Demenz: Wenn Vergesslichkeit zur Krankheit wird

Die Suche nach geeigneten Therapien ist eines der wichtigsten Forschungsfelder der Neurowissenschaften. Entscheidend ist, die Ursache der Demenz abzuklären.

Der Preis der hohen Lebenserwartung

Zunehmende Vergesslichkeit ist ein Phänomen, das bei alten Menschen häufig auftritt. Wenn gelegentlich der Schlüssel verlegt oder die Brille vergessen wird, dann ist das noch keine Erkrankung, sondern eine bis zu einem gewissen Grade unvermeidliche Begleiterscheinung des Alterns. Vergesslichkeit kann aber auch zur Krankheit werden, wenn sie so ausgeprägt ist, dass sie einen normalen Alltag erschwert oder unmöglich macht. Bei krankhafter Vergesslichkeit sprechen Ärztinnen und Ärzte von Demenz. Es handelt sich um eine Erkrankung, die stärker als jede andere Erkrankung mit dem Lebensalter korreliert ist. Etwa ein Prozent der 65- bis 69jährigen Menschen in Deutschland leiden unter einer Demenz. Bei den 75- bis 79jährigen sind es schon 6 Prozent. Und bei den 85- bis 89-jährigen sind es 24 Prozent (Max Planck-Institut für Bildungsforschung; Berliner Altersstudie). Nachdem die Zahl der hochbetagten Menschen im Zuge des demographischen Wandels in den kommenden Jahrzehnten stark ansteigen wird, dürfte auch die Demenzhäufigkeit zunehmen. Derzeit leben in Deutschland rund 1,3 Millionen Frauen und Männer mit einer Demenz. Schätzungen zufolge werden es im Jahr 2050 voraussichtlich 2,6 Millionen sein (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend). Die zunehmende Häufigkeit der Demenz ist einer der Preise, den die Menschen für ihre steigende Lebenserwartung bezahlen.

Ein Symptom, viele Ursachen

Die Demenz ist keine einheitliche Erkrankung, sondern ein Sammelbegriff für krankhafte Vergesslichkeit unterschiedlicher Ursache. Gemeinsam ist allen Demenzformen, dass Nervenzellen zugrunde gehen, die für das Gedächtnis unverzichtbar sind. Entsprechend wird die Demenz als eine Form der neurodegenerativen Erkrankungen klassifiziert. Deutliche Unterschiede gibt es bei den Ursachen für die Neurodegeneration. Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Demenz, eine primär-neurodegenerative Erkrankung, bei der Nervenzellen des Gehirns aus noch nicht völlig geklärter Ursache zugrunde gehen. Typisch für die Alzheimer-Demenz ist eine zunehmende Vergesslichkeit, die die Betroffenen auch selbst an sich bemerken. Für Angehörige, die den betreffenden Menschen jahrzehntelang kannten, ist das in vielen Fällen schwer einzuordnen und oft auch schwer zu ertragen. Bei der Alzheimer-Demenz bilden sich in den Nervenzellen Eiweißplaques, also Konglomerate aus bestimmten Eiweißmolekülen, die bei Gesunden nicht in diesem Maße auftreten. Die derzeit gängigste Hypothese zur Alzheimer-Demenz bringt diese Plaques ursächlich mit den Demenzsymptomen in Verbindung. Die frontotemporale Demenz (Pick-Krankheit) ist eine weitere primär-neurodegenerative Form der Demenz. Bei dieser Erkrankung gehen vor allem Nervenzellen zugrunde, die sich im Stirn- und Schläfenlappen des Großhirns befinden. Typisch ist, dass sich Persönlichkeit und Verhalten des Betreffenden stark verändern, oft lange bevor die Gedächtnisstörungen augenfällig werden. Die zweithäufigste Form der Demenz ist die vaskuläre Demenz. Hierbei handelt es sich um eine sekundär-neurodegenerative Erkrankung: Die Ursache für das Absterben der Nervenzellen ist eine chronische Unterversorgung, wie sie typischerweise bei einer Verkalkung („Atherosklerose“) der Blutgefäße des Gehirns auftritt. Die vaskuläre Demenz tritt oft im Zusammenhang mit Schlaganfällen auf. Es gibt aber auch Mikroverkalkungen von Hirngefäßen, die zu einer vaskulären Demenz führen können, ohne dass vorher ein „großer“ Schlaganfall aufgetreten wäre. Die Unterscheidung zwischen Alzheimer-Demenz und vaskulärer Demenz ist nicht immer möglich. Wahrscheinlich gibt es viele Menschen, bei denen sowohl eine Veranlagung als auch Veränderungen der Blutgefäße zur Vergesslichkeit beitragen.

Früh erkennen, gezielt therapieren

Die Demenz ist derzeit nicht heilbar, wenn sie bereits zu Symptomen wie ausgeprägten Gedächtnisstörungen führt. Mit den so genannten ‚Cholinesterasehemmern’ und den ‚NMDA-Rezeptorblockern’ gibt es zwei Medikamentenklassen, die die Abnahme der Leistungsfähigkeit des Gehirns für eine gewisse Zeit bremsen können. Der Effekt ist aber vorübergehend. Eines der Probleme bei der Demenztherapie ist, dass sie zu spät kommt: Wenn eine Demenzerkrankung ausgeprägte Symptome zeigt, dann sind viele Nervenzellen bereits irreversibel geschädigt. Ein wichtiger Eckpfeiler der Demenzforschung ist deswegen die Entwicklung neuer Diagnosemethoden, mit denen sich eine drohende Erkrankung erkennen lässt, bevor ausgeprägte Gedächtnisstörungen auftreten. Die Hypothese ist, dass eine gezielte Therapie in diesem frühen Stadium dazu beitragen kann, das Absterben von Nervenzellen zu verhindern und damit die Entwicklung von Demenzsymptomen deutlich zu verzögern.

Vorbeugen ist besser als behandeln

Welche Medikamente für eine gezielte Frühtherapie in Frage kommen, ist bisher noch nicht klar. Eine große Zahl von Forschungsprojekten beschäftigt sich mit der Suche nach solchen „neuroprotektiven“ Substanzen. Unabhängig davon kann jeder Einzelne dazu beitragen, sein Demenzrisiko zumindest zu senken. Eine Reihe von epidemiologischen und klinischen Studien zeigen beispielsweise, dass regelmäßige körperliche Betätigung mit einer geringeren Häufigkeit von Demenz im Alter einhergeht. Bei Patientinnen und Patienten mit erhöhtem Blutdruck korreliert eine gute Blutdruckeinstellung mit einem geringeren Demenzrisiko (Deutsche Hochdruckliga). Auch wer auf sein Körpergewicht achtet und starkes Übergewicht vermeidet, hat in Sachen Demenzentwicklung im Alter statistisch die besseren Karten: Ein Body Mass Index (BMI) von über 30 ist aktuellen Daten zufolge mit einem vierfach höheren Demenzrisiko vergesellschaftet (Schwedisches Zwillingsregister). Und schließlich ist der Verzicht auf Zigaretten ebenfalls ein potentes „Antidementivum“: Registerdaten zufolge entwickeln Raucher doppelt so oft eine Demenz wie Nichtraucher (Kaiser Permanente).

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