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Wege zu einer modernen Medizin

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Medizin, Molekularbiologie, klinischer Forschung und Ethik haben sich im Bundesministerium für Bildung und Forschung getroffen und die Möglichkeiten und Folgen einer individualisierten Medizin diskutiert.

Foto mit Claudia Wiesemann, Hartmut Juhl, Julia Stingl, Georg Schütte, Petra Thürmann, Oliver Brüstle und Christof von Kalle

Claudia Wiesemann, Hartmut Juhl, Julia Stingl, Georg Schütte, Petra Thürmann, Oliver Brüstle und Christof von Kalle

BMBF/Hans-Joachim Rickel

Wohin wird es uns zukünftig führen, wenn Menschen immer individueller behandelt werden können? Wo liegen die Chancen, wo die Grenzen? Wie können wir die Möglichkeiten der individualisierten Medizin in Deutschland bestmöglich nutzen? Diese Fragen rund um die Verwirklichung der individualisierten Medizin diskutieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen auf Einladung des BMBF. „Die Moderne Medizin des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich von der Medizin, wie wir sie bisher kannten: Sie wird stärker durch personalisierte, individualisierte und stratifizierte Ansätze geprägt sein. Die genetische Veranlagung, das Geschlecht, das Alter des Menschen, aber auch Lebensstil, soziale Faktoren und Umwelteinflusse werden immer mehr an Bedeutung für Diagnose, Therapie und Prävention gewinnen.“, ordnete Staatssekretär Georg Schütte in seiner Ansprache die Bedeutung der Individualisierte Medizin in den Gesamtkontext ein.

Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachbereichen skizzieren in Impulsvorträgen verschiedene Wege zu einer individualisierten Medizin.

Professor Oliver Brüstle, Direktor der rekonstruktiven Neurobiologie des Universitätsklinikums Bonn, zeigte auf, welche Rolle Stammzellen in der regenerativen, also wiederherstellenden, Medizin aktuell und zukünftig spielen. „Die Möglichkeit, Körperzellen in pluripotente Stammzellen umzuprogrammieren, eröffnet innovative Ansätze für patientenspezifische Therapien und die Wirkstoffentwicklung“, so Brüstle. Professorin Julia Stingl, Vizepräsidentin des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) schilderte, welchen Einfluss die Pharmakogenomik auf die personalisierte Medikation hat. Stingl: „Eine frühe und enge Zusammenarbeit zwischen Zulassungsbehörden und klinischen Forschern erleichtert den Weg innovativer akademischer Forschung für eine maßgeschneiderte medizinische Versorgung“. Professorin Petra Thürmann, Direktorin des Philipp Klee-Institutes für Klinische Pharmakologie am HELIOS Klinikum Wuppertal, veranschaulichte die Unterschiede zwischen stratifizierter und personalisierter Medizin. „Die Personalisierung der Medizin kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Neben der Anpassung einer Therapie an genetische Merkmale des Menschen sollte personalisierte Medizin auch bedeuten, auf die Präferenzen der Patientinnen und Patienten einzugehen.“, ergänzte Thürmann. Schließlich beleuchtete Professorin Claudia Wiesemann, Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin in der Universitätsmedizin Göttingen die ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekte einer klinischen Anwendung von Stammzelltherapien. „Hochrisikoforschung sollte von Beginn an eine Beteiligung von Patientinnen und Patienten vorsehen.“, forderte sie.

Individualisierte Medizin

Mit dem Aktionsplan „Individualisierte Medizin“ fördert das BMBF seit 2013 vielfältige Maßnahmen, um genetische und molekulare Daten und Erkenntnisse zu nutzen und personalisierte Behandlungswege zu entwickeln. Das umfasst unter anderem die Bereiche Stammzellforschung, Systemmedizin, neue Biomarker und Immuntherapie.

In der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten die genannten Impulsvortragenden und Professor Hartmut Juhl, Geschäftsführer der Indivumed GmbH sowie Professor Christof von Kalle, Sprecher des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen, die notwendigen Rahmenbedingungen für die Entwicklung einer maßgeschneiderte Medizin in Deutschland. Herr Juhl hob hervor, dass es darum gehen müsse, „die zugrundeliegenden Krankheitsmechanismen genau zu verstehen“. Gleichzeitig plädierte er dafür, in unserem Gesundheitswesen Räume für personalisierte Wege in der Medizin zu schaffen und für Investitionen der Wirtschaft Anreize zu bieten. Frau Thürmann und Frau Stingl betonten die Notwendigkeit, „mehr Evidenz für den Nutzen personalisierter Ansätze zu schaffen“. Dies müsse „im Rahmen der geltenden Regelungen erfolgen“. Zugleich müssten diese aber auch mit aktuellen Entwicklungen Schritt halten, um entsprechende Studien und den Beleg von Nutzen zu ermöglichen. Frau Wiesemann gab zu bedenken dass die „Bewertung von Nutzen, Schaden, Belastung, Chancen oder Risiken unterschiedlich ausfällt“, je nachdem welche gesellschaftliche Gruppierung gefragt ist. Herr Brüstle verdeutlichte am Beispiel des Vereinigten Königreichs, wie es gelingen kann, personalisierte Medizin vorausschauend und unter Beteiligung von Bevölkerung und Ärzteschaft in Forschung und Therapie zu integrieren. Die Podiumsteilnehmer teilten die Einschätzung, dass für die Etablierung der individualisierten Medizin in Deutschland entscheidend ist, dass die Entwicklung neuer Diagnose- und Therapieverfahren in einer stetigen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung erfolgen muss.