Dezember 2020

| Newsletter 100

Kompetenznetz Chronisch Entzündliche Darmerkrankungen – damals und heute

Wie beeinflusst Forschung die Behandlung von Chronisch Entzündlichen Darmerkrankungen (CED)? Und welchen Beitrag leistet das Kompetenznetz Darmerkrankungen? Ein Interview mit dem Vorstand des Kompetenznetzes, Professor Dr. Stefan Schreiber.

Unter dem Titel „Darmzellen in Kultur erleichtern die Erforschung Chronisch Entzündlicher Darmerkrankungen“ wurde in der ersten Ausgabe des Newsletters im April 2002 ein Projekt aus dem „Kompetenznetz Chronisch Entzündliche Darmerkrankungen“ vorgestellt. Dieses Netzwerk wurde von 1999 bis einschließlich 2009 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit dem Ziel gefördert, die Forschung zu Chronisch Entzündlichen Darmerkrankungen (CED) zu bündeln und ihre Behandlung zu verbessern. Wie hat sich die Therapie von CED seitdem geändert? Was ist aus dem Kompetenznetz geworden? Und welche Ereignisse haben die Forschung in diesem Feld revolutioniert? Im Gespräch beantwortet Professor Dr. Stefan Schreiber unsere Fragen. Heute leitet er die Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Damals hat der Internist, kurz nachdem er eine Stiftungsprofessur an der Universität Kiel angenommen hatte, das Kompetenznetz mitinitiiert und vorangetrieben.

Newsletter: Herr Professor Schreiber, wenn Sie zurückblicken: Welche Aspekte waren besonders wichtig für die Gründung und den Ausbau des Kompetenznetzes?

Professor Dr. Schreiber

Professor Dr. Schreiber hat das Kompetenznetz Chronisch Entzündliche Darmerkrankungen von Beginn an begleitet.
 

CAU Kiel (fotografiert von Soul Picture Kiel)

Professor Schreiber: Das BMBF wollte mit dem Kompetenznetz exzellente klinische Forschung ermöglichen und die Vernetzung zwischen den stationären Bereichen und den niedergelassenen Praxen in der Krankenversorgung bei CED vorantreiben – und das  hat funktioniert. Erstmalig konnten Expertinnen und Experten im Kollektiv mit ausreichend Patientinnen und Patienten und den Fachkräften aus der Praxis neue und wirksame Behandlungsformen
wissenschaftlich fundiert entwickeln und etablieren. Drei Dinge haben bei der Gründung des Kompetenznetzes eine wichtige Rolle gespielt. Erstens die richtige soziale Mischung: Wir haben es geschafft, alle wesentlichen Akteure im Kompetenznetz zu vereinen – behandelnde Ärztinnen und Ärzte aus den verschiedenen Ebenen des Gesundheitssystems genauso wie Forscherinnen und Forscher. Hinzu kam zweitens, dass weltweit die Zahl der von diesen Erkrankungen Betroffenen stetig anstieg. Das Thema CED hatte dementsprechend auch in der Forschung starken Zuwachs. Und drittens hat der technologische Fortschritt dazu beigetragen, die Krankheit besser zu verstehen. Insbesondere die molekulare Epidemiologie ermöglichte, dass das Krankheitsgeschehen und seine Behandlungsoptionen reproduzierbar erforscht werden konnten. Ähnlich ist es mit den molekularbiologischen Methoden. Früher war die Untersuchung von Erbmaterial eine langwierige Forschungstätigkeit mit vielen Fehlerquellen. Heutzutage erleichtern baukastenähnliche Kits die genetische Analyse und schaffen zuverlässige und verwertbare Daten binnen kurzer Zeit. Das hat die klinische Forschung zu CED revolutioniert und verbessert. Starb zum Ende des vergangenen Jahrhunderts noch jeder fünfte Betroffene, können Patientinnen und Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa heutzutage ein oft beschwerdearmes Leben führen. Die Erkenntnisse hatten und haben dabei einen globalen Effekt. Denn noch immer erkrankt weltweit einer von 200 Menschen an CED.

Kompetenznetze in der Medizin

Newsletter 1

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat das Kompetenznetz Chronisch Entzündliche Darmerkrankungen (CED) von 1999 bis einschließlich 2009 mit rund 15 Millionen Euro
gefördert. Insgesamt hat das BMBF 21 Kompetenznetze für verschiedene Krankheitsbilder wie Krebs-, Infektions- oder Stoffwechselerkrankungen ins Leben gerufen. Das Ziel: Dank vernetzter Forschung bessere
Behandlungen, Diagnosen oder Präventionsansätze zu entwickeln. Aus dem damaligen Kompetenznetz CED ist das heutige Kompetenznetz Darmerkrankungen hervorgegangen.

 

Was ist Ihnen von damals in besonderer Erinnerung?

Das Kompetenznetz war zu Anfang sehr forschungsgetrieben. Am spektakulärsten war die Genetik. Wir haben damals erstmalig massenhaft DNA-Proben in einer repräsentativen Biodatenbank gesammelt. Das bot uns eine einzigartige Möglichkeit, gemeinsam mit internationalen Forscherinnen und Forschern die Ursachen und den Verlauf von CED zu untersuchen. Im BMBF-geförderten Nationalen Genomforschungsnetzwerk (NGFN) hat diese DNA-Sammlung dann eine führende Rolle eingenommen. Sie hat uns ermöglicht, zielgerichtet zu den Ursachen von Entzündungserkrankungen zu forschen. Hier liegen auch die Anfänge der personalisierten Medizin: Wir können die Krankheit heute früher erkennen und wirksamer behandeln. Auch heute greifen wir noch auf die Datenbank zurück.

Wie hat sich die Zielsetzung des Kompetenznetzes in den vergangenen zehn Jahren verändert, nachdem es auf eigenen Beinen stand und sich selbst finanziert hat?

Heute ist das Netzwerk eine Wissensgemeinschaft, die sich selbst trägt. Im Vordergrund steht die Vermittlung von neuem Wissen in die Praxis und das Coachen eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses für Diagnostik und Therapie dieser immer noch sehr komplizierten Erkrankungen. Das umfasst Fortbildungen für medizinisches Personal genauso wie die Information von Patientinnen und Patienten. Leitlinien werden regelmäßig aktualisiert und
angepasst. Als Therapiestandards unterstützen sie die behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Das Netzwerk garantiert eine Behandlung nach neuesten Standards und Erkenntnissen.


Vielen Dank für das Gespräch!