Die Forschung liefert immer neue Details für das Verständnis dieser Krankheiten. Bei der Therapie geht es darum, die Symptome zu lindern und Betroffene gesellschaftlich zu integrieren.
Wenn die Realität entrückt
Die Schizophrenie oder „Psychose“ ist für viele Menschen der Inbegriff psychischer Erkrankungen. Das liegt vor allem an der Symptomatik: Wer an Schizophrenie leidet, zieht sich oft nicht zurück, wie das depressive Menschen tun. Die Schizophrenie ist für Außenstehende sichtbar, hörbar, erlebbar. Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie zeigen ein breites Spektrum an so genannten Positivsymptomen: Sie sehen Dinge oder Menschen, die objektiv nicht da sind. Sie hören Stimmen, unterhalten sich, fühlen sich verfolgt. Diese Symptome treten nicht ständig auf, sondern episodisch. Der aus dem Altgriechischen entlehnte Begriff „Schizophrenie“ beschreibt das anschaulich: Die Schizophrenie wirkt wie eine „Spaltung“ der Seele, der Persönlichkeit, die bei vielen Betroffenen begleitet wird von so genannten Negativsymptomen, die denen einer Depression ähneln. Auch bei Patientinnen und Patienten mit Angststörungen und mit Zwangsstörungen ist die Realität auf eine für Außenstehende oft schwer nachvollziehbare Weise verzerrt. Menschen mit Angststörungen haben entweder diffuse Ängste, oder sie fürchten sich vor teilweise sehr spezifischen Dingen, die für gesunde Menschen nicht oder kaum angstbesetzt sind („Phobien“). Patientinnen und Patienten mit Zwangsstörungen dagegen haben das intensive Bedürfnis, bestimmte Dinge wieder und wieder zu tun, beispielsweise Ordnung herzustellen oder die Umgebung zu reinigen. Sie können ihre Handlungen dabei einerseits gut begründen. Andererseits leiden sie darunter und erkennen die Handlungen als unsinnig.
Die Schizophrenie kommt in allen bekannten Kulturen vor und ist in ihrer Häufigkeit relativ konstant. Die Lebenszeitprävalenz, also die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal in seinem Leben eine schizophrene Episode zu erleiden, liegt bei etwa einem Prozent. Eine bis drei von 10000 Personen erkranken pro Jahr neu an Schizophrenie, wobei Männer und Frauen ein in etwa gleiches Risiko haben (WHO). Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. In Befragungen geben etwa 14 Prozent der Deutschen an, im vergangenen Jahr unter einer Angststörung gelitten zu haben. Frauen sind dabei mehr als doppelt so häufig betroffen wie Männer (Bundes-Gesundheitssurvey). Zwangsstörungen sind dagegen vergleichsweise selten: Wiederkehrenden Zwangshandlungen oder Zwangsgedanken treten bei etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung auf (Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen).
Beteiligung von Genen und Umweltfaktoren
Wie bei den meisten psychischen Erkrankungen gibt es auch bei Schizophrenie eine gewisse genetische Veranlagung. Bei eineiigen Zwillingen liegt die Wahrscheinlichkeit, dass der Zwilling eines Erkrankten ebenfalls erkrankt, bei 45 Prozent. Bei zweieiigen Zwillingen war sie in unterschiedlichen Studien nur halb so hoch. Unstrittig ist aber auch, dass Umweltfaktoren eine gewichtige Rolle spielen. Soziokulturelle Untersuchungen zeigen, dass belastende Lebenssituationen das Auftreten von Schizophrenie-Episoden begünstigen. Wer in der Stadt aufwächst, hat ein höheres Schizophrenie-Risiko als Landkinder. Auch Alkohol- und Drogenkonsum ist mit dem Auftreten der Schizophrenie assoziiert. Von einer gewissen genetischen Veranlagung geht die medizinische Wissenschaft auch bei Angst- und Zwangsstörungen aus. Belastungssituationen, traumatisierende Erlebnisse in der Kindheit oder Lebenskrisen können die Erkrankung zum Ausbruch bringen. Im Einzelfall ist es allerdings oft schwer, die Ursache dingfest zu machen.
Multimodale Therapien zielen auf Integration statt Isolation
Die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie hat sich in den letzten Jahrzehnten radikal verändert. Noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein war es üblich, Betroffene für Jahre, nicht selten auch Jahrzehnte in geschlossenen psychiatrischen Anstalten zu behandeln. Ein zunehmendes Verständnis der Erkrankung, sowie Fortschritte in der medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapie der Schizophrenie haben dazu geführt, dass langfristige Aufenthalte in geschlossenen Psychiatrien in Deutschland selten geworden sind. Die Behandlung bei Schizophrenie zielt heute darauf ab, die Patientinnen und Patienten nicht zu isolieren, sondern zu integrieren. Ein wichtiges Hilfsmittel, um dieses Ziel zu erreichen, sind antipsychotische und – bei depressiver Begleitsymptomatik – auch antidepressive Medikamente. Psychotherapie, kognitive Verhaltenstherapie und soziotherapeutische Interventionen, bei denen das familiäre Umfeld und gemeindenahe Hilfesysteme eingebunden werden, sind zentrale Bausteine der Versorgung. Wird ein solches multiprofessionelles Versorgungskonzept konsequent umgesetzt, können Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie heute in aller Regel ambulant behandelt werden.
(URL: http://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/en/2281.php)
(URL: http://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/en/2552.php)