Personalisierte Krebsmedizin

Jeder Krebs ist anders. Krebstherapien wirken daher nicht bei jeder Patientin, jedem Patienten gleich. Die individuellen Unterschiede sind enorm. Die personalisierte Medizin sucht für jeden Erkrankten nach einer Behandlung, die ihm wirklich hilft.

Patientinnen und Patienten mit der scheinbar gleichen Krebs-Diagnose sprechen oft unterschiedlich gut auf ein und dieselbe Therapie an. Der Grund: Krebszellen sind entartete Körperzellen, deren Wachstum durch diverse Genveränderungen in unserem Erbgut außer Kontrolle geraten ist. Diese sogenannten Mutationen variieren stark – selbst bei Personen, die an der gleichen Krebsart erkrankt sind. Sogar Zellen innerhalb eines Tumors können sich genetisch unterscheiden.

Wissenschaftlerin arbeitet im Labor.

Die verschiedenen Untergruppen einer Krebserkrankung können beispielsweise durch Genomsequenzierungen unterschieden werden.

NGFN/BMBF

Kleine Unterschiede – große Wirkung

Diese Genveränderungen beeinflussen auch den Therapieerfolg. Ein Beispiel dafür ist der Brustkrebs. Frauen, die im Krebsgewebe ein bestimmtes Molekül haben, können anders behandelt werden als Frauen, die diesen Marker nicht aufweisen. So können Frauen, deren Brustkrebsgewebe viel von dem Marker „Her2“ aufweist, mit Herceptin behandelt werden. Bei Frauen, auf deren Tumorgewebe nur wenig Her2 vorhanden ist, wirkt Herceptin nicht. Die personalisierte Medizin zielt darauf, in dieser Weise unterschiedliche Krankheitsursachen und -verläufe zu identifizieren und entsprechende Behandlungen zu entwickeln.

Die Krebsforschung hat in den vergangenen Jahren bereits große Fortschritte erzielt. Vor allem die Tumor-Genomsequenzierung, also die Auflistung aller Gene eines Tumors, hat dazu geführt, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einzelne Krebsarten immer genauer unter die Lupe nehmen können. Bisher einheitliche Krebserkrankungen lassen sich mit der Genomsequenzierung in verschiedene Untergruppen unterscheiden, in denen ganz unterschiedliche Krebsmechanismen am Werk sind. Das Ziel: Neue Ansätze für bessere Therapien zu finden – sogenannte zielgerichtete Therapien. Diese sollen sich treffsicher gegen bestimmte Eigenschaften der Krebszellen richten. Sie sollen jene Mechanismen blockieren, die den Krebs entstehen lassen bzw. das Krebswachstum fördern. Sie können dadurch eine Vermehrung der Krebszellen und so das Tumorwachstum stoppen. Ein Beispiel hierfür ist schon seit mehreren Jahren bekannt: Das Wachstum des Prostata-Karzinoms wird durch eine Anti-Hormontherapie gegen das männliche Hormon Testosteron sehr stark gebremst. In vielen Fällen kann der Tumor durch diese Behandlung auch verkleinert werden.

Solche zielgerichteten Therapien sind nicht nur dann besonders wichtig, wenn die bewährten Behandlungsmethoden wie Operation, Bestrahlung oder Chemotherapie ausgeschöpft sind. Solche Therapien können darüber hinaus zunehmend eine Bestrahlung oder Chemotherapie ersetzen. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das eine spürbare Verbesserung, denn sie gewinnen wertvolle Lebensjahre. Und bei dem Ersatz einer Chemotherapie durch eine zielgerichtete Therapie erleiden sie zudem oftmals deutlich weniger Nebenwirkungen.

Viele zielgerichtete Medikamente sind bereits erfolgreich zugelassen. Das ist Anreiz für die personalisiere Krebsmedizin weiter zu forschen, besonders im Hinblick auf eine genaue und frühe Diagnose. Denn je früher eine Krebserkrankung entdeckt und zugeordnet wird, desto besser kann sie behandelt werden. In einigen Fällen kann man im Blut bereits Hinweise auf eine Krebserkrankung finden, bevor Tumore nachzuweisen sind. Daher steht die Suche nach sogenannten Markern im Blut im Vordergrund. Im Gegensatz zu der Gewebebiopsie, in der eine Probe des erkrankten Gewebes operativ genommen wird, ist bei dieser „Flüssigbiopsie“ nur eine Blutprobe erforderlich. Sind solche Marker bekannt, kann die Erkrankung früher erkannt werden – und Gewebeproben sind nicht mehr nötig.

ICGC

Das Internationale Krebskonsortium, kurz ICGC, ist weltweit eines der größten interdisziplinären biomedizinischen Großprojekte zur Klärung der molekularen Ursachen von Krebserkrankungen. Ziel des ICGC ist es, eine valide Landkarte der wichtigsten Erbgut- Veränderungen in mindestens 50 verschiedenen weltweit auftretenden Krebsarten zu erstellen. Die Daten sollen erstmals weltweit standardisiert gewonnen werden, so dass sie immer wieder für Auswertungen in unterschiedlichen Kontexten verwendet werden können. Die Kenntnis dieser Landkarten der Krebszellen ist ein wichtiger Schritt für die Entwicklung von hochwirksamen und sehr spezifischen, möglichst nebenwirkungsfreien Medikamenten.

Die personalisierte Krebsforschung zeichnet sich besonders durch die Zusammenarbeit von Expertinnen und Experten aus vielen unterschiedlichen Fachrichtungen aus: neben der Klinik sind Molekularbiologie, Genetik, Mathematik und Informatik beteiligt. Und die Forschungsgruppen arbeiten auch über Ländergrenzen hinweg zusammen, denn nur so können ausreichend große Register mit Forschungsdaten angelegt werden. Das ermöglicht Forscherinnen und Forschern, sich über seltene Tumorerkrankungen auszutauschen und Krebs-Diagnostika und ‑Therapeutika im großen Stil zu untersuchen.

Ergebnisse der Gesundheitsforschung

Medizinische Fachangestellte mit Blutproben

Personalisierte Tumormodelle für Lungenkrebs

Wissenschaftlern ist es gelungen, aus einer Blutprobe von Patienten mit Lungenkrebs Tumorzellen zu isolieren und anschließend patientenspezifische Tumore im Labor wachsen zu lassen.

Ein Wissenschaftler bedient im Labor ein Massenspektrometer.

Krebsmedikamente mit vielseitigem Nutzen

Zielgerichtete Arzneimittel haben die Behandlung einiger Krebsarten revolutioniert.

Nationale Dekade gegen den Krebs