebene harmonisiert ist. Ferner werden rechtliche Mängel und Lücken im deutschen Regulierungsansatz identifiziert und Handlungsempfehlungen für den deutschen Gesetzgeber gegeben. Teilprojekt 3 soll zudem als rechtlicher Leitfaden für Ärztinnen und Ärzte, Forscherinnen und Forscher sowie Patientinnen und Patienten dienen. Es wird die deutsche mit der österreichischen Rechtslage verglichen und es werden die rechtlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Hinblick auf die klinische Anwendung von hiPS-Zellen aufgezeigt. Darüber hinaus wird der EU-Rechtsrahmen analysiert und der Umfang der EU Harmonisierung ermittelt. Ferner werden rechtliche Mängel und Lücken identifiziert und behoben.
TP1: Naturwissenschaftliche Grundlagen
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Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT) |
Leiter: |
Prof. Dr. Guenter Fuhr |
TP2: Ethische Analyse
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Georg-August-Universität Göttingen |
Leiterin: |
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Retterbeziehungen: Stammzelltransplantationen und Retterbeziehungen. Ethik, narrative Rekonstruktion und psychosoziale Implikationen pädiatrischer Blutstammzelltransplantationen.
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Universität zu Lübeck |
Leiter: |
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Über die langzeitlichen psychosozialen und ethischen Implikationen allogener Blutstammzelltransplantationen für die Familienmitglieder und über die Veränderungen, die sich in den Familienbeziehungen ergeben können, ist wenig bekannt. Die emotionale Anpassung, die Widerstandsfähigkei und die Ängstlichkeit wurden quantitativ in Studien bis zu 1 Jahr post-operativ gemessen. Geplant ist eine explorative qualitative empirische Ethik-Studie über die Ansichten von Spendern, Empfängern und anderen betroffenen Familienangehörigen zur Bedeutung dieser Operation und zu ihrer eigenen narrativen, biographischen und ethischen Verarbeitung, die den Ereignissen der Transplantation zwischen den Geschwistern im pädiatrischen Kontext folgt. Die Studie berücksichtigt geglückte als auch missglückte Operationen, sowie Rückblicke in zeitlich kurzen, mittleren und längeren post-operativen Abständen. Das gewonnene Wissen könnte wichtig sein, um ethische Implikationen auch anderer Stammzelltransplantationen besser zu verstehen. Mehr als 90 qualitative face-to-face Interviews in 30 Familien in Deutschland, die eine Transplantation von hämatopoietischen Stammzellen zwischen Geschwistern erlebt haben, sind geplant. Erforscht werden die Implikationen und die Integration der vergangenen Ereignisse in das Leben der Teilnehmenden, ihre Familienbeziehungen, ihre Identität und ihre Biographien.