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Wege gegen den Stress – Forschung für eine „gesunde“ Pflege

Klinikmitarbeitende erleben ihren Arbeitsalltag oft als sehr belastend. Der vom BMBF geförderte Forschungsverbund SEEGEN sucht nach Möglichkeiten, wie die psychische Gesundheit von Beschäftigten in Krankenhäusern präventiv gestärkt werden kann.

Ein Pfleger beugt sich über das Krankenbett einer Patientin

Arbeiten unter Druck: Forscherteams wollen den Beschäftigten im Gesundheitswesen Möglichkeiten an die Hand geben, um Druck und Stress am Arbeitsplatz zu minimieren.

DLR Projektträger / BMBF

Die aktuelle Corona-Pandemie macht es nur zu deutlich: Beschäftigte in der medizinischen Versorgung sind eine der wichtigsten Verteidigungslinien im Kampf gegen das Corona-Virus und andere Krankheitserreger. Gerade in der derzeitigen Krisenlage, aber auch im alltäglichen Klinikgeschäft sind Stressresistenz und Management-Qualitäten für Krankenhausmitarbeitende häufig fast genauso wichtig wie medizinische Kenntnisse. Dieser Stress wirkt sich oft unmittelbar auf die Beschäftigten aus. Um ihre Gesundheit zu stärken, fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gezielt entsprechende Forschungsprojekte, zum Beispiel das Verbundvorhaben „SEEGEN – Seelische Gesundheit am Arbeitsplatz Krankenhaus“.

Teilprojekte des Vorhabens werden an den Universitätskliniken Ulm, Heidelberg, Düsseldorf, Tübingen sowie an den Universitäten Düsseldorf und Duisburg-Essen durchgeführt. Rund 2,6 Millionen Euro stellt das BMBF bis 2021 für das Vorhaben unter Leitung von Professor Dr. Harald Gündel, dem Ärztlichen Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm, bereit. „Erstaunlicherweise ist die Gesundheitsförderung für die Beschäftigten im Gesundheitswesen selbst viel weniger etabliert als in anderen Branchen“, fasst Gündel die ersten Ergebnisse des Projekts zusammen. „Vielerorts fehlt ein systematisches betriebliches Gesundheitsmanagement, das geeignete Präventionsmaßnahmen schlüssig miteinander verbindet – dabei geht es sowohl um Maßnahmen, die das eigene Verhalten betreffen, als auch um solche, die auf das Arbeitsumfeld Krankenhaus zugeschnitten sind“. 

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Verbundprojekt SEEGEN im Rahmen der Förderinitiative „Gesund – ein Leben lang“ seit Ende 2017 mit rund 2,6 Millionen Euro. Die bereits 2015 gestartete Initiative rückt die Unterschiede einzelner Bevölkerungsgruppen und Lebensabschnitte in den Fokus der Gesundheitsforschung, um spezifische Präventions- und Versorgungsansätze zu entwickeln. Bis 2021 stellt das BMBF hierfür insgesamt rund 100 Millionen Euro zur Verfügung. Unter anderem werden Konzepte entwickelt und erprobt, die psychische Belastungen im Arbeitsleben reduzieren und individuelle Bewältigungsressourcen steigern. Konzepte für ein betriebliches Gesundheitsmanagement in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), mit denen die Betriebe die Gesundheit ihrer Beschäftigten fördern können, werden dabei besonders in den Blick genommen.

Verhalten und Verhältnisse: Prävention erstreckt sich auf beide Aspekte

Die Forschenden entwickelten zunächst fünf Interventionsbausteine für unterschiedliche Zielgruppen, die sowohl individuelles Verhalten als auch die Arbeitsverhältnisse im Klinikalltag aufgreifen. So gab es spezielle Workshops für Mitarbeiter, die häufig schwere Entscheidungen treffen müssen und ihren Umgang mit solchen Entscheidungssituationen verbessern möchten, und für Beschäftigte der mittleren Führungsebene, die den täglichen Spagat zwischen eigenen Drucksituationen, stressbelasteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie übergeordneten Zielen leisten müssen. Angebote für alle Beschäftigten gab es zu den Themen „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und „Gesund bleiben im Beruf“.

In der zweiten Phase sollen diese passgenauen Workshops nun an drei verschiedenen Klinikstandorten erprobt und in die Praxis gebracht werden – einem Lehrkrankenhaus, einer Klinik in privater Trägerschaft sowie an einem Universitätsklinikum. Eine komplexe Interventionsstudie soll die Wirksamkeit der empfohlenen Maßnahmen untersuchen. In beiden Phasen wird das Projekt SEEGEN aus betriebswirtschaftlicher Sicht ergänzt, indem Forschende Kennzahlen entwickeln, um den Erfolg der vorgeschlagenen Maßnahmen auch in der für Entscheidungsträger relevanten Größe zu messen.

Schnell wurde für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deutlich, dass eine Änderung der belastenden Arbeitsbedingungen nicht allein auf individueller Verhaltensebene und auf der Ebene des einzelnen Krankenhauses lösbar ist. „Unsere Ergebnisse und Erfahrungen wollen wir deshalb auch auf gesundheitspolitischer Ebene diskutieren und möglichst Veränderungen erreichen“, so Gündel. Es sei dringend notwendig, dass die Gesundheit und Zufriedenheit der Beschäftigten ein zusätzliches Kriterium für gesundheitspolitische Entscheidungen werde.

Der Internationale Tag der Pflege wird jährlich am 12. Mai begangen und soll die Bedeutung der professionellen Pflege für alle Menschen dieser Welt würdigen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat das Jahr 2020 zum weltweiten Jahr der Pflegenden und Hebammen erklärt und mit dem Motto „Nursing the World to Health“ überschrieben. Der Tag erinnert auch an den Geburtstag der britischen Krankenschwester und Pionierin der modernen Krankenpflege, Florence Nightingale, der sich 2020 zum 200. Mal jährt.