Dezember 2020

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Weltweit vernetzt – Gesundheitsforschung in der Pandemie

Im Interview erläutert Frau Professorin Dr. Veronika von Messling wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Forschung im Kampf gegen das Corona-Virus gefördert hat und welche Impulse künftig in der Gesundheitsforschung gesetzt werden.

Die Covid-19-Pandemie und die Erforschung eines Impfstoffes gegen das SARS-CoV-2-Virus beherrschen seit Monaten die Schlagzeilen und werfen ein Schlaglicht auf die Gesundheitsforschung. Hat dies die Gesundheitsforschung verändert und wenn ja, wie?

Professorin Dr. Veronika von Messling

Professorin Dr. Veronika von Messling leitet seit Oktober 2018 die Abteilung Lebenswissenschaften im BMBF. Zuvor stand sie sechs Jahre der Abteilung Veterinärmedizin am Paul-Ehrlich-Institut vor
 

privat

Professorin Dr. Veronika von Messling: Ich denke, es hat die Forschercommunity noch enger zusammengeschweißt. Durch die globalen Ausmaße und somit das weltweite Interesse haben sich Forschende noch mehr als sonst international und interdisziplinär vernetzt – durch die unterschiedlichen Zeitzonen konnte so praktisch rund um die Uhr geforscht werden.

In manchen Bereichen haben wir durch die Sondersituation der Pandemie in der deutschen Forschung sogar einen enormen Schub erlebt. Das gilt zum Beispiel für die deutsche Universitätsmedizin, die sich in einem Netzwerk zusammengeschlossen hat, um durch kooperative Forschung die vordringlichen Fragen für die Versorgung der Covid-19-Patientinnen und -Patienten zu lösen. Das erreichte, hohe und intensive Maß an Zusammenarbeit zwischen den Universitätskliniken ist beeindruckend. Dabei leistete die Medizininformatik-Initiative wichtige Vorarbeiten und wird in enger Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Covid-19-bezogen erweitert. Somit konnte auch die Digitalisierung in der medizinischen Forschung in diesem Bereich einen großen Schritt vorankommen.


Was tut das BMBF um die Gesundheitsforschung in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen?

Das BMBF hat für die Erforschung von SARS-CoV-2 und die Entwicklung eines entsprechenden Impfstoffes seit März dieses Jahres insgesamt über eine Milliarde Euro bereitgestellt.

Und auch schon vor der Corona-Pandemie hat das BMBF die Epidemie- und Impfstoffforschung umfangreich gefördert. So wurde beispielsweise das Unternehmen BioNTech, das zusammen mit Pfizer nun einen der ersten Impfstoffe entwickelt hat, bereits in der Firmengründungsphase mit zwei GO-Bio-Förderungen bis 2013 mit über 4,1 Millionen Euro gefördert. Ziel des GO-Bio-Projektes war es, optimierte RNA-Therapeutika zur Immuntherapie von Krebserkrankungen zu entwickeln – auf dieser Technologie basiert auch die aktuelle Impfstoffentwicklung. Auch nach der GO-Bio-Förderung hat das BMBF BioNTech noch bis 2017 in verschiedenen Programmen mit knapp 13 Millionen Euro gefördert.

Gerade zu Anfang der Pandemie war die Versorgung der Covid-19-Patienten eine große Herausforderung – zu wenig war über den Verlauf der Erkrankung bekannt. Deshalb haben wir das erwähnte Netzwerk Universitätsmedizin ins Leben gerufen, das seit April 2020 mit insgesamt 150 Millionen Euro gefördert wird.

Zur Unterstützung relevanter Forschungs- und Innovationsbedarfe zur Versorgung von Covid-19-Patienten veröffentlichte das BMBF zudem Anfang August eine Förderrichtlinie zum Thema „Prävention und Versorgung epidemisch auftretender Infektionen mit innovativer Medizintechnik“ mit einem Finanzvolumen von 20 Millionen Euro. Ziel ist hier, Produkt-, Prozess- oder Dienstleistungsinnovationen für die Prävention und Versorgung epidemisch auftretender Infektionen zu initiieren und damit die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems in dieser Hinsicht zu verbessern.

Die Forschung ist nur eine Seite der Bekämpfung der Pandemie – eine andere ist das Verständnis für und Vertrauen zu den Forschungsergebnissen in der Gesellschaft. Wie können diese gestärkt werden und wie versucht das BMBF, die Mitbürgerinnen und Mitbürger zu erreichen?

Um möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zu erreichen, benötigen wir niedrigschwellige Informationsangebote. Hierbei kommt es auch darauf an, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aktiv werden und ihre Forschung über den Austausch unter Experten hinaus kommunizieren. Das BMBF hat vor etwa einem Jahr ein Grundsatzpapier zur Wissenschaftskommunikation veröffentlicht. Darin werden auch die Forschenden selbst aufgefordert, aktive Wissenschaftskommunikation zu betreiben. Es gibt inzwischen so viele verschiedene Kommunikationswege – von Twitter-Threads bis hin zu Youtubeoder TikTok-Erklärvideos – die Möglichkeiten zu kommunizieren könnten kaum vielfältiger sein. Und wer kann die Erkenntnisse der eigenen Forschung besser erläutern als die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler?

Natürlich gehört zur Kommunikation und zum Vertrauen in Forschungsergebnisse aber auch mehr, als das reine „Erklären“. Über die Citizen-ScienceProjekte wollen wir Bürgerinnen und Bürger mit verschiedenen Themen näher an die Wissenschaft heranführen, sie selbst zu Bürgerforschern machen und so gemeinsam beispielsweise die Nachtigallpopulation in Berlin untersuchen. Damit wollen wir helfen, den wissenschaftlichen Ansatz und dessen Methoden der Bevölkerung näherzubringen, denn wer den Ansatz versteht, kann auch Ergebnisse besser einordnen – und entdeckt vielleicht auch eine eigene Begeisterung für die Wissenschaft.

Zusätzlich werfen wir mit den Wissenschaftsjahren jeweils ein Schlaglicht auf bestimmte Themen – wie dieses Jahr auf die Bioökonomie. In ihr steckt so viel Potenzial für ein nachhaltiges, ressourcenschonendes Leben, das wir dieses Jahr leider kaum zur Schau stellen konnten. Deshalb steht auch das nächste Jahr unter dem Banner der Bioökonomie. Dann kann hoffentlich auch die MS Wissenschaft wieder ablegen und Alltagsbeispiele der Bioökonomie zu Bürgerinnen und Bürgern in ganz Deutschland bringen.


Bevor Sie die Leitung der Abteilung 6 im BMBF übernommen haben, hatten Sie die Leitung der Abteilung Veterinärmedizin am Paul-Ehrlich-Institut inne. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen und was können Zuwendungsempfänger und Zuwendungsgeber voneinander lernen?

Ausschlaggebend waren für mich vor allem die mit dieser Aufgabe verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten. Ich habe in verschiedenen Ländern geforscht und konnte so unterschiedliche Systeme staatlicher Forschungsförderung kennenlernen. Im internationalen Vergleich sind wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland in einer sehr guten Position. Und dennoch gibt es immer Ideen und Perspektiven, die wir aufgreifen können, um die Gesundheitsforschung noch schlagkräftiger aufzustellen.

Zuwendungsempfänger und Zuwendungsgeber haben ein gemeinsames Interesse: neue Erkenntnisse zu gewinnen und so unser Wissen zu vergrößern. Gegenseitiges Verständnis der jeweiligen Möglichkeiten und Einschränkungen ist dabei sehr hilfreich. Gerade in der jetzigen Pandemiesituation konnte ich eigene Erfahrungen mit Förderprogrammen einbringen und so daran mitwirken, dass das BMBF mit gezielten Maßnahmen zur Bewältigung der Situation beitragen konnte.


Welche Akzente wollen Sie künftig in der Gesundheitsforschung setzen?

Dieses Jahr hat uns gezeigt, welch drastische Auswirkungen eine Pandemie haben kann – medizinisch, wirtschaftlich, aber auch ganz persönlich für jeden von uns. In unserer vernetzten und globalisierten Welt wird dies vermutlich nicht die letzte Pandemie gewesen sein. Deswegen ist es umso wichtiger, aus dieser so viel wie möglich zu lernen. Die Stärkung der Pandemic Preparedness entlang der Wertschöpfungskette, von der Grundlagenforschung über die Translation in der Universitätsmedizin bis zur konkreten Produktentwicklung, wird deshalb sicher ein Fokus der nächsten Zeit sein.

Ein weiteres wichtiges Projekt ist die Weiterführung der NAKO Gesundheitsstudie. Diese in ihrer Größe europaweit einmalige Kohortenstudie mit über 200.000 Probandinnen und Probanden liefert viele wichtige Daten und Erkenntnisse – ganz aktuell haben wir so erfahren, dass die psychische Belastung vieler Menschen durch den ersten Lockdown im Frühjahr sehr hoch war.

Zur psychischen Gesundheit und zur Kinder- und Jugendgesundheit sollen zudem zwei neue Deutsche Zentren der Gesundheitsforschung etabliert werden. Durch diese neuen Zentren wird die patientenorientierte und translationale Forschung weiter gestärkt werden – die neuen Erkenntnisse aus den Laboren sollen schließlich möglichst schnell die Patientinnen  und Patienten erreichen.


Für den Brückenschlag von der Laborbank zum Patientenbett sind zudem forschende Ärztinnen und Ärzte ein wichtiger Faktor. Deshalb sollen etwa 100 Fachärztinnen und Fachärzte, die sogenannten Advanced Clinician Scientists, an bis zu acht universitätsmedizinischen Standorten gefördert werden. Hierfür stellen wir in den nächsten zehn Jahren ca. 100 Millionen Euro bereit.

Und noch immer gibt es viele Erkrankungen, deren zugrunde liegende Pathomechanismen wir noch gar nicht kennen – für deren Erforschung sowie die Erforschung krankheitsübergreifender Pathomechanismen stellen wir für die erste Förderrunde 30 Millionen Euro bereit.

Wir haben bereits viel erreicht in den letzten Jahren, wir haben aber auch noch große Ziele vor uns.


Vielen Dank für das Gespräch!