Kaviar für das Image, Schokolade gegen Stress

Warum und wann wir etwas Bestimmtes essen, und wie sich Stress auf das Ernährungsverhalten auswirkt, untersuchte der interdisziplinäre Forschungsverbund EATMOTIVE an den Universitäten Konstanz und Mannheim sowie am Karlsruher Institut für Technologie.

Jugendliche essen Pommes

Die Wissenschaftler des Forschungsverbundes EATMOTIVE untersuchten, warum wir essen, was wir essen.

DLR-PT/BMBF

Um die vielfältigen Gründe hinter dem Ernährungsverhalten systematisch zu erfassen, haben Prof. Dr. Britta Renner, Dr. Gudrun Sproesser, Stefanie Strohbach und Prof. Dr. Harald Schupp die Fachliteratur gesichtet sowie Laien und Fachleute der Diätetik und Gesundheitspsychologie befragt. „Dabei sind mehr als 300 Motive zusammengekommen, die wir im Wesentlichen 15 Faktoren zuordnen konnten“, sagt Dr. Gudrun Sproesser und nennt einige davon: „Neben Hunger spielt auch die Gewohnheit oder zum Beispiel die Frage eine Rolle, wie viel Aufwand mit der Zubereitung des Essens verbunden ist. Dazu kommen emotionale Motive wie Genuss, aber auch gesellschaftliche Faktoren, ethische Überlegungen wie Natürlichkeit und Herkunft der Lebensmittel, oder auch ihr Preis.“ Die so identifizierten 15 Haupt-Motive sind universell; sie gelten für Männer und Frauen jeden Alters sowie für Normal- und Übergewichtige.

Die Projektkoordinatorin Prof. Britta Renner ist überzeugt, dass ein gesundheitsförderndes Essverhalten nur dann gegeben ist, wenn es von möglichst vielen dieser verschiedenen Motive zusammen angetrieben wird. „Wenn ein einzelnes Motiv überwiegt und die anderen zurückdrängt, dann hat dies wahrscheinlich negative Effekte auf das körperliche und seelische Wohlergehen“, erläutert die Leiterin einer Arbeitsgruppe für Psychologische Diagnostik und Gesundheitspsychologie an der Universität Konstanz.

„Wir sind die Exoten im Bereich der Ernährungsforschung. Denn die meisten Studien beschäftigen sich mit dem krankmachenden Essverhalten von Menschen, deren Organismus schon aus dem Takt geraten ist. Wir dagegen interessieren uns für das ganz normale Essverhalten. Erstaunlicherweise hat das bisher kaum jemand systematisch untersucht“.

Prof. Dr. Britta Renner

Stress durch positive Situationen ausgleichen

In ihren Untersuchungen haben sich die Forschenden zunächst auf ein Motiv beschränkt – den Stress. Denn viele Menschen ändern in Stresssituationen ihr Ernährungsverhalten. Die einen vergessen regelrecht das Essen, während die anderen übermäßig viel Fastfood oder Süßigkeiten zu sich nehmen. So oder so wird „Stressessen“ meist als schlechte Angewohnheit betrachtet, die ungesund sei und reguliert werden müsse.

„Doch wenn ich schon gestresst bin und das dann auch noch kontrollieren soll, dann stresst mich das nur noch mehr“, sagt Prof. Britta Renner: „Stattdessen sollte man überlegen, welche Funktion dieses Verhalten für die einzelne Person hat und wie es sich in ihr sonstiges Ernährungsmuster einfügt. Wir haben uns gefragt: Was machen denn diese ‚Stressesser´, wenn sie in eine positive Situation kommen?“

Um das herauszufinden, bat das Konstanzer EATMOTIVE-Team gesunde Freiwillige, an einem Medienexperiment teilzunehmen. Ihnen wurde gesagt, sie sollten sich mit einer Videobotschaft einem Partner vorstellen, der im Nebenraum warte. Dieser solle die Botschaft bewerten, bevor man sich dann von Angesicht zu Angesicht kennenlernen werde. Was die Teilnehmenden nicht wussten: Es wartete kein Partner im Nebenraum und es ging im Experiment auch nicht um Medien.

Tatsächlich sollte die Aufgabenstellung Stress bei den Probandinnen und Probanden erzeugen. Prof. Britta Renner erklärt den weiteren Verlauf: „Wenn die Videobotschaft verschickt ist, sagt der Versuchsleiter: Tut uns leid, aber nachdem der Empfänger Ihre Nachricht gesehen hat, möchte er Sie nun doch nicht kennenlernen. Dann sind die Testpersonen natürlich verunsichert.“ Unmittelbar danach sollten die derart gestressten Freiwilligen in einem zweiten Experiment verschiedene Eissorten geschmacklich bewerten. Auch diese Aufgabe war nur vorgetäuscht: „Tatsächlich haben wir gemessen, wie viel Eis verzehrt wurde. Dabei kam heraus, dass unsere ‚Stressesser‘ deutlich mehr essen als eine Vergleichsgruppe, die wir zuvor nicht unter Stress gesetzt hatten“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Nun fehlte noch die positive Situation. Um sie zu schaffen, wurde einer anderen Gruppe von Testpersonen mitgeteilt, ihre Videobotschaft sei auf größtes Interesse gestoßen und die Empfänger würden sich sehr darauf freuen, sie kennenzulernen. „Wenn wir diese positiv bestärkten Stressesser anschließend im Eis-Experiment beobachten, konsumierten sie deutlich weniger als in der ‚neutralen' Gruppe oder unter Stressbedingungen ohne positive Bestärkung“, so die Psychologin.

Nicht die Person sondern die Situation ändern

Die Ergebnisse sind verblüffend eindeutig: Zählt man die Verzehrmengen der ‚Stressesser‘ mit und ohne positive Bestärkung zusammen, so entspricht die Summe exakt der Menge Eis, die von der neutralen Gruppe gegessen wurde. Renners Fazit: „Normalgewichtige ‚Stressesser', die noch keine Krankheitssymptome haben, kompensieren ein Überessen in negativen Situationen durch Zurückhaltung in positiven Situationen. Und diejenigen, die unter Stress weniger essen, fangen in entspannter Stimmung plötzlich erst richtig an zu essen! Wer das Problem lösen will, muss also nicht die Person ändern, sondern die Situation. Wir sind überzeugt: Wenn wir es schaffen, Menschen zu einem ausgewogenen Essverhalten im Sinne einer Vielfalt von Ess-Motiven zu bewegen, dann ist das der beste Schutz gegen ungesundes Essverhalten.“

Ob sich Menschen zu einem ausgewogenen Essverhalten mit vielen unterschiedlichen Ess-Motiven bewegen lassen, soll eine Studie an insgesamt 100 Bürgerinnen und Bürgern aus Konstanz zeigen. Die Freiwilligen sollen mit einem Smartphone fotografieren, was sie essen und auf einem online-Fragebogen ankreuzen, welche der 15 Motive sie jeweils dazu bewogen haben. Aus diesen Daten soll mit Hilfe einer eigens zu diesem Zweck entwickelten Smartphone-App ein individuelles Motivprofil erstellt werden. So lernen die Testpersonen, ihre Ess-Motive zu identifizieren – und sie dann langfristig zu verändern. „Das Ziel ist dabei nicht in erster Linie, ´gesünder´ zu essen, sondern eine Ausgewogenheit der Motive zu erreichen“, erklärt Britta Renner.

 

Ergebnisse der Gesundheitsforschung

Ein Jugendlicher und eine Jugendliche essen an einem Imbiss.

Was beeinflusst unser Ernährungs- und Bewegungsverhalten?

Welche Faktoren beeinflussen unser Ernährungs- und Bewegungsverhalten? Dieser Frage gehen die Forschenden des Netzwerks DEDIPAC nach.

Eine schwangere Frau liegt auf einem Sofa und hält ein Kuscheltier an ihren Bauch.

Essgewohnheiten schlagen sich im Erbgut nieder

Bereits vor der Geburt werden die Essgewohnheiten des Kindes durch den Lebensstil der Eltern geprägt.