März 2023

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Subsahara-Afrika: Gezielte Diagnostik bringt erste Erfolge

Um die häufigsten lebensbedrohlichen Erkrankungen in Subsahara-Afrika zu bekämpfen, bedarf es umfassender Diagnostik. Die vom deutsch-afrikanischen Netzwerk ANDEMIA erarbeiteten Erkenntnisse haben sich in der SARS-CoV-2-Pandemie bereits bewährt.

Eine junge Frau mit Mundschutz pipettiert in einem Labor

Das ANDEMIA-­Projekt hat gezeigt: Eine gezielte Diagnostik und die Aus­ und Fortbildung von medizinischem Personal spielen eine entscheidende Rolle, um weitverbreitete lebensbedrohliche Erkrankungen in Afrika südlich der Sahara zu bekämpfen.

Grit Schubert/RKI

Infektionen der Atemwege oder des Verdauungstraktes sowie akutes Fieber unbekannter Herkunft – es sind die ganz gewöhnlichen Infektionserkrankungen, an denen die Menschen in Afrika südlich der Sahara (Subsahara-Afrika) häufig erkranken und sterben. Insbesondere bei Kindern zählen sie zu den Hauptursachen von Krankheit und Tod. Allein 400.000 Kinder unter neun Jahren sterben in Subsahara-Afrika jedes Jahr an Durchfallerkrankungen. Die Erkrankungen sind auch deswegen so weit verbreitet, weil die medizinische Versorgung oft begrenzt ist. So sind häufig die Kapazitäten zur Diagnostik der Erreger nur eingeschränkt verfügbar, und es fehlt an gut ausgebildetem Personal. In internationalen Förderprogrammen werden ausgerechnet diese gewöhnlichen, aber besonders relevanten Erkrankungen häufig vernachlässigt, und auch die lokalen Gesundheitsbehörden widmen sich bislang nicht genügend den Ursachen und Verbreitungswegen der Erreger.

Länderübergreifend Strategien erarbeiten

„Wir wollen Strategien entwickeln, mit deren Hilfe genau diese gewöhnlichen, aber eben sehr bedrohlichen und weitverbreiteten Erkrankungen wirksamer bekämpft werden können“, beschreibt Projektleiterin Dr. Grit Schubert die Aufgabe des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten deutsch-afrikanischen Gesundheitsforschungsnetzwerks ANDEMIA und erklärt: „Das gelingt am besten, indem wir die jeweiligen Kompetenzen, Erfahrungen und Institutionen länderübergreifend miteinander verknüpfen.“ Schubert ist Nachfolgerin von Professor Dr. Fabian Leendertz, der das Netzwerk in der Aufbauphase leitete.

One-Health-Ansatz im Mittelpunkt

Basis einer solchen Strategie ist eine umfassende Kenntnis darüber, welche Erreger am häufigsten auftreten und welche Erkrankungen sie auslösen. Zu diesem Zweck haben sich zwölf Krankenhäuser aus den ANDEMIA-Partnerländern Elfenbeinküste, Burkina Faso, Demokratische Republik Kongo und Südafrika zusammengeschlossen. Sie untersuchten biologische Proben betroffener Patientinnen und Patienten mit modernen molekularbiologischen Verfahren auf ein breites Spektrum möglicher Krankheitserreger. Dabei ging es nicht nur darum, die jeweils verantwortlichen Infektionserreger zu identifizieren, sondern auch Risikofaktoren wie Alter, Beruf oder Verfügbarkeit sauberen Trinkwassers zu erfassen. Falls Tiere als Wirte der Erreger infrage kamen, wurden auch sie in die Untersuchungen einbezogen. „Wir sind bewusst nach dem One-Health-Ansatz vorgegangen, also dem Zusammenspiel zwischen Mensch, Tier und Umwelt“, erläutert Schubert.

Dr. Grit Schubert

Dr. Grit Schubert

privat

Umfangreiche Datenerhebungen liefern Grundlage für zielgerichtete Therapien

Inzwischen haben die Forschungsteams aus den beteiligten afrikanischen Ländern 20.000 Betroffene untersucht bzw. 50.000 Proben ausgewertet und dabei in den meisten Fällen die auslösenden Faktoren der jeweiligen Krankheitsbilder aufklären können. 41 wissenschaftliche Veröffentlichungen haben die beteiligten Forschungsgruppen schon geschrieben, viele weitere Daten liegen vor und werden noch ausgewertet.

Die Ergebnisse kamen unmittelbar den beteiligten Patientinnen und Patienten zugute, denn diese konnten nun gezielt behandelt werden. Langfristig entscheidend aber ist, dass die Erkenntnisse aus den Daten nun in der gesamten Subsahara-Region genutzt werden und so eine große Zahl erkrankter Menschen davon profitieren können. Zu diesem Zweck wurden Workshops zu Prävention und Kontrolle von Infektionen in Krankenhäusern veranstaltet und darauf aufbauend Train-the-Trainer-Schulungen durchgeführt.

ANDEMIA, das Afrikanische Netzwerk für verbesserte Diagnostik, Epidemiologie und Management häufig vorkommender Infektionskrankheiten, widmet sich der Bekämpfung von Krankheiten der Atemwege, des Verdauungstraktes, akutem Fieber unbekannten Ursprungs sowie der Ausbreitung multiresistenter Keime in Subsahara-Afrika. Dazu kooperieren Forschende des deutschen Robert Koch-Instituts (RKI) mit Forschungsteams aus Elfenbeinküste, Burkina Faso, DR Kongo und Südafrika. Profitieren werden zum einen die betroffenen Patientinnen und Patienten in Subsahara-Afrika. Zum anderen werden die erhobenen Daten Auskunft geben über die Rolle dieser Region bei Übertragung und weltweiter Verbreitung von Erregern. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert ANDEMIA seit 2017 mit insgesamt 1,8 Millionen Euro. Es ist Teil der Fördermaßnahme „Forschungsnetzwerke für Gesundheitsinnovationen in Subsahara-Afrika“.

 Erste konkrete Erfolge bei Krankheitsausbrüchen von Ebola und SARS-CoV-2

Die Kombination aus Datenerhebung, Forschung und Ausbildung hat ganz unmittelbare Erfolge erbracht. „Damit konnten wir zum einen schnell akute Krankheitsausbrüche erkennen und entsprechend reagieren – das waren konkret Ebola in der Demokratischen Republik Kongo sowie COVID-19. Aufgrund der geleisteten Aus- und Fortbildung von wissenschaftlichem und technischem Personal vor Ort stand zum anderen kompetentes Personal für die Diagnostik und Aufklärung der Krankheitsausbrüche zur Verfügung und war somit im Fall von COVID-19 unmittelbar an der Pandemiereaktion beteiligt“, berichtet Schubert.

Langfristig Nutzen und Kooperation gesichert

Die Kooperation zwischen Forschenden aus Deutschland und Ländern Subsahara-Afrikas hört damit nicht auf. So wird beispielsweise in Bouaké, einer Stadt in der Republik Elfenbeinküste, ein modernes molekularbiologisches Labor aufgebaut. Dort soll unter anderem untersucht werden, welche Rolle Tiere als Krankheitswirt und -überträger spielen. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem jüngst gegründeten Helmholtz-Institut für One Health (HIOH) in Greifswald. Dessen Leitung hat Professor Dr. Fabian Leendertz übernommen, sodass die optimale Nutzung und Weiterentwicklung der Erkenntnisse aus dem ANDEMIA-Projekt gesichert sind.

Originalpublikation
Schubert, G., Achi, V., Ahuka, S. et al. (2021). The African Network for Improved Diagnostics, Epidemiology and Management of common infectious Agents. BMC Infect Dis 21, 539. DOI: 10.1186/s12879-021-06238-w

Ansprechpartnerin:
Dr. Grit Schubert
Zentrum für Internationalen Gesundheitsschutz: Public Health-Laborunterstützung
Robert Koch-Institut (RKI)
Nordufer 20
13353 Berlin
Tel.: 030 18754-4491
E-Mail: schubertG@rki.de