Neuroscience
Durch die Neurowissenschaften wird unser grundlegendes Verständnis von Struktur und Funktion des menschlichen Gehirns unter gesunden und krankhaften Bedingungen ständig erweitert. Diese Erkenntnisse sind wichtig, um neue
Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten für Patientinnen und Patienten zu entwickeln, die an neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen leiden. Allerdings können neurowissenschaftliche Erkenntnisse auch bedeutsame gesellschaftliche Auswirkungen haben. Es stellen sich grundlegende Fragen, wie z. B.: Welche Bedeutung hat die psychiatrische Neurochirurgie, und wie sieht die internationale Gesetzgebung dazu aus? Welche Konsequenzen hat die nicht vollständig sichere Diagnose einer Erkrankung lange vor Auftreten der ersten Symptome für Patienten und ihre Angehörigen? Welche Möglichkeiten bietet eine Interaktion von Mensch und Maschine für Patienten? Wie beeinflusst diese das soziale Umfeld, und wer haftet für mögliche Unfälle? Wie kann eine Einwilligung von demenzkranken Patienten zu klinischer Forschung aussehen?
Für die Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen ist der internationale Vergleich und die Zusammenarbeit ausgewiesener Experten aus verschiedenen Ländern ein großer Vorteil. Das BMBF beteiligt sich daher an transnationalen Projekten im Rahmen des Netzwerkes ERA-NET NEURON („Network of European Funding for Neuroscience Research“) zu ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekten der Neurowissenschaften (ethical, legal and social aspects of Neurosciene). Aufgrund der hohen gesellschaftlichen Relevanz der Neurowissenschaften werden diese Projekte von ERA-Net NEURON parallel zu den laufenden neurowissenschaftlichen Projekten gefördert.
INSOSCI: Die Integration transdisziplinärer Forschung in den Neurowissenschaften und den Wirtschaftswissenschaften: Eine methodologische Fallstudie zum Verhältnis von Wirtschaftspolitik und neurowissenschaftlich fundierter Handlungstheorie
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Private Universität Witten/Herdecke gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Fakultät für Wirtschaftswissenschaft
Alfred-Herrhausen-Str. 50
58455 Witten
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Leiter:
Tel.:
FKZ:
Betrag:
Laufzeit:
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Prof. Dr. Jens Harbecke
02302 926-511
01GP1625
309.385 EUR
01.04.2016 - 31.03.2019
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Die Regierungen der westlichen Welt suchen zunehmend den Austausch mit Experten der Neurowissenschaften und der Sozialwissenschaften, um sich von ihnen bei Gesetzesvorhaben beraten zu lassen. Ein Ansatzpunkt ist die Forschung zu den Grenzen rationalen Verhaltens in Zusammenhängen wie Finanzmärkten, Konsumgewohnheiten oder Suchtverhalten. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen genutzt werden, um Menschen durch entsprechende gesetzliche Vorgaben behutsam zu einem Verhalten zu drängen (‚nudging’), dass letztlich stärker ihren eigenen Interessen entspricht. In der Vergangenheit haben solche Vorhaben jedoch oft eine mangelnde Effektivität aufgewiesen. Zum anderen gerieten sie teilweise mit den grundlegenden Rechten und Freiheiten des Einzelnen in Konflikt. Vor allem fehlte ein konzeptioneller Rahmen, der verschiedene Disziplinen adäquat integrieren könnte. Die unterschiedlichen Realitätsebenen und Handlungshebel zeigen sich auf Seiten der Neurowissenschaften unter anderem in Erkenntnissen über neuronale oder hormonelle Mechanismen, und auf Seiten der Sozialwissenschaften in Erkenntnissen über individuelle Entscheidungen und institutionelle Strukturen. Die Projekt-Partner in Belgien und Finnland beschäftigen sich mit der Sozialpolitik und dem Konsumentenschutz, sowie der Suchtbehandlung und -prävention. Das Wittener Teilprojekt wählt ein besonders hervorstechendes und politisch relevantes Thema zur Veranschaulichung aus: die Finanzmärkte. Einer weit verbreiteten Meinung zufolge erklären sich viele Dysfunktionalitäten an den Finanzmärkten aus einem Konflikt zwischen Emotion und Rationalität in individuellen Entscheidungsprozessen. Die Entwicklung eines theoretischen und methodischen Rahmens für die begriffliche und methodische Analyse dieses Konflikts ist das Anliegen dieses Teilprojekts, in dem Philosophen, Neurowissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftler eng zusammenarbeiten. Das Ziel ist die Identifizierung und Skizzierung eines neuartigen Lösungshorizonts für regulative ökonomische Interventionen auf der Basis der multidisziplinären Integration neurowissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Modelle.
http://www.insosci.eu/
PreDADQoL: Ethische und Rechtliche Rahmenbedingungen für die Prädiktion der Alzheimer-Erkrankung: Lebensqualität von Risikopatienten und deren nahen Angehörigen
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Universität zu Köln
ceres - Cologne Center for Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health
Albertus-Magnus-Platz
50931 Köln
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Leiterin:
Tel.:
FKZ:
Betrag:
Laufzeit:
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Prof. Dr. Christiane Woopen
0221 470-89100
01GP1624
372.974 EUR
01.06.2016 - 31.05.2019
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Fortschritte bei der Untersuchung sog. cerebrospinalen Liquors auf Biomarker und bei bildgebenden Verfahren in der Neurologie ermöglichen inzwischen die prädiktive Diagnose der Alzheimer-Krankheit (AD) bei Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung, einer Risikosymptomatik für AD. Die Vorhersagegenauigkeit beträgt aber nur etwa 80%. Obwohl bis heute keine wirksame Therapie der AD für solche Patienten existiert, wird die prädiktive Biomarkeranalyse immer häufiger durchgeführt und auch von den Patienten selbst verlangt. Ein ethischer und rechtlicher Rahmen für diese Art prädiktiver Tests wurde bislang nicht herausgearbeitet; Leitlinien und Handreichungen für die Beratung und Aufklärung der Patienten existieren ebensowenig. Mit dem Projekt soll erstmals ein Rahmen der ethischen und rechtlichen Regeln geschaffen sowie Empfehlungen für den klinisch-praktischen Umgang mit den prädiktiven Möglichkeiten entwickelt werden. Diese neuartige länderübergreifende und empirisch fundierte normative Untersuchung ist nicht zuletzt angesichts des schnell und stetig zunehmenden weltweiten Einsatzes der prädiktiven Diagnose von AD dringend erforderlich.
ENSURE: Förderung und Beurteilung der Selbstbestimmungsfähigkeit von Menschen mit Demenz im Zusammenhang mit der Einwilligung in klinische Studien
Das Verbundprojekt ENSURE zielt darauf ab, interdisziplinäre Empfehlungen für die Entwicklung eines Handlungsmodells für den Prozess der informierten Einwilligung in der klinischen Demenzforschung abzuleiten, das es ermöglichen soll a) Einwilligungsfähigkeit von Menschen mit Demenz zu fördern, b) die Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit zu verbessern, c) Personen zu schützen, die nicht einwilligungsfähig sind und d) einen ethisch vertretbaren Einschluss von Untersuchungsteilnehmern in klinische Demenzforschung zu gewährleisten. Die Ergebnisse des Verbundprojekts sollen zu einem ausgewogenen Verhältnis von Autonomie und Fürsorge beitragen sowie Rechts- und Handlungssicherheit beim Einholen der informierten Einwilligung in klinische Demenzforschung ermöglichen. Um diese Ziele zu erreichen, werden von vier internationalen Projektpartnern in Deutschland, Spanien und Portugal vier interdisziplinär verlinkte Subprojekte in drei aufeinander aufbauenden Studienphasen durchgeführt.
TP1 Gerontologie
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Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
FB 04 Erziehungswissenschaften
Frankfurter Forum für interdisziplinäre Alternsforschung
Theodor-W.-Adorno-Platz 6
60323 Frankfurt am Main
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Leiterin:
Tel.:
FKZ:
Betrag:
Laufzeit:
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Dr. Julia Haberstroh
069 798-36411
01GP1623A
295.994 EUR
01.06.2016 - 31.05.2019
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Das Teilprojekt Gerontologie zielt im speziellen darauf ab, 1) demenz- und landesspezifische Bedarfe zu identifizieren, 2) Tools zur Unterstützung des Prozesses der informierten Einwilligung zu entwickeln und zu evaluieren sowie 3) diesbezügliche Handlungsempfehlungen zur Verfügung zu stellen.
TP2 Ethik
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Ruhr-Universität Bochum
Medizinische Fakultät und Klinikum
Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin
Markstr. 258 a, Malakowturm
44799 Bochum
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Leiter:
Tel.:
FKZ:
Betrag:
Laufzeit:
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Prof. Dr. Dr. Jochen Vollmann
034 32-23394
01GP1623B
285.638 EUR
01.06.2016 - 31.05.2019
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Ziele des Teilprojektes Ethik sind: 1) Konzeptionelle Grundlagen der informierten Einwilligung und der unterstützten Entscheidungsfindung vor dem Hintergrund der UN-BRK zu untersuchen und ihre Implikationen für die klinische Demenzforschung ethisch zu beurteilen. 2) Normative Grundfragen im Zusammenhang mit der Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit (z.B. kategoriales vs. graduelles Verständnis von Einwilligungsfähigkeit) zu klären und Potenziale der Nutzerbeteiligung in der klinischen Demenzforschung zu diskutieren. 3) Die gewonnenen konzeptionellen und ethischen Ergebnisse für die gemeinsamen interdisziplinären Handlungsempfehlungen nutzbar zu machen, damit Selbstbestimmung und Schutz der Probanden in der klinischen Demenzforschung gleichermaßen Berücksichtigung finden.
INTERFACES: Internationales Forschungsprojekt zu ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekten von Brain-Computer-Interfaces (BCI)
Das Ziel des internationalen Verbundprojektes INTERFACES liegt in der Identifikation und Analyse ethischer, rechtlicher und sozialer Herausforderungen, die durch Brain-Computer- Interfaces (BCI) und ihre sich derzeit intensivierende Nutzung in Forschung, Gesundheitsversorgung und anderen gesellschaftlichen Kontexten auftreten. Dazu arbeiten zwei deutsche Verbundpartner aus München und Hamburg eng mit zwei internationalen Partnern in Spanien und Kanada zusammen.
TP1 Konzeptionelle Analyse und Interviewstudie
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Ludwig-Maximilians-Universität München
Medizinische Fakultät
Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin
Lessingstr. 2
80336 München
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Leiter:
Tel.:
FKZ:
Betrag:
Laufzeit:
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Dr. Dr. Ralf Jox
089 2180-72785
01GP1622A
325.924 EUR
01.05.2016 - 30.04.2019
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Die Haupt-Ziele von Teilprojekt 1 sind: 1)
Aufklärung des Begriffs der Handlung im Kontext von BCI (Handlungskontrolle, Fremd- und Selbstzuschreibung von Urheberschaft für Handlungen sowie mögliche Täuschungen, mentale Handlungen, Handlungen durch mehrere Personen); 2) Analyse der BCI-bedingten Herausforderungen für Fragen der Autonomie und des Schutzes der Privatsphäre (informierte Einwilligung durch BCI, Privatheit von "Neuro-Daten"); 3) Qualitative Untersuchung der Erfahrungen, Erwartungen und Befürchtungen von BCI-erfahrenen Patienten und ihren Angehörigen in Bezug auf die Nutzung von BCIs.
TP2 Ethisch-rechtliche Analyse
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Universität Hamburg
Fakultät für Rechtswissenschaft
Rothenbaumchaussee 33
20148 Hamburg
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Leiter:
Tel.:
FKZ:
Betrag:
Laufzeit:
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Dr. Jan Christoph Bublitz
0176 82053992
01GP1622B
150.032 EUR
01.05.2016 - 30.04.2019
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Das rechtsethische Teilprojekt untersucht Fragen der Verantwortlichkeit und Haftung für Handlungen, die durch BCIs ausgelöst oder gesteuert werden, u.a. mit Blick auf den rechtlichen Handlungsbegriff. Auch analysiert es Eingriffe in die Privatheit mentaler Daten, die durch BCIs ausgelesen werden. Schließlich widmet es sich offenen Fragen der Regulierung von BCIs. Das Teilprojekt liefert zudem Beiträge für die empirischen Untersuchungen der Projektpartner und wirkt bei der Erstellung einer Handgabe für Entscheidungsträger (policy brief) mit.
PNS: Ethische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte der modernen psychiatrischen Neurochirurgie
Ziel des Verbundprojekts „PNS“ ist die umfassende Untersuchung psychiatrischer Neurochirurgie. Dabei wird die Bedeutung der tiefen Hirnstimulation mit der Bedeutung der Mikro-/Radiochirurgie verglichen und die internationale Gesetzgebung gegenübergestellt. Als mögliche Anwendung wird die Behandlung pädophiler oder psychopathischer Straftäter beispielhaft untersucht. Hierzu arbeiten zwei deutsche Verbundpartner aus Ethik und Recht eng mit drei internationalen Partnern in Spanien, Kanada und Belgien zusammen. Gemeinsam arbeiten sie Empfehlungen für eine verantwortliche Entwicklung der psychiatrischen Neurochirurgie aus, um sie Fachgesellschaften und Ethikausschüssen zukommen zu lassen.
TP1 Ethik
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Charité - Universitätsmedizin Berlin
Campus Charité-Mitte
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Charitéplatz 1
10117 Berlin
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Leiterin:
Tel.:
FKZ:
Betrag:
Laufzeit:
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PD Dr. Sabine Müller
030 450517263
01GP1621A
379.668 EUR
01.04.2016 - 31.03.2019
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Es werden ethische Fragen des gesamten Gebiets der psychiatrischen Neurochirurgie inklusive ablativer Methoden betrachtet. Da internationale Medienberichte eine kritische Rolle für die öffentliche Akzeptanz neuer Technologien spielen und indirekt Einfluss auf die diesbezügliche Gesetzgebung ausüben, wird zudem die Berichterstattung der internationalen Medien über die psychiatrische Neurochirurgie untersucht. Weiterhin werden ethische Fragen zur psychiatrischen Neurochirurgie (Tiefe Hirnstimulation sowie ablative stereotaktische Neurochirurgie) mit Hilfe empirischer Methoden untersucht. Insbesondere werden die Entscheidungsfindung von Patienten, sowie deren Erfahrungen und die Erfahrungen ihrer Angehörigen mit der gewählten Behandlung betrachtet. Dabei liegt der Schwerpunkt auf möglichen Persönlichkeitsveränderungen und sozialen Anpassungsprozessen.
TP2 Recht
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Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät
Bürgerliches Recht, Zivilprozeßrecht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung
Adenauerallee 24-42
53113 Bonn
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Leiter:
Tel.:
FKZ:
Betrag:
Laufzeit:
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Prof. Dr. Dr. Tade M. Spranger
0228 3364-1953
01GP1621B
174.923 EUR
01.04.2016 - 31.03.2019
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Im juristischen Teilpaket soll die aktuelle nationale und internationale Gesetzgebung analysiert werden. Die rechtlichen Voraussetzungen und Grenzen für die Anwendung der psychiatrischen Neurochirugie sollen aufgezeigt und bewertet werden. Hierbei sollen vor allem rechtliche Herausforderungen sowie mögliche Vorlagen für gesetzgeberische Aktivitäten in den Fokus gesetzt werden. Dabei werden auch bioethische Diskurse berücksichtigt.
Stand 03.07.2017