14.03.2023

COMPASS: Eine Plattform für Patienten-Apps

Mit Input aus Patientensicht: Im Projekt COMPASS haben Forschende des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM) eine Methodenplattform für die Entwicklung benutzerfreundlicher und datenschutzkonformer Apps für die medizinische Forschung aufgebaut.

Eine Frau mit Mundschutz hält ein Mobiltelefon in den Händen

Werden sie von möglichst vielen Nutzern akzeptiert, können Apps wertvolle Daten für die medizinische Forschung liefern – umso wichtiger ist es, die Patientensicht bereits bei ihrer Entwicklung zu berücksichtigen.

progressman / Adobe Stock 

In der Corona-Pandemie spielten auf dem Smartphone genutzte Apps als Kommunikationsmittel eine Schlüsselrolle: zur Kontaktnachverfolgung, zur Information über die Begegnung mit Infizierten oder zum Nachweis des persönlichen Impfstatus. Damit diese Apps aber effektiv sind, müssen sie von möglichst vielen Personen genutzt werden. Dazu bedarf es einer technisch möglichst niedrigschwelligen digitalen Lösung, die sowohl von der Bevölkerung akzeptiert wird als auch der medizinischen Forschung qualitativ hochwertige und verwertbare Daten liefert. Unverzichtbar dafür sind einheitliche Standards und eine strenge Berücksichtigung des Datenschutzes.

Mit „COMPASS“ haben Forschende des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM) eine Plattform mit Best Practice-Empfehlungen für die Entwicklung und den Einsatz von Pandemie-Apps etabliert. Die Projektbeteiligten vereinten vorhandene Pandemie-Apps in einer Open Source-Baukastenlösung, die entweder in der vorhandenen Form direkt von anderen Partnern genutzt oder aber im Rahmen festgelegter Richtlinien angepasst werden kann.

„Uns war es besonders wichtig, auch Aspekte einzubeziehen, die über die rein technische Entwicklung hinausgehen“, sagt Professorin Dagmar Krefting, Medizininformatikerin an der Universitätsmedizin Göttingen. Dort und an der Universitätsmedizin Mainz wurde das COMPASS-Projekt federführend betreut. „Hierzu gehören beispielsweise ethische Fragen, aber auch Nachhaltigkeit. Die tollsten Funktionen in einer App nützen uns nichts, wenn diejenigen, die sie nutzen sollen, diese nicht nutzen wollen oder können“. Erklärtes Ziel der Entwicklerinnen und Entwickler war es deshalb, „eine Community aufzubauen, die das Vorhaben aktiv unterstützt und mit Vorschlägen begleitet“. Wichtigen Input aus der Sicht möglicher Nutzerinnen und Nutzer lieferte das im wissenschaftlichen Beirat von COMPASS vertretene Europäische Patientenforum (EPF).

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat die Entwicklung der Plattform im Rahmen des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM) gefördert. Im Teilprojekt COMPASS („Coordination On Mobile Pandemic Apps Best Practice And Solution Sharing“) haben sich Forschende von neun deutschen Universitätskliniken mit Partnern aus der Wirtschaft zusammengeschlossen und eine Plattform aufgebaut, die konkrete Methoden und Werkzeuge für Pandemie-Apps koordiniert und bereitstellt. Das technisch-organisatorische Konzept der Plattform wurde im Anschlussprojekt CODEX+ des NUM weiterentwickelt und bis Ende 2022 gefördert.
COMPASS – Netzwerk Universitätsmedizin (NUM)

 

Potenzielle Nutzerinnen und Nutzer der Technologie schon bei der Entwicklung im Blick  

In monatlichen Sitzungen wurden der Patientenvertretung die Ergebnisse von COMPASS vorgestellt, Vorlagen und Leitfäden aus Patientensicht bewertet. Ein besonderer Fokus der Patientenvertretung lag auf den breiten Einsatzmöglichkeiten der Plattform, die zum Beispiel durch Mehrsprachigkeit gestärkt werden kann. Auch in einem zweiten Forum, dem European Health Futures Forum (EHFF), einer gemeinnützigen Non-profit Organisation, wurden die Ergebnisse von COMPASS diskutiert und positiv bewertet. Bundesweit wurden in einer repräsentativen Studie zudem mehr als 1.000 Erwachsene befragt, wie es um die Akzeptanz von forschungsorientierten Apps in der Bevölkerung bestellt ist. Ergebnis: Dieses Potenzial ist hoch, solange deren Anbieter staatlich finanzierte oder staatliche Einrichtungen sind und die Forschungseinrichtungen transparent gemacht werden, die die gewonnenen Daten verwenden.

COMPASS-Technologie kommt bereits vielfach zum Einsatz

Inzwischen kommen die COMPASS-Methoden in zahlreichen Vorhaben zum Einsatz. So halfen sie bei der Erhebung der Daten für die Gutenberg COVID-19-Studie, die mit einer Kohortengröße von mehr als 10.000 Personen eine der größten Bevölkerungsstudien zur Pandemie in Deutschland ist. Zudem wird das COMPASS-Framework bei S.A.M. genutzt, einer App der Universitätsmedizin Mainz, die in der Corona-Pandemie besonders geforderte Klinikmitarbeitende mit Unterstützungsangeboten in ihrem Alltag begleitet.

Auf Vorarbeiten für COMPASS beruht auch die App der Studie SentiSurvRLP, die regelmäßig die SARS-CoV-2 Inzidenz, inklusive Dunkelziffer, in repräsentativen Bevölkerungskohorten des Landes Rheinland-Pfalz erfasst. Ziel von SentiSurv RLP ist es, ein App-basiertes Monitoring und Frühwarnsystem für Gefährdungen der Bevölkerungsgesundheit zu evaluieren. Darüber hinaus ist der Einsatz der COMPASS-Webapp für die europaweite Kinderkrebsstudie FORTEe geplant. Sie untersucht den Einfluss körperlicher Aktivität auf das Wohlbefinden und die Fitness von krebskranken Kindern und Jugendlichen, die mit intensiver Chemo- und/oder Strahlentherapie behandelt werden.

„Ohne Einbeziehung der Patientensicht entwickeln wir am Bedarf vorbei“

„Auch wenn ich privat vielleicht selbst Patientin bin, habe ich als Wissenschaftlerin oft eine andere Sichtweise auf Forschungsfragen“ betont Medizininformatikerin Krefting. Deshalb ist es so wichtig, die Patientensicht ausdrücklich und strukturiert einzubeziehen – sonst entwickeln wir am Bedarf vorbei.“ Generell sei die Nutzung von Apps mit vielen Akzeptanzhürden behaftet, die ohne die Patientenperspektive nicht erkennbar seien. Stimme beispielsweise die Sprache in der App nicht und wirke sie auf Patienten unsensibel, werde die Akzeptanz nicht gegeben sein. „Eine auf das eigene Smartphone geladene App ist immer auch stark in die Privatsphäre eingebunden“ sagt Krefting. „Hier ist besondere Sensibilität notwendig, die von Betroffenen beziehungsweise ihren Vertretungen eingefordert und beachtet wird.“