Februar 2020

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Sexualisierte Gewalt: Neue Therapie hilft Jugendlichen

Nach schwerwiegenden Gewalterlebnissen entwickeln manche Jugendliche eine Posttraumatische Belastungsstörung. Um ihnen gezielt helfen zu können, wurden nun wirksame Elemente aus der Erwachsenentherapie auf junge Menschen übertragen.

Bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung ist psychotherapeutische Hilfe wichtig. Deren positive Wirkung wurde nun auch für jugendliche Betroffene belegt.

Bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung ist psychotherapeutische Hilfe wichtig.
Deren positive Wirkung wurde nun auch für jugendliche Betroffene belegt.

motortion/Adobe Stock

Erlebt ein junger Mensch sexualisierte oder körperliche Gewalt, kann nachfolgend eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entstehen. Eine gezielte psychotherapeutische Hilfe ist dann sehr wichtig. Denn unbehandelt kann eine solche Erkrankung die Entwicklung der Betroffenen nachhaltig beeinträchtigen und bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Bislang existieren für Jugendliche mit PTBS (s. Kasten) jedoch kaum wissenschaftlich geprüfte Behandlungsansätze.

Posttraumatische Belastungsstörung – seelischer Nachhall eines Traumas

Manche Menschen, die eine traumatische Erfahrung gemacht haben, entwickeln eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Diese ist gekennzeichnet durch das unkontrollierte Wiedererleben des Traumas, sowohl tagsüber durch sogenannte Flashbacks als auch nachts in Angstträumen. Gleichzeitig sind Betroffene körperlich angespannt, können sich schlecht konzentrieren, sind schreckhaft und überreizt. Emotional berichten Betroffene hingegen oft, sie fühlten sich „wie taub“. Typisch ist zudem ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten, mit dem Betroffene Situationen umgehen, die traumabezogene Erinnerungen auslösen könnten. Auch Angstzustände, Depressionen und Suizidgedanken sind häufig Teil einer PTBS.

Bewährte Therapiebausteine angepasst

Im interdisziplinären Verbundprojekt D-CPT haben Forschende daher eine solche neue Behandlung entwickelt und wissenschaftlich untersucht. D-CPT steht für „developmentally adapted cognitive processing therapy“, also die Entwicklungsangepasste kognitive Verhaltenstherapie, kurz E-KVT. „Zur Entwicklung der E-KVT haben wir bewährte Therapiebausteine der Erwachsenentherapie mit neuen Elementen kombiniert, die wir speziell für junge Menschen entwickelt haben“, erklärt Professorin Dr. Rita Rosner, Projektkoordinatorin und Inhaberin des Lehrstuhls für Klinische und Biologische Psychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Die neue Behandlung E-KVT: Aufbau der Therapie

Die E-KVT ist eine Kurzzeit-Therapie und in vier Phasen gegliedert:

   Commitment-Phase: Aufbau einer verlässlichen Beziehung zwischen der Therapeutin oder dem Therapeuten und der bzw. dem Jugendlichen, biografische Anamnese und Vermittlung von Hintergrundwissen

   Emotionsregulationstraining: Hier wird der Umgang mit negativen Gefühlen geübt und Stresstoleranz aufgebaut.

   Intensive kognitiv-verhaltenstherapeutische Arbeit: Hier werden dysfunktionale Gedankenmuster und Gefühle aufgearbeitet, die mit dem Trauma zusammenhängen.

   Individuelle Entwicklungsaufgaben: Entwicklung von Autonomie oder Bearbeitung schulisch-beruflicher Aspekte, je nach Situation der Patientin bzw. des Patienten

Expertinnen und Experten erforschen neue Therapieansätze

Im Verbund D-CPT hat Rosner mit Expertinnen und Experten der Goethe-Universität Frankfurt am Main, der Freien Universität Berlin, der Universität Bielefeld, des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München zusammengearbeitet. Neben der neuen Therapiemethode wurden im Verbund auch biologische und gesundheitsökonomische Aspekte der PTBS erforscht. Gefördert wurden die Arbeiten durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Die neue Therapie reduziert PTBS-Symptome deutlich

Die Arbeiten von Rosner zeigen, dass die neue Therapie die PTBS-Symptome wirksam lindert. Das belegt eine klinische Studie, die Rosner und ihr Team durchgeführt haben. Zudem bessern sich auch weitere Begleitsymptome, beispielsweise depressive Verstimmungen. „Dies ist weltweit eine der ersten Studien mit sehr hohen wissenschaftlichen Standards, die zeigt, dass Psychotherapie bei Jugendlichen mit einer PTBS nach Gewalterfahrungen wirksam ist“, sagt Rosner. Die Umsetzung der Studie war jedoch nicht einfach, denn diese Altersgruppe ist besonders schwer zu rekrutieren. „Viele dieser jungen Menschen leben in komplizierten Verhältnissen und sind oft nur schwer für eine Therapie zu motivieren – trotz häufiger Krisen“, erläutert Rosner. Insgesamt drei psychotherapeutische Hochschulambulanzen waren daher an der Studie beteiligt. „Wir konnten 88 junge Menschen für die Teilnahme gewinnen, das allein ist schon ein Riesenerfolg“, bestätigt Dr. Regina Steil, Wissenschaftliche Geschäftsführerin der Verhaltenstherapie-Ambulanz in Frankfurt am Main. 

Ein verzerrtes Weltbild entzerren

E-KVT basiert auf Grundsätzen der kognitiven Verhaltenstherapie. Diese geht davon aus, dass Menschen mit PTBS aufgrund von Misshandlungen oder Missbrauch dysfunktionale Annahmen über die Welt entwickelt haben. Hierzu zählt zum Beispiel das Schema: Man kann niemandem vertrauen. „In der Behandlung werden solche Schemata dann identifiziert und geändert“, erklärt Rosner. Die E-KVT verläuft daher in definierten Phasen (s. Kasten). 

Wie geht es weiter?

An den drei beteiligten Hochschulambulanzen werden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten weiter in den Techniken der E-KVT geschult. In einem laufenden BMBF-Projekt untersuchen Rosner und Steil zusammen mit weiteren Expertinnen und Experten derzeit, wie eine entwicklungsgerechte Traumatherapie in größerem Stil in die psychotherapeutische Praxis integriert werden kann.

Originalpublikation:
Rosner R, Rimane E, Frick U et al. Effect of developmentally adapted cognitive processing therapy for youth with symptoms of posttraumatic stress disorder after childhood sexual and physical abuse: a randomized clinical trial. JAMA Psychiatry. 2019 May 1; 76(5): 484-491. doi: 10.1001/jamapsychiatry.

Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Rita Rosner
Lehrstuhl Klinische und Biologische Psychologie
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Ostenstraße 25
85072 Eichstätt
08421 932-1581/-1033
rita.rosner@ku.de