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Würzburger Studie: Vorstufen einer Herzschwäche bei auffallend vielen jungen Menschen

Herzschwäche bleibt ein hohes Risiko. Dies belegt eine BMBF-geförderte Studie des Deutschen Zentrums für Herzinsuffizienz. Ihr zufolge weisen fast 60 Prozent der Untersuchten Vorstufen einer Herzschwäche auf, darunter auffallend viele junge Menschen.

Ärztin untersucht Herz eines Patienten mit Ultraschall

Die Herzgesundheit von 5.000 Bürgerinnen und Bürgern in Würzburg untersucht das Deutsche Zentrum für Herzinsuffizienz in einer Kohortenstudie. Eine Erkenntnis: Fast 60 Prozent der Untersuchten zeigen Vorstufen einer Herzschwäche.

DZHI/Gregor Schläger

In Deutschland leiden fast vier Millionen Menschen an einer Herzschwäche – also etwa einer in 20 Menschen. Die in der Fachwelt auch Herzinsuffizienz genannte Erkrankung gehört zu den sogenannten Volkskrankheiten und zählt zu den häufigsten Todesursachen. Mehr noch: Das Deutsche Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) hat in einer Kohortenstudie herausgefunden, dass 59 Prozent der Studienteilnehmenden Vorstufen einer Herzinsuffizienz aufweisen. Darunter sind auffällig viele junge Erwachsene. Fast die Hälfte der 5000 Studienteilnehmenden hat mindestens einen bekannten Risikofaktor.

Zudem belegt eine Analyse der Daten, dass auffallend viele jüngere Frauen gefährdet sind, ohne dass diese einen der bekannten Risikofaktoren aufweisen. Für Studienleiter Professor Stefan Störk, Leiter der klinischen Forschung am DZHI, liegt deshalb nahe, „dass es Risikofaktoren gibt, die bislang noch nicht als solche bekannt sind und nach denen daher bislang in der Vorsorge auch nicht gesucht wird.“

Das DZHI erforscht mit der-Studie seit sieben Jahren, wie häufig unterschiedliche Vorstufen der Herzinsuffizienz in der Würzburger Bevölkerung im Alter von 30 bis 79 Jahren auftreten, wie sie mit verschiedenen Risikofaktoren, etwa dem Lebensstil und vorhandenen Vorerkrankungen, zusammenhängen und wie oft und wie schnell Betroffene in ein höheres Stadium der Herzinsuffizienz übergehen. Das Studienteam teilt dafür die Vorstadien der Herzinsuffizienz in drei Stufen ein: Stadium A, in dem nur Risikofaktoren auftreten, Stadium B, in dem die Herzstruktur schon sichtbar verändert ist und Stadium C, in dem die Herzinsuffizienz klinisch manifest vorliegt. Die erste, große Auswertung der Studie wurde jüngst im European Journal of Preventive Cardiology veröffentlicht.

Studie des DZHI: Vorstufen einer Herzschwäche bei fast 60 Prozent der Untersuchten

Für die Initiatoren der Studie, das DZHI und das Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie (IKE-B) am Universitätsklinikum Würzburg, brachte die Untersuchung teils überraschende Ergebnisse: 42 Prozent der Studienteilnehmenden befinden sich im Vorläuferstadium A einer Herzinsuffizienz. Das heißt, sie weisen mindestens einen kardiovaskulären Risikofaktor wie etwa Bluthochdruck, Diabetes oder Arteriosklerose auf, ohne dass im Ultraschall Veränderungen am Herzen sichtbar wären. 45 Prozent dieser Untersuchten haben Bluthochdruck, 20 Prozent sind adipös. Im Stadium A befinden sich zudem auffällig viele jüngere Menschen zwischen 30 und 39 Jahren. Von ihnen hat etwa jeder zehnte Bluthochdruck und starkes Übergewicht. Eine durch Ultraschall sichtbare anatomische Veränderung am Herzen ohne weitere Beeinträchtigungen weisen 17 Prozent der Studienteilnehmenden auf. Diese befinden sich somit bereits im Stadium B einer Herzinsuffizienz.

Herzinsuffizienz

Bei einer Herzschwäche bzw. Herzinsuffizienz wird nicht mehr genug Blut in den Körper gepumpt, um lebenswichtige Organe mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Die Folge: Erkrankte ermüden schneller, sie werden kurzatmig und ihre Leistungsfähigkeit nimmt stark ab. Oft leiden die Patientinnen und Patienten neben einer Herzmuskelschwäche an weiteren Begleiterkrankungen. Dazu zählen zum Beispiel Herzrhythmusstörungen, Blutarmut, Stoffwechselprobleme sowie Lungen- und Nierenerkrankungen. Eine Herzinsuffizienz ist nicht vollständig heilbar, kann meist aber gut behandelt werden.

„Unsere Daten bedeuten aber nicht, dass etwa 60 Prozent der Bevölkerung für herzkrank erklärt werden müssen“, sagt Götz Gelbrich, Professor für Biometrie am IKE-B. „Die Stadien A und B sind Vorstufen einer Herzinsuffizienz. So wie Sehschwäche nicht zwingend Blindheit zur Folge hat, so mündet eine Vorstufe der Herzinsuffizienz nicht zwingend in eine klinische Herzschwäche.“ Die Stadien A und B der Herzinsuffizienz seien Warnzeichen, die aufgrund möglicher Folgeerkrankungen ernst genommen werden sollten. Bluthochdruck etwa kann zu Schlaganfällen, Nierenversagen und anderen Organschäden führen, starkes Übergewicht kann Diabetes, Arteriosklerose, Bluthochdruck und orthopädische Probleme verursachen.

Auffällig viele jüngere Frauen betroffen: Suche nach dem unbekannten Risikofaktor

Überraschend war ein weiteres Ergebnis, das die Analyse der Daten zutage förderte: Etwa ein Drittel der Teilnehmenden im Stadium B hatte keinen der bekannten Risikofaktoren, der typisch ist für Stadium A. Diese Erkenntnis scheint die bisherige Vorstellung von der Entstehung der Herzschwäche in Frage zu stellen. Die betroffenen Teilnehmenden waren mit einem Durchschnittsalter von 47 Jahren auffällig jung und vorwiegend weiblich (78 Prozent).

Die Forschenden haben bislang keine Erklärung gefunden, warum vor allem die Herzen jüngerer Frauen geschädigt sind, ohne dass einer der bekannten Risikofaktoren gefunden wurde. „Wir haben sehr viele Faktoren unter die Lupe genommen: Alkohol, Bewegung, Depression und Blutarmut. Aber wir haben keine eindeutige Ursache gefunden“, sagt Dr. Caroline Morbach, Kardiologin und Studienärztin am DZHI. „Die B-Gruppe ohne klassischen Risikofaktor lebt sogar tendenziell gesünder als die Studienteilnehmer, die eine normale Größe und Funktion des Herzens aufweisen.“

Diese offenen Fragen sollen bei den geplanten Folgeuntersuchungen berücksichtigt werden. Professor Peter Heuschmann, Direktor des IKE-B: „Wir wollen herausfinden, ob diese spezielle Gruppe wirklich ein höheres Risiko hat, eine Herzschwäche zu entwickeln, und zum anderen der Frage nach weiteren möglichen Risikofaktoren detailliert nachgehen.“

Deutsches Zentrum für Herzinsuffizienz

Das an das Universitätsklinikum Würzburg und die Universität Würzburg angegliederte Deutsche Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) ist eines von acht Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren (IFB), die das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) von 2010 bis 2020 gefördert hat. In dieser Zeit unterstützte das BMBF die Arbeit des DZHI mit knapp 50 Millionen Euro. Das Ziel: effektive Strategien für Prävention und Therapie der Herzinsuffizienz zu entwickeln und die Erkrankung grundlegend zu erforschen.

IFBs sind Modellzentren für ein spezifisches Krankheitsgebiet. Hier wird Grundlagenforschung mit klinischer Forschung verbunden und mit Patientenversorgung vereint. Dies ist ein entscheidender Schritt, um Ergebnisse aus der Forschung schneller in der Klinik, z. B. als neue und wirksamere Therapien, umzusetzen. Deutschlandweit unterstützte das BMBF seit 2010 acht IFBs mit knapp 380 Millionen Euro.