Die Forschungsförderung zur individualisierten Medizin

In der Förderung wird indikationsoffen der Bogen von der Grundlagenforschung über die präklinische und klinisch-patientenorientierte Forschung bis in die Gesundheitswirtschaftgespannt und so – mit dem Ziel einer schnellen und effektiven Translation – die systematische Entwicklung von Produkten und Verfahren entlang des Innovationsprozesses ermöglicht.

Hierzu wird ein aufeinander abgestimmtes Spektrum an Förderaktivitäten angeboten und weiterentwickelt, das die Stufen des Innovationsprozesses adressiert. Regelmäßige Ausschreibungen dieser Förderaktivitäten geben Wissenschaft und Wirtschaft Verlässlichkeit und ermöglichen es, nach erfolgreichem Projektabschluss die Arbeit konsequent in einer nachfolgenden Stufe des Innovationsprozesses fortzusetzen. Bei der Entwicklung von Produkten und Verfahren ist häufig gerade der Übergang von einer Stufe des Innovationsprozesses zur nächsten problematisch. Deshalb wird zusätzlich zu den Fördermaßnahmen, die einzelne dieser Stufen adressieren, ein neues Förderinstrument entwickelt, das über mehrere Stufen hinweg strategische Partnerschaften zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Anwendern im Gesundheitssystem entlang des Innovationsprozesses unterstützt. So wird es möglich, dass innovative Ideen für neue Diagnose- und Therapieverfahren unter Nachweis ihres Nutzens für den Patienten rasch zur Marktreife gelangen.

Gesonderte Schwerpunkte liegen auf der Erforschung der seltenen Krankheiten und auf der Erforschung von Krankheitsaspekten, die für bestimmte Bevölkerungsgruppen spezifisch sind (z. B. Frauen/Männer, Menschen mit Migrationshintergrund, Kinder). Zu Prävention vgl. Aktionsfeld 3, zu Versorgungsforschung Aktionsfeld 4.

Lebenswissenschaftliche Grundlagenforschung

Umfangreiche, aufeinander abgestimmte Förderaktivitäten zielen insbesondere auf vier Bereiche der lebenswissenschaftlichen Grundlagenforschung: Medizinische Genomforschung – Die Zusammenführung von struktur- und funktionsbezogenen Daten mit Informationen über die Krankheitsentstehung und ihren Verlauf ermöglicht Rückschlüsse auf den Einfluss des Genoms, seiner Produkte sowie von Umwelteinflüssen bei multifaktoriell bedingten Krankheiten. Durch die Fördermaßnahmen des Nationalen Genomforschungsnetzes und der Medizinischen Infektionsgenomik, aber auch mithilfe der Beteiligung an internationalen Aktivitäten wie dem International Human Epigenome Consortium (IHEC) und dem ERA-NET on Genomics and

Genetic Epidemiology of Multifactorial Disease (GenERA) wird die Förderung im Rahmen dieses Programms dazu in den kommenden Jahren wichtige Beiträge leisten. Systembiologie – Molekularbiologische Methoden der Genom-, Proteom- und Metabolomforschung werden mit mathematischen Konzepten der Datenanalyse und Modellierung verknüpft. Dadurch wird es möglich, biologische Systeme in ihren funktionellen Eigenschaften zu verstehen und Vorhersagen über ihr Verhalten zu ermöglichen, wie beispielsweise bei Stoffwechselwegen, Zellorganellen, ganzen Zellen, Organen oder Organismen. Mit einem Innovationswettbewerb Systembiologie werden die bisherigen Aktivitäten gebündelt, das Potenzial des systembiologischen Forschungsansatzes für die Grundlagenforschung gestärkt und gleichzeitig Brücken hin zur Anwendung
geschlagen.

Computational Neuroscience – Konzeptioneller Forschungsansatz in der Hirnforschung, der Experiment, Datenanalyse und Computersimulation auf der Grundlage definierter theoretischer Konzepte verbindet und so ein besseres Verständnis der neuronalen Grundlagen kognitiver Leistungen ermöglicht. Die Computational Neuroscience stellt eine wissenschaftliche Sprache zur Verfügung, die fach- und ebenenübergreifend von der Neurobiologie sowie der Kognitionsforschung, Systembiologie und Informationstechnologie genutzt werden kann. Die Aktivitäten des Bernstein Netzwerks liefern wichtige Forschungsimpulse für die Computational Neuroscience.

Stammzellforschung – Wegen ihrer Regenerations-und Entwicklungsfähigkeit sind Stammzellen ein hervorragendes Forschungsobjekt, um die Steuerung und Entwicklung von Zellen sowie die Regenerationsmechanismen des Körpers zu untersuchen. Neben den gewebespezifischen (adulten) und den embryonalen sind in den vergangenen Jahren die induzierten pluripotentenStammzellen in den Mittelpunkt des Interesses der Stammzellforschung gerückt. Ein besseres Verständnis der Eigenschaften und Entwicklungsprozesse von Stammzellen erlaubt eine effiziente Nutzung als Testsysteme für die Entwicklung von Therapien und erleichtert eine spätere Nutzung in der regenerativen Medizin.

Präklinische Forschung

Ein kritischer Schritt in der Entwicklung neuer Therapeutika, Diagnostika oder Impfstoffe ist die Identifizierung von potenziellen Andockpunkten, möglichen Wirkstoffen und deren erste Überprüfung auf therapeutische oder diagnostische Wirksamkeit im Labor. Individuelle Behandlungen erfordern neben diagnostischen Verfahren zur Unterscheidung der Patienten die Existenz alternativer Therapieoptionen. Dabei kristallisiert sich heraus, dass immer weniger innovative Substanzen mit den klassischen Methoden der Pharmaforschung gefunden werden. Stattdessen kommen immer häufiger biotechnologische Verfahren zum Einsatz. Auch wurde aufbauend auf Ergebnissen der Grundlagenforschung ein großes Potenzial an molekularen Markern erschlossen. Eines der wesentlichen Probleme ist die Überprüfung ihres konkreten Nutzens für Therapieentscheidungen.

Derartige Forschungsarbeiten werden ebenso wie die Forschung zur Erweiterung der Therapiemöglichkeiten gefördert. Zudem wird künftig die Erforschung der Kombination neuer Diagnostik- mit Therapieverfahren unterstützt, denn erst durch diese Kombination erfolgt die eigentliche Individualisierung der Behandlungskonzepte. Die präklinische Forschung greift diese Ergebnisse auf und bringt sie in ein Stadium der Entwicklung, in dem sie gefahrlos am Menschen angewandt werden können.

Klinische Studien

Klinische Studien sind Motor für Innovationen in der Gesundheitsforschung und im Gesundheitswesen. Klinische Studien aller Prüfphasen sind aber mit einem hohen wissenschaftlichen, logistischen und finanziellen Aufwand verbunden, der vor allem der Patientensicherheit dient. Durch die Förderung der klinischen Forschung in Koordinierungszentren für klinische Studien, Studienzentren und Kompetenznetzen hat das BMBF in den vergangenen Jahren die Voraussetzungen für bundesweite und internationale Studiennetze geschaffen, um Forschungsergebnisse schneller in der Praxis anwenden zu können. Damit hat sich Deutschland im internationalen Vergleich eine sehr gute Position erarbeitet. Deutschland nimmt seit dem Jahr 2006 bei der absoluten Zahl der Studien innerhalb der EU die Spitzenposition ein. Dies lässt Rückschlüsse zu auf die Zahl der Studien durchführenden Zentren und auf die gute Infrastruktur für klinische Prüfungen in Deutschland insgesamt. Außerdem fördern BMBF und DFG gemeinsam nicht kommerzielle multizentrische klinische Studien.

Strategische Partnerschaften

für Translation Effiziente Translation soll das Ziel verfolgen, medizinischen Fortschritt, d. h. die Übertragung der Forschungsergebnisse in das Gesundheitswesen, zu beschleunigen, damit neue Erkenntnisse schneller als bisher den Menschen zugutekommen. Aus der synergistischen Zusammenarbeit von Wissenschaft, Biotechnologiefirmen, Kliniken, Pharmafirmen und – soweit zulässig – von Regulierungsbehörden ergeben sich dabei neue Möglichkeiten für Translation; neuartige Ansätze für innovative Produkte und Dienstleistungen können entstehen. Diese Ziele werden durch die Förderung strategischer Partnerschaften zur individualisierten Medizin verfolgt.

Erforschung seltener Krankheiten

Von der Individualisierung der Medizin profitiert auch die Erforschung seltener Krankheiten. Eine Erkrankung gilt nach der in der EU gültigen Definition als selten, wenn nicht mehr als fünf von 10.000 Personen darunter leiden. Zu den seltenen Krankheiten werden zwischen 5.000 und 8.000 Krankheiten gezählt; an ihnen leiden in Deutschland insgesamt etwa 2,5 bis 5 Millionen Menschen. Die Forschung zu seltenen Erkrankungen – besonders die klinische Forschung – ist mit erschwerten Ausgangsbedingungen konfrontiert. Dazu zählen vordringlich die geringe Anzahl an Patienten, eine die Durchführung von Studien erschwerende überregionale Verteilung und eine geringe Zahl von Wissenschaftlern, die an einer seltenen Erkrankungarbeiten. Im Rahmen des von BMG, BMBF und Achse e.V. etablierten Nationalen Aktionsbündnisses für Menschen mit seltenen Erkrankungen (NAMSE) wird daher gezielt die kooperative Forschung und Vernetzung von Wissenschaft und Klinik gefördert. Da etliche Erkrankungen auch durch Bündelung nationaler Kapazitäten nicht adäquat erforschbar sind, werden die nationalen Fördermaßnahmen zudem europäisch und international abgestimmt und ergänzt.

Europäische Zusammenarbeit

Die nationale Forschungsförderung wird flankiert durch Kooperation auf europäischer Ebene. Die Coordination & Support Action (CSA) zu Personalisierter Medizin (PerMed) ist eine Koordinierungs- und Unterstützungsmaßnahme mit 27 Partnern, die seit 2013 von der Europäischen Kommission finanziert wird. Koordiniert wird PerMed vom Projektträger im Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR PT) in enger Zusammenarbeit mit dem BMBF. Ziel des zweijährigen Projektes ist u.a. die Entwicklung von Empfehlungen für Forschungsaktivitäten sowie anderer Maßnahmen zur weiteren Etablierung von Personalisierter Medizin in Europa und darüber hinaus. Am 2. Juni 2015 wird eine, im Rahmen von PerMed entwickelte, Strategische Forschungs- und Innovationsagenda (Strategic Research and Innovation Agenda, SRIA) veröffentlicht und auf der Internetseite als kostenloser Download zur Verfügung gestellt (http://www.permed2020.eu/).

 

  • Aktionsfeld 2: Individualisierte Medizin

    Das Verständnis grundlegender Krankheitsmechanismen wächst, eine auf die individuellen Bedürfnisse und Voraussetzungen zugeschnittene Medizin wird greifbar. Damit rückt auch das Erreichen des Ziels näher, ein selbstbestimmtes Leben im Alter bei gutem Gesundheitszustand zu ermöglichen. Die Bundesregierung unterstützt deshalb die Entwicklung von Diagnostika und Therapeutika und spannt in der Förderung den Bogen entlang des Innovationsprozesses von der lebenswissenschaftlichen Grundlagenforschung über die präklinische und klinisch-patientenorientierte Forschung bis zur Marktreife.
    [mehr] (URL: http://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/aktionsfeld-2-individualisierte-medizin.php)
 

© BMBF 2017 - Alle Rechte vorbehalten.