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Zielgerichtet und bedarfsgerecht: So kommt Corona-Kommunikation bei den Menschen an

Viele Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie werden auf unabsehbare Zeit in Kraft bleiben – umso wichtiger ist, wie sie den Menschen vermittelt werden. Im Projekt RiCoRT wird analysiert, wie eine zielgerichtete Kommunikation beschaffen sein sollte.

Patient mit Maske im Gespräch mit Arzt

Zielgerichtete und altersgruppenspezifische Kommunikation: In der Corona-Pandemie ist sie wichtiger denn je. 

Andrey Popov / Adobe Stock

Seit Monaten müssen Bürgerinnen und Bürger mit Einschränkungen und Kontaktbeschränkungen leben, die zum Schutz vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 erlassen wurden – auch mit der Hoffnung auf einen Impfstoff wird sich dies in absehbarer Zeit kaum ändern. Sowohl die Maßnahmen selbst als auch ihre Begründung werden in der Öffentlichkeit kritisch aufgenommen. Mit der Fortdauer der Beschränkungen wachsen deshalb auch die Anforderungen an eine angemessene Informationsvermittlung und Kommunikationsstrategie.

Wie eine Kommunikation aussehen sollte, die die Menschen auch dann noch anspricht, wenn der Höhepunkt der Krise überschritten sein wird, beschreibt Dr. Marion Dreyer; Leiterin des Projekts RiCoRT im Interview. Das Forschungsvorhaben der DIALOGIK gemeinnützige Gesellschaft für Kommunikations- und Kooperationsforschung mbH in Stuttgart wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

„Auch in der Kommunikation braucht es eine langfristige und flexible Strategie“

Sehr geehrte Frau Dr. Dreyer, gute Kommunikation kann Leben retten – wie sollte sie aktuell aussehen, damit sie auch wirklich bei den Menschen ankommt?

Dr. Marion Dreyer

Dr. Marion Dreyer

DIALOGIK gemeinnützige Gesellschaft für Kommunikations- und Kooperationsforschung mbH

Krisenkommunikation in der Covid-19-Epidemie soll Menschen über das Infektionsrisiko informieren und ihnen helfen sich selbst und andere vor dem Virus zu schützen. In der ersten Welle hat die Neuartigkeit des Virus, die Unbekanntheit des Risikos und die Hoffnung, dass nur ein akuter Notfall zu überwinden ist, dazu beigetragen, die Bereitschaft eigenes Verhalten anzupassen zu stärken. Es ist aber schwierig, diesen Antrieb über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Einschränkungen in Beruf und Freizeit werden zunehmend als belastend empfunden. Jetzt ist Krisenkommunikation verstärkt dazu aufgerufen, die Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit der aktuellen Maßnahmen nachvollziehbar zu erläutern.

Außerdem wird es immer wichtiger, die aktuellen Maßnahmen in ein langfristiges Pandemiemanagement einzuordnen. Dieses sollte aufzeigen, wie Folgen und Spätfolgen vom Staat und auch von der Gesellschaft selbst abgemildert werden können – z. B. Wege, wie gemeinschaftliches und kulturelles Leben auch bei Einhaltung der Schutzregeln stattfinden kann, oder Ideen, wie die Pandemie in die Entwicklung nachhaltiger(er) Wirtschafts- und Arbeitsweisen umgemünzt werden könnte. Um die Zuversicht der Bevölkerung zu stärken, braucht es einen intensiveren Austausch von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Grundsätzlich ist es wichtig, dass in Krisenzeiten schnell, transparent, verständlich, koordiniert und konsistent kommuniziert wird. Um glaubwürdig zu bleiben, braucht es z. B. Transparenz auch darüber, was wir noch nicht über das Virus wissen, auch wenn diese Offenheit manche verunsichern könnte. Außerdem muss Krisenkommunikation zielgruppenspezifisch erfolgen, über Botschaften, die auf die unterschiedlichen Informationsbedarfe oder anderen Bedürfnisse von Teilgruppen der Bevölkerung ausgerichtet sind. Zielgruppen können z. B. nach Altersgruppen, Kompetenzstand oder „Risikotypen“ mit unterschiedlichen Reaktionsmustern auf Bedrohungslagen definiert werden. Um sowohl die Bevölkerung allgemein als auch wichtige Teilgruppen gezielt anzusprechen, sollte eine flächendeckende zentrale Krisenkommunikation mit einer dezentralen Kommunikation verbunden werden, so etwa kommunalen Hotlines und freiwilligen Diensten. Insbesondere sollten Risikogruppen mit unterschiedlichen Vorerkrankungen über geeignete Multiplikatoren spezifische Informationen erhalten.

Also braucht es auch in der Krisenkommunikation eine langfristig angelegte Strategie?

Richtig, die Kommunikationsstrategien sollten langfristig ausgerichtet und wissenschaftlich fundiert sein, auf früheren Erfahrungen aufbauen und flexibel anzupassen sein. Pandemieverläufe sind in ihren Wechselwirkungen mit dem gesellschaftlichen Verhalten eben nicht umfassend vorhersehbar und steuerbar. Ein solches Grundkonzept ist für den Nationalen Pandemieplan in Deutschland erstellt worden und sollte anhand der Erfahrungen, die wir mit der Corona-Pandemie machen, weiterentwickelt werden. Wir wissen aus der Risikokommunikationsforschung, dass eine gelingende Kooperation zwischen wichtigen Kommunikationsquellen die Kohärenz der Informationen, die Glaubwürdigkeit der Quellen und das Vertrauen in sie stärken können. Der Zugewinn an Kompetenz, den wir in der aktuellen Krise gewinnen, wird uns bei künftigen Pandemien helfen.

Im Projekt RiCoRT untersuchen Sie die Risikowahrnehmung bei Menschen zwischen 50 und 70 Jahren sowie Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren. Wie unterscheidet sich damit auch die Kommunikation mit diesen Gruppen?

Im Vergleich zu älteren Menschen haben jüngere häufiger viele soziale Kontakte und sind weniger verletzlich für schwere und tödliche Krankheitsverläufe, ältere haben bereits durch ihr Alter ein erhöhtes Infektionsrisiko – demzufolge werden sich beide Gruppen auch in ihrer Risikowahrnehmung und in ihren Informationsbedarfen unterscheiden. Diese Vermutung kann durch unsere Forschung natürlich auch widerlegt werden. Wir erhoffen uns insbesondere Erkenntnisse darüber, wie beide Gruppen die derzeitige Kommunikation zu Schutzmaßnahmen erreicht, wie sie ihren eigenen Umgang mit den Regeln und Empfehlungen begründen, und welche Hindernisse sie sehen, Risiken für sich und andere informiert einzuschätzen und die entsprechenden bzw. geltenden Schutzmaßnahmen umzusetzen. Außerdem interessieren uns ihre Vorstellungen, wie Krisenkommunikation verbessert werden könnte und ihre Erwartungen an eine Krisenkommunikation, die die verletzlichen Gruppen der Bevölkerung besonders schützt.

Wie gehen Sie bei Ihren Untersuchungen vor?

Wir befragen Menschen in beiden Altersgruppen in Gruppendiskussionen und in einer repräsentativen Umfrage, nutzen also qualitative und quantitative Methoden. Wir untersuchen insbesondere, wie die beiden Zielgruppen Risiken, Schutzmaßnahmen und Kommunikation in Bezug auf den Freizeitbereich bewerten. Bei beiden Untersuchungsmethoden nehmen wir innerhalb jeder Altersgruppe verletzlichere Personen, die eine oder mehrere Vorerkrankungen aufweisen und Personen ohne Vorerkrankungen auf.

Sie nutzen das „IRGC Risk-Governance Framework“ – was ist darunter zu verstehen?

Dabei handelt es sich um ein Steuerungsmodell zur Handhabung komplexer Risiken, zu denen auch das neue Coronavirus gezählt werden kann, welches im Rahmen der Forschungsaktivitäten des International Risk Governance Councils (IRGC) in Genf entwickelt wurde. Wir gehen insbesondere davon aus, dass Krisenkommunikation nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie als wechselseitiger Lernprozess zwischen Gesundheitsbehörden und Politik einerseits und der Gesellschaft andererseits verstanden wird. Es geht natürlich in einer Krise zuallererst darum, dass Verantwortliche für die Krisenkommunikation die Öffentlichkeit informieren und nicht umgekehrt. In einem länger andauernden Notstand hat Krisenkommunikation aber auch die Aufgabe, sich mit ihren Botschaften und in der Wahl von Kommunikationsformaten von den konkreten Informationsbedarfen unterschiedlicher Zielgruppen leiten zu lassen. Empirische Studien zu Risikowahrnehmung und Risikokommunikation wie RiCoRT können vermittelnd wirken, indem sie solche Bedarfe untersuchen.

Ein zentrales Element guter Kommunikation ist die Bereitschaft zum Zuhören; wer hört Ihnen zu, wie kommunizieren Sie mit den relevanten Stakeholdern in der Politik?

Wir stehen in einem engen Austausch mit Multiplikatoren aus dem Gesundheitsbereich und den zuständigen Landesministerien in Baden-Württemberg, wo wir unseren Sitz haben. 2021 werden wir unsere Empfehlungen mit weiteren Expertinnen und Experten für Kommunikation und Gesundheit diskutieren. Diese sind wichtige Multiplikatoren für das Hauptprodukt unserer Studie, ein Leitfaden für eine Langzeit-Risikokommunikation in der Corona-Krise. Diesen Leitfaden werden wir wichtigen Akteuren des Gesundheitssystems wie dem Robert Koch-Institut, Gesundheitsämtern und politischen Entscheidungsträgern digital zur Verfügung stellen.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung öffnete zu Beginn der SARS-CoV-2 Pandemie das Rapid Response Modul der „Richtlinie zur Förderung eines Nationalen Forschungsnetzes zoonotische Infektionskrankheiten“ für einen Förderaufruf zur Erforschung von Covid-19. Ab dem 3. März 2020 konnten Forschende Anträge stellen, um zum Verständnis des Virus und dessen Ausbreitung beizutragen sowie um therapeutische und diagnostische Ansätze gegen Covid-19 zu entwickeln und um ethische, rechtliche und sozio-ökonomische Implikationen (ELSA) im Zusammenhang mit der Pandemie zu erforschen.