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Multiple Sklerose: Zielgerichteter behandeln

Bislang fehlen konkrete Empfehlungen, wann welche Therapie bei Multipler Sklerose am wirkungsvollsten ist. Diese Lücke soll ein Hamburger Forschungsprojekt schließen – und damit die Behandlung dieser chronischen Erkrankung verbessern.

Im Verlauf einer Multiplen Sklerose-Erkrankung entstehen Schädigungen an den Nervenzellen im Gehirn, die in Magnetresonanztomographie-Aufnahmen sichtbar sind.

Im Verlauf einer Multiplen Sklerose-Erkrankung entstehen Schädigungen an den Nervenzellen im Gehirn, die in Magnetresonanztomographie-Aufnahmen sichtbar sind.

NGFN/BMBF

Multiple Sklerose (MS) ist eine Nervenkrankheit, deren erste Symptome zumeist im jungen oder mittleren Erwachsenenalter auftreten. Sie zählt zu den Autoimmunerkrankungen, das heißt: Das Immunsystem attackiert den eigenen Körper. Bei MS greifen Immunzellen die Schutzhülle der Nervenzellen an, was zu einer Vielzahl von unterschiedlichen Symptomen führen kann. Oft äußert sich die  Erkrankung zunächst über leichte Seh- oder Empfindungsstörungen. Im weiteren Verlauf kommt es zu Bewegungsstörungen, die in Krankheitsschüben auftreten und bei den Betroffenen unterschiedlich stark ausfallen können. Insgesamt ist der Krankheitsverlauf von MS schwer vorhersehbar.

Eine frühe Behandlung von MS mit immunmodulierenden Medikamenten ist oft entscheidend, um die gesunden Nervenfasern zu schützen und weitere Schäden zu verhindern. Immunmodulierende Medikamente greifen dabei an unterschiedlichen Stellen in das Immunsystem ein, um die zerstörerischen Prozesse abzuschwächen. Zur Therapie von MS stehen zurzeit 13 verschiedene immunmodulierende Medikamente zur Verfügung.

„Uns fehlen bislang allerdings zuverlässige Anhaltspunkte, welches Medikament bei welchem Erkrankten am besten wirkt. Es existieren zwar Studien für jedes der 13 Medikamente, aber belastbare Empfehlungen für eine Abschätzung, ob ein Medikament bei Patient X wirkt oder nicht gibt es nicht“, erläutert Professor Christoph Heesen, Leiter der MS-Ambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Erkrankt ein Mensch an MS bekommt er daher nicht immer sofort das für ihn beste Medikament verabreicht. Es kann sein, dass erst beim zweiten oder dritten Medikament die gewünschte Wirkung eintritt.  Dadurch vergeht wertvolle Zeit und die Patientinnen und Patienten  werden zusätzlich belastet. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen will der Neurologe Heesen deshalb versuchen, dieses Vorgehen zu verbessern. In einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Übersicht über den bisherigen Wissensstand zur Therapieansprache bei MS erstellen. Diese soll zukünftig vor allem Auskunft darüber geben, wann ein Wechsel zu einem anderen, potenziell wirksameren Medikament angebracht ist. 

Nur wissenschaftlich abgesicherte Studien werden ausgewertet

Um dieses Ziel zu erreichen fertigen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen Cochrane Review an. Cochrane ist ein weltweites, unabhängiges Netzwerk von Forschenden, Angehörigen der Gesundheitsfachberufe sowie Patientinnen und Patienten. Das Netzwerk setzt sich dafür ein, Entscheidungen zu Gesundheitsfragen auf Basis hochwertiger, relevanter und aktueller wissenschaftlicher Evidenz zu treffen. Im Projekt werden daher wissenschaftliche Studien aus aller Welt gesichtet. In die Auswertung fließen jedoch nur Studien ein, die hohen wissenschaftlichen Anforderungen genügen. Die Forschenden gehen davon aus, dass sie ihre Analysen bereits im kommenden Jahr abschließen können und die behandelnden Ärztinnen und  Ärzten dann mit konkreten Therapieempfehlungen unterstützen können.

Ihre Ergebnisse werden unter dem folgenden Link veröffentlicht werden: https://www.cochrane.org/title/factors-predicting-differential-treatment-response-people-clinically-isolated-syndrome-or-relapsing

Wie im Falle der Multiplen Sklerose liegen für viele Therapieentscheidungen noch keine ausreichend gesicherten Erkenntnisse aus der klinischen Forschung vor. Eine der zentralen Herausforderungen ist es, diese Erkenntnislücken zu schließen und für Patientinnen und Patienten das höchstmögliche Maß an therapeutischer Wirksamkeit bei gleichzeitiger Minimierung der Nebenwirkungen zu erreichen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert deshalb im Rahmen der Fördermaßnahme „Klinische Studien mit hoher Relevanz für die Patientenversorgung“ auch systematische Übersichtsarbeiten – wie die hier vorgestellte – zu klinischen Studien. Ziel von systematischen Übersichtsarbeiten ist es, die weltweit vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu einer bestimmten medizinischen Fragestellung zu sammeln, zu analysieren und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Daraus können sich konkrete Behandlungsempfehlungen oder auch Empfehlungen zur Durchführung weiterer Forschungsprojekte ergeben.