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Medizinische Versorgung in Corona-Zeiten: Vor welchen Herausforderungen steht der ambulante Sektor?

In der Corona-Pandemie sind die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland besonders gefordert. Ein Forschungsteam der Universität zu Köln untersucht die Belastungen und Herausforderungen, die sich ihnen derzeit im Praxisalltag stellen.

Patient mit Mundschutz im Gespräch mit Ärztin

Niedergelassene Mediziner tragen die Hauptlast bei der Betreuung von Covid-19-(Verdachts-)Fällen – zuzüglich zur Versorgung ihrer „regulären“ Patientinnen und Patienten.

Konstantin Yuganov / Adobe

Plexiglasscheiben, Abstandsmarkierungen, getrennte Wartebereiche und telefonische Konsultationen: Die Corona-Pandemie hat die Abläufe in Haus- und Facharztpraxen oft einschneidend verändert. Nicht nur deshalb sind die rund 160.000 niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland besonders gefordert. Quantitativ betrachtet tragen sie die Hauptlast bei der Versorgung von Covid-19-Verdachtsfällen und -Erkrankten – zuzüglich zur medizinischen Betreuung von fast vier Millionen Patientinnen und Patienten, die jeden Tag in einer Praxis vorstellig werden.

Die Herausforderungen, die sich daraus ergeben, sind bisher allerdings nur wenig erforscht; die meisten Untersuchungen zur Pandemieprävention und -bekämpfung richten ihren Fokus auf Kliniken und die stationäre Betreuung. Anders ist dies beim Vorhaben COVID-GAMS: Forscherinnen und Forscher des Instituts für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft (IMVR) an der Universität zu Köln untersuchen gezielt die Rolle des ambulanten Sektors.

Denn im Praxisalltag stellen sich nicht nur organisatorische Probleme, weiß Projektleiterin Dr. Nadine Scholten: Die niedergelassenen Mediziner müssen eine Abwägung treffen, wie die medizinische Betreuung von Patientinnen und Patienten neben der Akutversorgung von Covid-19-(Verdachts-)Fällen gewährleistet werden kann. Gerade chronisch kranke und ältere Menschen machen einen großen Anteil der Patientinnen und Patienten in deutschen Praxen aus, sind auf eine regelmäßige Versorgung angewiesen und zählen in der aktuellen Pandemie zugleich zu den besonderen Risikogruppen. Aus Angst vor einer Ansteckung mit dem SARS-CoV-2-Virus werden nötige Arztbesuche derzeit häufig verschoben – mit Folgen für die Gesundheit vieler Menschen und die wirtschaftliche Lage so mancher Praxis.

Anhand mehrerer Onlinebefragungen des Kölner Forscherteams sollen Konzepte zur besseren Vorbereitung auf künftige Epidemien und Pandemien entwickelt werden, um auch in Krisenzeiten eine effiziente, ausgeglichene und gerechte Gesundheitsversorgung gewährleisten zu können, die nicht nur Akut-Patienten berücksichtigt. Ferner sollen die Ergebnisse auch zu einer langfristigen Verbesserung der ambulanten Versorgung führen. Chancen werden zum Beispiel in der Digitalisierung gesehen, wobei hier z.B. die Akzeptanz telemedizinischer Behandlungsformen wie Telefon- und Videosprechstunden adressiert werden.

In drei Befragungswellen ermittelt das Team um Dr. Nadine Scholten zwischen Juli 2020 und Dezember 2021 die Sicht niedergelassener Ärztinnen und Ärzte. Die Erhebung erfolgt anonym und ist repräsentativ angelegt. Befragt werden Allgemeinmediziner, Internisten, Kinderärzte, HNO-Ärzte, Gynäkologen und Zahnärzte. Erhoben wird u.a. welche organisatorischen und personellen Herausforderungen die Ärzte in der Anpassung an die Krisensituation erleben, ob ihre Praxis aufgrund eines erhöhten Erkrankungsaufkommens überlastet ist oder im Gegenteil die Patientenzahlen zurückgehen. Äußern sollen sich die Befragten auch dazu, welche Auswirkungen die Krise auf die Patientenversorgung und den Gesundheitszustand chronisch Erkrankter hat und wie die politischen Maßnahmen von den Ärztinnen und Ärzten empfunden werden.

In der abgeschlossenen ersten Befragung wurden 1.703 Personen in die Auswertung eingeschlossen. Eine negative Auswirkung auf die Patientenversorgung zeigt sich in der durch Hausärzte wahrgenommenen Verschlechterung des medizinischen Zustands der Patienten durch ausgebliebene Behandlungen im März/April. 4,2 % der befragten Hausärzte geben an, eine Verschlechterung „sehr oft“ und 27,1 % „oft“ gesehen zu haben. Kapazitätsengpässe in der Patientenversorgung wurden über alle befragten Fachdisziplinen hinweg nicht (45,6 %) oder nur sehr selten (18,6 %) wahrgenommen. Ein Großteil der befragten niedergelassenen Mediziner gab an, sich anfangs (34,0 %) bzw. während des gesamten Verlaufs (48,8 %) von der Politik vernachlässigt gefühlt zu haben. Die zwei Folgebefragungen sollen dabei helfen, die jeweilige Dynamik im Verlauf der Pandemie abzubilden.

„Unsere Fragebögen enthalten die Möglichkeit, Freitexte einzugeben und werden in jeder Befragungswelle an die vorherigen Antworten und Auskünfte angepasst“, erläutert Dr. Nadine Scholten. „So ergibt sich die Chance, frühzeitig auf mögliche neue Herausforderungen zu reagieren, die sich nach Einschätzung niedergelassener Ärztinnen und Ärzte schon jetzt im ambulanten Sektor zeigen.“

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung öffnete zu Beginn der SARS-CoV-2 Pandemie das Rapid Response Modul der „Richtlinie zur Förderung eines Nationalen Forschungsnetzes zoonotische Infektionskrankheiten“ für einen Förderaufruf zur Erforschung von Covid-19. Ab dem 3. März 2020 konnten Forschende Anträge stellen, um zum Verständnis des Virus und dessen Ausbreitung beizutragen sowie um therapeutische und diagnostische Ansätze gegen Covid-19 zu entwickeln und um ethische, rechtliche und sozio-ökonomische Implikationen (ELSA) im Zusammenhang mit der Pandemie zu erforschen.