Wahrnehmung der Wechseljahre ist kulturell geprägt

Manche Frauen empfinden das Klimakterium als emotional belastend, da sie es als „Abschied von der Weiblichkeit“ interpretieren. Andere leiden dagegen mehr unter den körperlichen Folgen der hormonellen Umstellung. Diese verschiedenen Wahrnehmungen der Wechseljahre sind auch kulturell bedingt.

Ebenso wie der unterschiedliche Informationsstand über die Behandlung damit einhergehender Beschwerden. Daher wird auch die Hormonersatztherapie in unterschiedlichem Ausmaß in Anspruch genommen. Zu diesen Ergebnissen kam eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Pilotstudie, in der über 940 in Deutschland wohnende Frauen zu Beschwerden, Wissensstand, Hormonersatztherapie, Ernährung und soziokulturellem Hintergrund befragt wurden. Die Teilnehmerinnen stammten aus Deutschland, der Türkei sowie aus den asiatischen Ländern China, Japan und Korea. Aus den ersten Auswertungen der Studie der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Charité Berlin geht hervor, dass diese drei Gruppen mit den Wechseljahren sehr unterschiedlich umgehen. Abhängig von biologischen und sozialen Faktoren werden die Symptome anders empfunden. Dabei zeigte sich auch, dass eine geringere Wahrnehmung körperlicher Beschwerden zu höherer Lebenszufriedenheit beiträgt. Je nach kultureller Herkunft oder Bildung war der Informationsstand der Frauen unterschiedlich ausgeprägt.


An der Studie der Charité nahmen 418 deutsche Frauen sowie 264 Migrantinnen türkischer und 260 Migrantinnen asiatischer Herkunft - aus China, Japan und Korea – teil. Alle Teilnehmerinnen waren zwischen 45 und 60 Jahre alt. Sie wurden mittels Fragebogen zu Menopausenstatus, Beschwerden, Informiertheit über mögliche Wechseljahrsbeschwerden und Hormonersatztherapie, Ernährung und soziokulturellem Hintergrund befragt. Um die Rücklaufquote zu erhöhen, wurden die Frauen laut Privatdozent Matthias David von der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Berliner Charité in Kultur-, Sport- und Frauenvereinen sowie in kirchlichen Gemeinden und Einzelhandelsgeschäften persönlich angesprochen. Zusätzlich haben die Wissenschaftler leitfadengestützte Interviews mit jeweils 40 Frauen der drei Vergleichsgruppen durchgeführt.

Die drei Gruppen weisen Unterschiede in Body Mass Index (BMI), Schulabschluss und Berufstätigkeit auf: Im Vergleich zu den türkischen Teilnehmerinnen haben die asiatischen und deutschen Frauen eine höhere Schul- und Berufsausbildung und sind mehrheitlich berufstätig. „Nationalität, aber auch Bildung und Beruf beeinflussen den Wissensstand der Frauen, ihre Bewertung der Begleiterscheinungen und die Inanspruchnahme von Therapiemöglichkeiten“, erläutert David das Ergebnis des Gruppenvergleiches.
Zwar erleben die meisten Frauen, unabhängig von Bildungsgrad und Nationalität, die Wechseljahre als natürliche und vorübergehende  Phase. Doch deutsche Frauen werten die Menopause positiver – als neuen Lebensabschnitt mit neuen Möglichkeiten. Bei der Wahrnehmung der Beschwerden erweisen sich die Asiatinnen am „tapfersten“. Sie nennen weniger körperlich-vegetative Symptome als deutsche und türkische Frauen. Letztere klagen auch deutlich häufiger über nachlassende Leistungsfähigkeit. Frauen aus der Türkei sind zudem am wenigsten informiert. Die Frage nach möglichen Erkrankungen im Zusammenhang mit den Wechseljahren beantworten sie häufiger mit „weiß nicht“ als Migrantinnen aus Südostasien oder deutsche Frauen. Diese Unsicherheit zeigt sich auch bei der Beantwortung der Frage, ob „jede Frau Beschwerden haben muss.“
Unabhängig von Menopausenstatus und Nationalität haben die meisten befragten Frauen weder in den Wechseljahren noch danach eine Hormonersatztherapie in Anspruch genommen. Bisher waren Migrantinnen in vergleichbaren Studien nicht einbezogen worden. „Unsere Ergebnisse ermöglichen nun ganz zielgruppenspezifische Maßnahmen“, erklärt David. Schließlich besteht nach den Worten des Berliner Wissenschaftlers „in allen drei Kollektiven ein sehr großer Bedarf an Informationen zum Thema Wechseljahre und Hormontherapie.

Ersetzen, was fehlt...
In den Wechseljahren beginnt der Organismus, die Bildung der Geschlechtshormone – der weiblichen wie auch der männlichen – zu drosseln. Das bleibt nicht ohne Folgen: Hitzewallungen, Schlafstörungen und andere Probleme können auftreten. Manche dieser Symptome können so schwer sein, dass sie Krankheitswert erhalten. Nach dem Motto „ersetzen, was fehlt“ können weibliche Geschlechtshormone, allen voran Östrogene und Gestagene,zugeführt als Tablette, Pille oder Salbe, Wechseljahrsbeschwerden lindern. Doch dabei werden viele Frauen medikamentös behandelt, die auch anders behandelt werden könnten. Das ist problematisch, weil die Hormonersatztherapie mit einigen Risiken behaftet ist, die proportional mit der Dauer der Einnahme der künstlichen Hormone steigen.
Nicht zuletzt die US-amerikanische Women’s Health Initiative (WHI-Studie) aus dem Jahr 2002 und die britische Million-Women-Study (MWS) von 2003 bescheinigten, welche Gefahren die Hormonersatztherapie birgt: Das Risiko, an Herz und Kreislauf zu erkranken oder eine Thrombose zu bekommen, erhöht sich und auch das Brustkrebsrisiko steigt an. Heute gilt, dass jede hundertste Frau, die länger als fünf Jahre Hormone einnimmt, eine dieser schwerwiegenden Erkrankungen bekommen kann. Aus diesem Grund empfiehlt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Hormonersatztherapie nur noch bei starken Wechseljahrsbeschwerden, die nicht anders behandelt werden können. Dabei soll ausgehend von einer niedrigen Östrogendosis langsam bis zur optimalen Menge gesteigert werden. Zudem sollte die Behandlung nicht länger als zwei Jahre dauern.

Ansprechpartner:
PD Dr. Matthias David
Charité Campus Virchow-Klinikum
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Augustenburger Platz 1
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Tel.: 030 450-564142
Fax: 030 450-564904
E-Mail: matthias.david@charite.de