Fördermaßnahme

Neurowissenschaften

Veröffentlichung der Bekanntmachung: 2015
Förderzeitraum: 2016 - 2019
Gesamte Fördersumme: bis zu 2,3 Mio. Euro
Anzahl der Projekte: Fünf internationale Verbünde mit insgesamt acht deutschen Zuwendungsempfängern

Durch die Neurowissenschaften wird unser grundlegendes Verständnis von Struktur und Funktion des menschlichen Gehirns unter gesunden und krankhaften Bedingungen ständig erweitert. Diese Erkenntnisse sind wichtig, um neue
Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten für Patientinnen und Patienten zu entwickeln, die an neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen leiden. Allerdings können neurowissenschaftliche Erkenntnisse auch bedeutsame gesellschaftliche Auswirkungen haben. Es stellen sich grundlegende Fragen, wie z. B.: Welche Bedeutung hat die psychiatrische Neurochirurgie, und wie sieht die internationale Gesetzgebung dazu aus? Welche Konsequenzen hat die nicht vollständig sichere Diagnose einer Erkrankung lange vor Auftreten der ersten Symptome für Patienten und ihre Angehörigen? Welche Möglichkeiten bietet eine Interaktion von Mensch und Maschine für Patienten? Wie beeinflusst diese das soziale Umfeld, und wer haftet für mögliche Unfälle? Wie kann eine Einwilligung von demenzkranken Patienten zu klinischer Forschung aussehen?

Für die Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen ist der internationale Vergleich und die Zusammenarbeit ausgewiesener Experten aus verschiedenen Ländern ein großer Vorteil. Das BMBF beteiligt sich daher an transnationalen Projekten im Rahmen des Netzwerkes ERA-NET NEURON („Network of European Funding for Neuroscience Research“) zu ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekten der Neurowissenschaften (ethical, legal and social aspects of Neurosciene). Aufgrund der hohen gesellschaftlichen Relevanz der Neurowissenschaften werden diese Projekte von ERA-Net NEURON parallel zu den laufenden neurowissenschaftlichen Projekten gefördert.

Einzelprojekte

THERENIA - Therapie- und Enhancement-bezogener Gebrauch von neurowissenschaftlichem Wissen und sein Bezug zu individueller Autonomie

Förderkennzeichen: 01GP1822
Gesamte Fördersumme: 260.753 EUR
Förderzeitraum: 2018 - 2021
Projektleitung: Prof. Dr. Dr. Kai Vogeley
Adresse: Universität zu Köln - Medizinische Fakultät, Universitätsklinikum, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Kerpener Str. 62
50937 Köln

THERENIA - Therapie- und Enhancement-bezogener Gebrauch von neurowissenschaftlichem Wissen und sein Bezug zu individueller Autonomie

Neurowissenschaftliche Forschung bereichert unser Verständnis von Hirnfunktionen substantiell. Sie kann in der Diagnose, Therapie und Prognose neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen genutzt werden. Es ist zu erwarten, dass die Ergebnisse dieser Forschung auch Mittel bereitstellen, die menschliche mentale Leistungen steigern können, weit über das hinaus, was heute als normal betrachtet wird. Während die Aussicht darauf, in der Lage zu sein, heute noch unbehandelbare neurologische und psychiatrische Erkrankungen zu heilen, sehr attraktiv ist, wird die Idee, dass menschliche mentale Leistungen auf neurowissenschaftlichem Weg erweitert werden könnten, weit negativer aufgenommen. Eine wesentliche Sorge zur neurowissenschaftlichen Steigerung menschlicher neuraler Leistungen ist mit einem Eckstein liberaler Gesellschaften verbunden, individueller Autonomie. Während einerseits vorgeschlagen wurde, dass die neurowissenschaftliche Erweiterung individueller Autonomie empfehlenswert ist, solange es nicht moralisch Falsches unterstützt, halten Kritiker dagegen, dass diese Leistungen Artefakte sind, die uns von unserem wahren Selbst entfremden und unsere Fähigkeit zur Autonomie unterwandern. Vor diesem Hintergrund ist es das Hauptziel des Forschungsprojekts, zu bewerten, wie individuelle Autonomie zu verstehen ist im Licht der aktuellen relevanten neurowissenschaftlichen und philosophischen Forschung und zu vergleichen, wie sich, wenn überhaupt, der therapeutische und auf Enhancement bezogene Einsatz von neurowissenschaftlichem Wissen unterscheidet hinsichtlich Autonomie. Das Projekt wird außerdem auch bestimmen, wie sich individuelle Autonomie zu anderen Werten wie Wohlbefinden, Würde und Gerechtigkeit verhält, die für zentral gehalten werden für die Bestimmung der moralischen und legalen Akzeptierbarkeit des Einsatzes von neurowissenschaftlichen Mitteln, die menschliche mentale Leistungen modifizieren.

INSOSCI - Die Integration transdisziplinärer Forschung in den Neurowissenschaften und den Wirtschaftswissenschaften: Eine methodologische Fallstudie zum Verhältnis von Wirtschaftspolitik und neurowissenschaftlich fundierter Handlungstheorie

Förderkennzeichen: 01GP1625
Gesamte Fördersumme: 309.385 EUR
Förderzeitraum: 2016 - 2019
Projektleitung: Prof. Dr. Jens Harbecke
Adresse: Private Universität Witten/Herdecke gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Alfred-Herrhausen-Str. 50
58455 Witten

INSOSCI - Die Integration transdisziplinärer Forschung in den Neurowissenschaften und den Wirtschaftswissenschaften: Eine methodologische Fallstudie zum Verhältnis von Wirtschaftspolitik und neurowissenschaftlich fundierter Handlungstheorie

Die Regierungen der westlichen Welt suchen zunehmend den Austausch mit Experten der Neurowissenschaften und der Sozialwissenschaften, um sich von ihnen bei Gesetzesvorhaben beraten zu lassen. Ein Ansatzpunkt ist die Forschung zu den Grenzen rationalen Verhaltens in Zusammenhängen wie Finanzmärkten, Konsumgewohnheiten oder Suchtverhalten. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen genutzt werden, um Menschen durch entsprechende gesetzliche Vorgaben behutsam zu einem Verhalten zu drängen (‚nudging’), dass letztlich stärker ihren eigenen Interessen entspricht. In der Vergangenheit haben solche Vorhaben jedoch oft eine mangelnde Effektivität aufgewiesen. Zum anderen gerieten sie teilweise mit den grundlegenden Rechten und Freiheiten des Einzelnen in Konflikt. Vor allem fehlte ein konzeptioneller Rahmen, der verschiedene Disziplinen adäquat integrieren könnte. Die unterschiedlichen Realitätsebenen und Handlungshebel zeigen sich auf Seiten der Neurowissenschaften unter anderem in Erkenntnissen über neuronale oder hormonelle Mechanismen, und auf Seiten der Sozialwissenschaften in Erkenntnissen über individuelle Entscheidungen und institutionelle Strukturen. Die Projekt-Partner in Belgien und Finnland beschäftigen sich mit der Sozialpolitik und dem Konsumentenschutz, sowie der Suchtbehandlung und -prävention. Das Wittener Teilprojekt wählt ein besonders hervorstechendes und politisch relevantes Thema zur Veranschaulichung aus: die Finanzmärkte. Einer weit verbreiteten Meinung zufolge erklären sich viele Dysfunktionalitäten an den Finanzmärkten aus einem Konflikt zwischen Emotion und Rationalität in individuellen Entscheidungsprozessen. Die Entwicklung eines theoretischen und methodischen Rahmens für die begriffliche und methodische Analyse dieses Konflikts ist das Anliegen dieses Teilprojekts, in dem Philosophen, Neurowissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftler eng zusammenarbeiten. Das Ziel ist die Identifizierung und Skizzierung eines neuartigen Lösungshorizonts für regulative ökonomische Interventionen auf der Basis der multidisziplinären Integration neurowissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Modelle.

http://www.insosci.eu/

PreDADQoL - Ethische und Rechtliche Rahmenbedingungen für die Prädiktion der Alzheimer-Erkrankung: Lebensqualität von Risikopatienten und deren nahen Angehörigen

Förderkennzeichen: 01GP1624
Gesamte Fördersumme: 372.974 EUR
Förderzeitraum: 2016 - 2019
Projektleitung: Prof. Dr. Christiane Woopen
Adresse: Universität zu Köln, ceres - Cologne Center for Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health
Albertus-Magnus-Platz
50931 Köln

PreDADQoL - Ethische und Rechtliche Rahmenbedingungen für die Prädiktion der Alzheimer-Erkrankung: Lebensqualität von Risikopatienten und deren nahen Angehörigen

Fortschritte bei der Untersuchung sog. cerebrospinalen Liquors auf Biomarker und bei bildgebenden Verfahren in der Neurologie ermöglichen inzwischen die prädiktive Diagnose der Alzheimer-Krankheit (AD) bei Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung, einer Risikosymptomatik für AD. Die Vorhersagegenauigkeit beträgt aber nur etwa 80%. Obwohl bis heute keine wirksame Therapie der AD für solche Patienten existiert, wird die prädiktive Biomarkeranalyse immer häufiger durchgeführt und auch von den Patienten selbst verlangt. Ein ethischer und rechtlicher Rahmen für diese Art prädiktiver Tests wurde bislang nicht herausgearbeitet; Leitlinien und Handreichungen für die Beratung und Aufklärung der Patienten existieren ebensowenig. Mit dem Projekt soll erstmals ein Rahmen der ethischen und rechtlichen Regeln geschaffen sowie Empfehlungen für den klinisch-praktischen Umgang mit den prädiktiven Möglichkeiten entwickelt werden. Diese neuartige länderübergreifende und empirisch fundierte normative Untersuchung ist nicht zuletzt angesichts des schnell und stetig zunehmenden weltweiten Einsatzes der prädiktiven Diagnose von AD dringend erforderlich.