Die Früherkennung von Erkrankungen, die schwere Folgen haben können, ist ein Sonderfall der Prävention, der zunehmend Bedeutung erlangt. Die Forschung kann helfen, die Frage zu beantworten, welche Früherkennungsangebote für den Einzelnen wirklich sinnvoll sind.
Beim Begriff Früherkennung denken die meisten Menschen spontan an die Krebsfrüherkennung. Sie ist tatsächlich eines der wichtigsten Teilsegmente der Früherkennung. Die meisten Krebserkrankungen entwickeln sich nicht von heute auf morgen, sondern über Jahre hinweg. Werden sie früh erkannt, dann befinden sie sich im Idealfall noch in einem Stadium, in dem eine Heilung möglich ist: Ein bösartiger Tumor, der früh erkannt und auf ein Organ oder eine Körperregion begrenzt ist, kann in vielen Fällen durch eine Operation vollständig entfernt werden. Gelingt das und hat der Tumor noch keine Absiedlungen („Metastasen“) gebildet, dann ist der Krebspatient nach einem solchen Eingriff meist geheilt. Noch günstiger ist es, Vorstufen von Krebserkrankungen zu erkennen und zu entfernen, bevor sich ein echtes Krebsgeschwür entwickelt.
Krebserkrankungen früh zu erkennen, ist leider nicht immer einfach. Wenn der Tumor Platz hat und sich ausdehnen kann, ohne wichtige Strukturen in Mitleidenschaft zu ziehen, wird er häufig erst sehr spät und nicht selten nur durch Zufall entdeckt. Krebserkrankungen im Bauchraum, aber auch der Lungenkrebs werden oft erst im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Gerade hier gibt es einen hohen Bedarf nach gezielter Früherkennung.
Früherkennung beschränkt sich nicht auf den Krebs. Im Herz-Kreislauf-Bereich beispielsweise können im Rahmen der
Früherkennung besonders gefährdete Menschen anhand ihres kardiovaskulären Risikoprofils identifiziert werden. Eine gezielte Therapie dieser Risikopatienten trägt dazu bei, Komplikationen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle zu verhindern. Die Früherkennung ist auch ein ganz wichtiger Bestandteil der Kinderheilkunde. Einer der Gründe für die Vorsorgeuntersuchungen im Kindes- und Jugendalter ist die Verhinderung von körperlichen wie auch sozialen Folgeschäden, wie sie beispielsweise bei Fehlsichtigkeit, Schwerhörigkeit oder bestimmten Gelenkanomalien wie der Hüftdysplasie auftreten können. Ganz zu Beginn des Lebens ist das genetische Neugeborenenscreening ebenfalls eine wichtige Form der Früherkennung, die es Kindern mit bestimmten Stoffwechseldefekten erlaubt, ein weitgehend normales Leben zu führen.
Die Früherkennung von Krankheiten ist eine wichtige Aufgabe von Gesundheitssystemen, die mehr sein wollen als Reparaturbetriebe. Sie kann auch gesundheitsökonomisch sinnvoll sein, weil dadurch unter Umständen Krankheiten verhindert werden, die sehr kostenintensiv sind, wenn sie erst spät entdeckt und behandelt werden. Im deutschen Gesundheitswesen ist deswegen eine ganze Reihe von Früherkennungsuntersuchungen regulärer Bestandteil der medizinischen Versorgung. Diese empfohlenen Untersuchungen werden von den Kostenträgern in vollem Umfang erstattet.
Im Kindesalter zählen dazu unter anderem das genetische Neugeborenenscreening und die Vorsorgeuntersuchungen U1 bis U9. Später im Leben haben Erwachsene ab dem 35. Lebensjahr alle zwei Jahre das Recht auf einen ärztlichen Gesundheitsüberprüfung (Check-up). Dabei wird der Betreffende befragt und körperlich untersucht. Es werden außerdem Laborwerte wie Blutzucker und Cholesterinspiegel bestimmt. Der Blutdruck wird gemessen und der Urin untersucht.
Im Bereich der Krebsfrüherkennung erstattet die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) derzeit bei Frauen die Früherkennungsuntersuchungen für Gebärmutterhalskrebs und Brustkrebs sowie bei Männern und Frauen die Hautkrebsfrüherkennung und die Darmkrebsvorsorge. Bei den Krebsfrüherkennungsuntersuchungen gibt es jeweils unterschiedliche Alterskorridore. Sie hängen mit dem unterschiedlichen Krebsrisiko in den unterschiedlichen Altersstufen zusammen.
Früherkennung ist wichtig, aber sie will gut evaluiert sein. Nicht bei jeder Erkrankung macht Früherkennung Sinn. Und nicht jede in der Theorie überzeugende Früherkennungsmaßnahme besteht auch den Praxistest. Eine wichtige Aufgabe der populationsbezogenen Forschung (auf bestimmte Bevölkerungsgruppen bezogene Forschung) in diesem Kontext besteht darin, mit Hilfe klinischer Studien den Nutzen von Früherkennungsmaßnahmen zu evaluieren, um klar belegen zu können, wer wann von welchen Maßnahmen profitiert. Häufig werden sich die Empfehlungen für Früherkennungsuntersuchungen als Ergebnis solcher Studien auf bestimmte Risikogruppen beschränken, bei denen das Verhältnis zwischen Nutzen und Risiko besonders günstig ist.