November 2017

| Newsletter 86

HOPE – Patientenkohorte für erbliche Netzhauterkrankungen

Augenforscher in Tübingen haben die Daten von mehr als 9.000 Menschen mit einer erblichen Netzhauterkrankung zusammengeführt. Das macht die Diagnose, die Vorhersagen zum Krankheitsverlauf und die Überwachung von Therapiestudien deutlich zuverlässiger.

Etwa 30.000 Menschen in Deutschland leiden unter einer erblichen Netzhauterkrankung. Die Erkrankungen bewirken, dass die Sehzellen der Netzhaut nach und nach absterben. Einige Betroffene erblinden mit der Zeit völlig. „Erbliche Netzhauterkrankungen gehören zu den seltenen Erkrankungen. Der Verlauf und die klinische Ausprägung sind sehr unterschiedlich, und man kennt mehr als 200 verschiedene Gendefekte, die eine solche Erkrankung verursachen können. Diese Faktoren erschweren die Prognosen zum Krankheitsverlauf, aber auch die Entwicklung geeigneter Therapien“, erläutert Prof. Bernd Wissinger. „Denn die Informationen zu den Krankheitsbildern stammen oft nur von wenigen Betroffenen und lassen daher nur begrenzt Rückschlüsse auf andere Erkrankte zu.“ Wissinger leitet das Molekulargenetische Labor des Forschungsinstitutes für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen. Darüber hinaus koordinierte er den nun beendeten Forschungsverbund HOPE („Erbliche Netzhauterkrankungen: Vom Patienten zur Therapie“), der durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde.

rechtes Auge

Etwa 30.000 Menschen in Deutschland leiden unter einer erblichen Netzhauterkrankung. Einige der Erkrankten erblinden mit der Zeit völlig.

KatelynK/iStock

In einem Teilprojekt des Verbundes haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Gruppen von Patienten mit gleichartiger genetischer Krankheitsursache zusammengeführt und ihre Daten detailliert studiert. Diese in der Fachsprache auch als Patientenkohorte bezeichneten Gruppen ermöglichen – neben einer genaueren Untersuchung der unterschiedlichen Krankheitsverläufe – auch die Identifizierung von klinischen Anzeichen, sogenannten Biomarkern, die beispielsweise das Fortschreiten der Krankheit verlässlich anzeigen. „Diese Biomarker können in Zukunft dazu beitragen, den Therapieerfolg besser einzuschätzen. Sie lassen Rückschlüsse auf die Wirksamkeit, aber auch auf die Sicherheit einer Behandlung zu“, ergänzt Wissinger.

Die Patientenkohorte baut auf einem umfangreichen Register und einer Biobank in der Abteilung für Augenheilkunde der Universitätsklinik Tübingen auf. Diese bietet bereits seit Längerem eine Spezialsprechstunde für erbliche Netzhauterkrankungen an. Für mehr als 9.000 der beteiligten Patientinnen und Patienten liegen neben detaillierten Beschreibungen des Krankheitsverlaufes auch gendiagnostische Ergebnisse vor – oder es sind DNA-Proben eingelagert, sodass die Untersuchungen kurzfristig durchgeführt werden können.

Standardisiertes Untersuchungsprotokoll entwickelt

Aufbauend auf den Daten der Patientenkohorte entwickelten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des HOPE-Projektes ein wissenschaftlich abgesichertes Untersuchungsprotokoll. Dieses ermöglicht die präzise Zuordnung der Erkrankten zu bestimmten Patientengruppen. Das Protokoll umfasst neben einer molekulargenetischen Analyse des Erbguts unter anderem auch bildgebende und neuropsychologische Diagnoseverfahren. „Zukünftig kann dieses Untersuchungsprotokoll auch zur verlässlichen Verlaufskontrolle geplanter Therapiestudien eingesetzt werden“, ergänzt Dr. Nicole Weisschuh, eine Mitarbeiterin der Forschungsgruppe von Bernd Wissinger, die ebenfalls am HOPE-Projekt beteiligt war. „Eine Heilung der erblichen Netzhauterkrankungen ist heute zwar noch nicht möglich, aber es gibt bereits eine Reihe interessanter und innovativer Behandlungsansätze. Zum Teil befinden sich diese sogar bereits in der klinischen Erprobung.“

Studie zur gentherapeutischen Behandlung einer erblichen Netzhauterkrankung

Eine vielversprechende Möglichkeit, erbliche Netzhauterkrankungen zukünftig heilen zu können, ist die Gentherapie. Sie zielt darauf ab, die Funktion des defekten Gens wieder herzustellen. Dies geschieht beispielsweise, indem eine gesunde Kopie des Gens in die Netzhautzellen eingeschleust wird. Die erste gentherapeutische Studie zur Behandlung einer erblichen Netzhauterkrankung in Deutschland startete im November 2015. An ihr nehmen neun Patientinnen und Patienten teil, die über die Patientenkohorte des HOPE-Projektes ausgewählt wurden.

Forschung für seltene Erkrankungen

Seit 2003 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Netzwerke, die sich der Erforschung von Ursachen und der Entwicklung möglicher Therapieansätze bei seltenen Erkrankungen widmen. Für die Patienten und deren Familien hat diese Grundlagen- und Therapieforschung einen sehr hohen Stellenwert. Die vom BMBF 2016 im Rahmen der Förderrichtlinie „Forschung für seltene Erkrankungen“ positiv beschiedenen Forschungsverbünde arbeiten zu spezifischen Erkrankungsgruppen wie zum Beispiel Dystonien, neuromuskulären Erkrankungen oder angeborenen Immundefekten. Zahlreiche universitäre und außeruniversitäre Forschungsinstitute arbeiten in diesen Verbünden zusammen, um übergreifende Forschungsfragen zu erörtern und ihre Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Hierbei unterstützt sie ein Koordinierungszentrum.

Mehr Informationen: www.research4rare.de

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Bernd Wissinger
Molekulargenetisches Labor
Forschungsinstitut für Augenheilkunde
Universitätsklinikum Tübingen
Elfriede-Aulhorn-Straße 5–7
72076 Tübingen
wissinger@uni-tuebingen.de