Ein Gen, das Panik auslöst - Veränderte Genaktivität ist an der Entstehung von schwerwiegenden Panikattacken beteiligt

Angst ist eine überlebenswichtige Reaktion des Menschen. Und jeder von uns war schon einmal ängstlich. Ängstlich vor einer Achterbahnfahrt, einer Prüfung oder weil eine Spinne in der Ecke hockt. Anders ist das bei Menschen mit Panikstörungen. Sie leiden unter massiven Ängsten und Panikattacken. Die Angst entwickelt bei ihnen eine Eigendynamik.

Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass bei einem Teil der Patienten mit Panikstörungen ein Gen mutiert und dadurch in seiner Aktivität verändert ist. Diese genetische Veränderung beeinflusst vermutlich die Kommunikation zwischen verschiedenen Bereichen des Gehirns und kann so unkontrollierte Angstempfindungen auslösen.

Es beginnt aus heiterem Himmel: Herzrasen, Atemnot, Schweißausbrüche und Zittern. Plötzliche und massive Angst- und Panikattacken ohne erkennbaren Auslöser sind typische Symptome von Patientinnen und Patienten mit Panikstörungen. Rund vier Prozent aller Menschen weltweit leiden im Laufe ihres Lebens an dieser Form der Angststörung. Es gibt Hinweise darauf, dass genetische Faktoren an der Entstehung von Panikstörungen beteiligt sind. „Bis ins Detail haben wir die Ursachen für solche psychischen Störungen zwar noch nicht verstanden, aber wir sind der Lösung jetzt noch ein Stück näher gerückt“, erklärt Dr. Angelika Erhardt vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Gemeinsam mit Wissenschaftlern vom Nationalen Genomforschungsnetz (NGFN) hat die Leiterin der Ambulanz für Angststörungen ein Gen identifiziert, das besonders im Gehirn aktiv und dort an der Entstehung von unkontrollierten Panikattacken beteiligt ist: TMEM132D. „Wir haben die Erbanlage von mehr als 900 Patientinnen und Patienten mit Panikstörungen im Vergleich zu über 900 Kontrollpersonen, die nicht unter Angst- und Panikattacken leiden, untersucht“, sagt Dr. Erhardt. Es zeigte sich, dass bei Patienten mit Panikstörungen oftmals das TMEM132D-Gen durch eine Mutation verändert ist. Hierbei sind zwar nur einzelne Bausteine des Gens vertauscht, aber mit unmittelbaren Folgen: „Patienten mit Panikstörungen, die diese Risikovariante des TMEM132DGens tragen, werden von deutlich schwerwiegenderen Panikattacken heimgesucht als Patienten ohne diese Mutation“, so Dr. Erhardt. Mit dem TMEM132D-Gen haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler möglicherweise einen neuen molekularen Angriffspunkt für angstlösende Medikamente entdeckt.

Mutiertes Gen ist hyperaktiv

Bei der Untersuchung von Gewebeproben verstorbener Patienten stellte sich heraus, dass durch die Mutation die Aktivität des Gens verändert wird. „Das mutierte Risikogen ist überaktiviert, produziert also mehr Eiweiße als nötig – dies ist insbesondere für den frontalen Kortex beim Menschen nachgewiesen“, beschreibt Prof. Dr. Markus Nöthen vom Institut für Humangenetik am Universitätsklinikum Bonn und Mitglied des NGFN, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Nicht nur beim Menschen ist das TMEM132D-Gen an der Entstehung und Ausprägung von Angst- und Panikstörungen beteiligt. Auch Mäuse, deren TMEM132D-Gen überaktiv ist, verhalten sich besonders ängstlich. „Und auch hier finden wir erhöhte TMEM132D-Eiweißmengen in angstrelevanten Gehirnregionen der Tiere. Diese genetische Veränderung und ihre molekularen Konsequenzen sind also vermutlich über die Evolution erhalten geblieben“, erklärt Professor Nöthen.

Kommunikation zwischen Hirnbereichen gestört

Aber wie löst eine höhere Konzentration an TMEM132DEiweißen im Gehirn tatsächlich eine Panikattacke aus? „TMEM132D ist vermutlich für die Ausbildung von Nervenzellverbindungen und damit für die neuronale Signalweiterleitung zwischen verschiedenen Hirnbereichen verantwortlich“, erklärt Dr. Erhardt. Die Wissenschaftler spekulieren, dass zu viel TMEM132D-Protein im Gehirn von Patienten mit Panikstörungen diese Kommunikation stört. Denn eine erhöhte Menge an TMEM132D-Eiweißen verändert die Aktivität in einem besonderen Bereich des frontalen Kortex, dem cingulären Kortex, der für die Verarbeitung von Angst- und Furchtauslösern wichtig ist. Der cinguläre Kortex ist eng mit dem Gefühlszentrum des Gehirns, der Amygdala, die unser Angstverhalten kontrolliert, verbunden. „Die erhöhte TMEM132D-Eiweißmenge verändert vermutlich die neuronale Kommunikation zwischen Kortex und Gefühlszentrum und begünstigt so die überschießenden Panikattacken“, beschreibt die Expertin.

BMBF-Broschüre„Seele aus der Balance“

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