Ob zu Hause oder im Job – der Umgang mit Stress will gelernt sein

Ob zu Hause oder im Job - der Umgang mit Stress will gelernt sein Jeder dritte Mensch in Deutschland steht unter Dauerstress. Viele Arbeitnehmer erkranken an Burnout. Deshalb sind gesundheitsfördernde Maßnahmen am Arbeitsplatz notwendiger denn je. Meist richten sich betriebliche Angebote zum Stressmanagement aber nur an Fach- und Führungskräfte. Nun gibt es erstmals eine Schulung, die sich speziell an geringqualifizierte Beschäftigte richtet und genau auf ihre Bedürfnisse und Situation abgestimmt ist.

Arbeitgeber erwarten von ihren Mitarbeitern immer vollen Einsatz. Aber nur wer gesund, leistungsfähig und motiviert ist, kann auch vollen Einsatz bringen. Viele Betriebe bieten deshalb ihren Beschäftigten Programme, Schulungen oder Weiterbildungen zur Gesundheitsförderung und zum Stressmanagement an. „Diese Maßnahmen richten sich aber in der Regel an Fach- oder Führungskräfte und nur selten an Geringqualifizierte, also an Beschäftigte ohne abgeschlossene Berufsausbildung oder Beschäftigte, die zwar eine Berufsausbildung besitzen, aber eine einfache Tätigkeit fern ihrer Ausbildung ausüben“, erklärt Dr. Christine Busch vom Fachbereich Psychologie an der Universität Hamburg. Aber gerade die Gruppe der Geringqualifizierten ist oftmals besonderen körperlichen und psychosozialen Belastungen ausgesetzt. „In Deutschland gibt es rund 4,3 Millionen Erwerbstätige ohne Berufsabschluss. Viele von ihnen üben körperlich schwere oder monotone Tätigkeiten in Schicht- und Nachtarbeit aus“, sagt Dr. Busch. Deshalb sollten gerade auch un- und angelernte Beschäftigte an ihrem Arbeitsplatz die Möglichkeit bekommen, an betrieblichen Maßnahmen zur Gesundheitsförderung teilzunehmen. Viele Unternehmen begründen das fehlende Angebot für ihre Beschäftigten damit, dass es keine geeignete Schulung gibt, die dieser Zielgruppe gerecht wird. Doch jetzt hat Dr. Busch mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erstmals eine Schulung entwickelt, die speziell auf die Bedürfnisse und Situation von geringqualifizierten Beschäftigten abgestimmt ist.

Das Programm kommt an!

ReSuM heißt das Programm, das gemeinsam mit verschiedenen Präventionsanbietern, zum Beispiel mit der AOK Westfalen-Lippe und Berlin sowie der IKK Baden-Württemberg entwickelt wurde. Und das Programm kommt an. „Wir haben das Programm in verschiedenen Betrieben ganz unterschiedlicher Branchen entwickelt und getestet, zum Beispiel mit Mitarbeitern der Stadtreinigung, mit Reinigungskräften aus verschiedenen Kommunen, mit Beschäftigten im Entsorgungsgewerbe und mit Teams aus verschiedenen Produktionsfirmen. Immer wieder waren die Resonanz und die Bewertungsergebnisse durchweg positiv“, freut sich Dr. Busch.

Um die Beschäftigten zu motivieren, an der Maßnahme zur Gesundheitsförderung teilzunehmen und diese auch erfolgreich abzuschließen, haben Dr. Busch und ihre Kolleginnen und Kollegen eine Team-Schulung entwickelt. „Mit einer Team-Schulung kann man auch Beschäftigte erreichen, die sich allein nicht für die Schulung angemeldet hätten – es gibt also eine Art positiven Gruppenzwang“, so die Psychologin. Wichtig für die Motivation ist auch, dass die Trainingsinhalte und Übungen nahe am beruflichen Alltag der Beschäftigten sind. „Denn nur wer sich in einem Angebot wiederfindet, ist auch motiviert mitzumachen. Das Programm sollte also auf die individuelle Lebens-, Arbeits- und Gesundheitssituation ausgerichtet sein.“

Auch die Chefs werden geschult

Das Programm ReSuM besteht aus vier Sitzungen von jeweils drei Stunden für die Beschäftigten und zwei Sitzungen für ihre direkten Vorgesetzten. „Denn die Vorgesetzten spielen eine wichtige Rolle für die Gesundheit der Beschäftigten. Sie gestalten im Wesentlichen die Arbeitsbedingungen ihrer Untergebenen. Sie sind gefragt, wenn es um die Anerkennung von Leistungen und persönliche Unterstützung und Förderung geht. All das wird im Vorgesetztentraining behandelt“, erklärt Dr. Busch.

Der erste Schulungstag für die Beschäftigten heißt „Kopf und Körper gut in Form“, und es geht in erster Linie um den individuellen Stress und die Bewegung in der Freizeit. „Viele der Beschäftigten, an die sich unsere Schulung richtet, achten in ihrer Freizeit wenig auf ihre Gesundheit und treiben kaum Sport. Wir möchten sie dazu animieren, denn Bewegung kann vor Stress schützen und ist eine sehr effektive Strategie, um Anspannungen abzubauen“, sagt Dr. Busch. Im zweiten Teil geht es um Teamarbeit, soziale Unterstützung und gegenseitige Wertschätzung. Die dritte Sitzung behandelt das gemeinsame Lösen von Problemen im Team. „Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen in diesen beiden Sitzungen, über ihre Zusammenarbeit nachzudenken, sich im Team gut abzustimmen, sich gegenseitig wertzuschätzen und bei Stress gemeinsam nach konstruktiven Lösungen zu suchen.“

Am letzten Tag geht es schließlich um die sogenannte Work- Life-Balance, also das Gleichgewicht zwischen verschiedenen Lebensbereichen. „Hier sollen die Teilnehmer persönliche Ziele herausarbeiten; anschließend wird ein Plan zur Umsetzung dieser Ziele erarbeitet“, so die Psychologin.

Soll ein Programm wie ReSuM auch langfristig gute Erfolge zeigen, ist es wichtig, dass in den Betrieben anschließend regelmäßige Teambesprechungen angeboten werden. „Die Inhalte des teambasierten Trainings können nur dann erfolgreich im Alltag umgesetzt werden, wenn die Mitarbeiter regelmäßig Raum und Zeit haben, um über ihre Zusammenarbeit im Team zu sprechen und Probleme gemeinsam anzugehen“, betont Dr. Busch.

Ein zweites Programm ist schon in Arbeit

Knapp ein Drittel der Un- und Angelernten in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. „Speziell für diese Beschäftigten entwickeln wir gerade ein eigenes Programm“, sagt Dr. Busch. Hier geht es unter anderem um Belastungen, die sich in einer multikulturellen Belegschaft ergeben, also zum Beispiel aufgrund von unterschiedlichen Normen und Wertvorstellungen. Damit richtet sich das Programm nicht nur an Migrantinnen und Migranten, sondern an alle Mitarbeiter in Betrieben, in denen Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen zusammenarbeiten.

Präventionsforschung

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert in seinem Schwerpunkt Präventionsforschung die Forschung zur primären Prävention und Gesundheitsförderung. In den Projekten – zu denen auch ReSuM gehört – werden neue Konzepte und Programme zur Prävention von Krankheiten entwickelt und erprobt. Darüber hinaus werden die Qualität und Wirkungsweise von bestehenden Präventionsmaßnahmen untersucht. Seit 2004 unterstützt das BMBF Vorhaben im Bereich der Präventionsforschung mit insgesamt mehr als 20 Millionen Euro.

Ansprechpartnerin:
Dr. Christine Busch
Universität Hamburg
Arbeits- und Organisationspsychologie
Fachbereich Psychologie
Von-Melle-Park 11
20146 Hamburg
Tel.: 040 42838-4198
Fax: 040 42838-2650
E-Mail: cbusch@uni-hamburg.de

  • Bekämpfung vernachlässigter und armutsbedingter Erkrankungen

    In den von Armut geprägten Regionen der Welt sind schwere Infektionskrankheiten allgegenwärtig. Sie fordern nach wie vor die meisten Todesfälle. Zu den bekannteste unter ihnen gehören HIV/AIDS, Malaria und Tuberkulose, aber auch nur lokal aufgetretene Epidemien wie das Ebola-Fieber.
    [mehr] (URL: http://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/vernachlaessigte-und-armutsbedingte-erkrankungen.php)
 

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