Geistige Behinderung: Ursache liegt oftmals in den Genen - Seltener als bislang vermutet erben Kinder die Mutation von ihren Eltern

Kommt ein Kind mit einer geistigen Behinderung zur Welt, machen sich die Eltern oftmals Vorwürfe. Haben wir während der Schwangerschaft etwas falsch gemacht? Tragen wir in unseren Erbanlagen eine Veranlagung für diese Behinderung? Hier können Wissenschaftler nun in vielen Fällen Entwarnung geben: Denn anders als bislang vermutet werden Gendefekte, die eine geistige Behinderung auslösen, nur selten von den Eltern auf ihre Kinder vererbt. Vielmehr treten bei einem großen Anteil der Patienten die Mutationen spontan auf.

Eltern von einem geistig behinderten Kind haben also in vielen Fällen kein wesentlich erhöhtes Risiko, dass auch ihr nächstes Kind mit einer geistigen Behinderung geboren wird.

Genetische Faktoren wurden als Ursache für geistige Behinderungen lange Zeit unterschätzt. „Vielmehr glaubte man, dass Entwicklungsverzögerungen und geistige Behinderungen durch ein Fehlverhalten der Mütter während der Schwangerschaft, durch Infektionskrankheiten oder Geburtsfehler ausgelöst werden. Tatsächlich spielen die Gene bei der Entstehung einer mentalen Retardierung aber eine wesentliche Rolle“, sagt Prof. Dr. André Reis vom Humangenetischen Institut in Erlangen. Für Betroffene und ihre Angehörigen ist die Frage, ob die Veranlagung für eine geistige Behinderung in der Familie liegt, von großer Bedeutung. „Viele Eltern von geistig behinderten Kindern verzichten auf weitere Kinder, weil sie besorgt sind, einen Gendefekt weiterzuvererben“, so Professor Reis. „Hier können wir in vielen Fällen Entwarnung geben.“ Denn Wissenschaftler des Netzwerks Mentale Retardierung haben mehr als 2.200 Patienten mit geistiger Behinderung und deren Familien genetisch untersucht. Sie konnten unterschiedliche Mutationen identifizieren, die die Hirnfunktion beeinträchtigen und so die Behinderung auslösen, aber nicht von den Eltern an die Kinder vererbt wurden. „Bei einem viel größeren Anteil der Patienten als bisher gedacht treten diese Mutationen neu, also spontan auf.“ Solche Neu-Mutationen entstehen nach der Befruchtung der Eizelle und sind nicht im Erbgut von Mutter oder Vater verankert. „In diesen Fällen können wir den Eltern nun sagen, dass sie kein wesentlich höheres Risiko für geistige Behinderungen in der Familiehaben als alle anderen Eltern“, erklärt Dr. Sabine Endele, Projektmanagerin des Netzwerks Mentale Retardierung, das sich mit der Aufklärung genetischer Ursachen der mentalen Retardierung beschäftigt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Nationalen Genomforschungsnetzes NGFN-Plus im Programm der Medizinischen Genomforschung gefördert wird.

Mutationen verändern Stromfluss im Gehirn

Ganz unterschiedliche Mutationen können eine mentale Retardierung verursachen. „So gibt es zum Beispiel Defekte, die ganze Chromosomenabschnitte betreffen, oder auch solche, bei denen nur ein einzelnes Gen verändert ist“, beschreibt Professor Reis. Den meisten Mutationen ist gemeinsam, dass sie die molekulare Signalübertragung zwischen den Nervenzellen verändern. Die Forscherinnen und Forscher des Netzwerks Mentale Retardierung haben beispielsweise bei Patienten Mutationen in Genen gefunden, die für bestimmte Ionenkanäle im Gehirn kodieren. „Ist etwa das Gen GRIN2B mutiert, das die Information für einen durch Neurotransmitter regulierten Ionenkanal, den NMDA-Rezeptor, trägt, verändert sich die Leitfähigkeit des Ionenkanals“, sagt Dr. Endele. Elektrische Impulse können im Gehirn dann nicht mehr korrekt übertragen werden und als Folge ist die Gehirnfunktion beeinträchtigt.

Hoffnung auf Therapien

„Auch wenn wir in den vergangenen Jahren rund zehn neue Gendefekte als Ursache für geistige Behinderung identifizieren konnten, kennen wir dennoch bei fast der Hälfte der Patienten die Ursache ihrer Behinderung nicht“, sagt Professor Reis. Neue Methoden der Genomforschung eröffnen den Forschern jedoch die Möglichkeit, die zugrundeliegenden genetischen Veränderungen nun systematischer, zuverlässiger und schneller als bisher zu untersuchen. Professor Reis: „Jede Mutation, die wir als Ursache für mentale Retardierung neu identifizieren, ist für die betroffenen Familien ein Hoffnungsschimmer. Denn je mehr wir über die molekularen Ursachen wissen, desto eher können auch mögliche Ansatzpunkte zur Therapie von genetisch bedingten Formen der mentalen Retardierung entwickelt werden.“ So wurden bereits Substanzen gegen die molekularen Ursachen des Fragilen-X-Syndroms entwickelt, eine der häufigsten Formen der genetisch bedingten mentalen Retardierung. Nach erfolgreicher Erprobung im Tierversuch werden die Substanzen derzeit in Therapiestudien mit Patienten untersucht. „Das gibt uns Anlass zur Hoffnung, dass medikamentöse Therapien auch für andere Formen der geistigen Behinderung möglich sein könnten“, so Professor Reis. Ohne genetische Forschung über viele Jahre zur Aufklärung der genetischen Ursache wäre dies nicht möglich.


Definition geistiger Behinderungen

Schätzungen zufolge leiden zwei bis drei Prozent der Bevölkerung unter einer leichten und bis zu 0,5 Prozent unter einer schweren Form der geistigen Behinderung. Eine geistige Behinderung ist gemäß der „American Association on Intellectual and Developmental Disabilities“ definiert als eine substanzielle Einschränkung kognitiver und sozialer Fähigkeiten mit Manifestation im Kindesalter. Mit ihr verbunden sind eine bleibende eingeschränkte Fähigkeit, neue oder komplexe Informationen zu verstehen, ein vermindertes Lernvermögen sowie eine eingeschränkte Selbstständigkeit. In schweren Fällen geistiger Behinderung sind die Patienten komplett pflegebedürftig und können kaum mit ihren Mitmenschen kommunizieren. Durch Bestimmung des Intelligenzquotienten (IQ) kann der Grad der Einschränkung gemessen werden. Experten sprechen bei einem IQ von 70 bis 85 von einer Lernbehinderung, bei einem IQ von unter 70 von einer leichten Intelligenzminderung und ab einem IQ von unter 50 von einer mittleren bis schweren geistigen Behinderung.
Ansprechpartner:
Prof. Dr. André Reis
Humangenetisches Institut
Universitätsklinikum Erlangen
Schwabachanlage 10
91054 Erlangen
Tel.: 09131 85–22020
Fax: 09131 85–23232
E-Mail: sabine.endele@uk-erlangen.de
 

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