23.03.2023

Tuberöse Sklerose: Eltern und Forschende setzen sich für frühe Therapie ein

Eine Studie untersucht, ob Babys mit der Seltenen Erkrankung Tuberöse Sklerose von sehr früher Medikation profitieren. Möglicherweise – so die Hoffnung von Forschenden und Elternvertretern – lassen sich Störungen in der Hirnentwicklung so verringern.

Schlafendes Baby mit einer Nasensonde

Eine klinische Studie untersucht, ob eine sehr frühe medikamentöse Therapie Kinder mit einer tuberösen Sklerose vor geistiger Beeinträchtigung und Autismus schützen kann. 

Mit freundl. Genehmigung von Fam. Frank

Nach der Geburt beginnt ein faszinierender Wachstumsprozess im Gehirn: Die Nervenzellen verschalten sich mit rasanter Geschwindigkeit. Über Nervenverbindungen – den Synapsen – entsteht ein neuronales Netz, in dem jede Nervenzelle mit tausenden von anderen verbunden ist. So werden zahlreiche Verbindungen angelegt und auch wieder abgebaut, bis Kleinkinder im Alter von zwei Jahren so viele dieser Verbindungen haben wie Erwachsene. Bei Kindern, die von der Seltenen Erkrankung Tuberöse Sklerose betroffen sind, verläuft dieser Prozess unkontrolliert. Weil eines von zwei Genen (das TSC1- oder TSC2-Gen) verändert ist, fehlt ein im gesunden Organismus vorhandener hemmender Einfluss auf die Zellteilung. Es kommt zu übermäßigem Wachstum und zu übermäßigen und nicht gesunden synaptischen Verbindungen im Gehirn. Gleichzeitig können Gewebe-Fehlbildungen und Tumoren in anderen Organen, wie Herz oder Nieren entstehen.

PROTECT-Studie: Schutz vor den Folgen des fehlgeleiteten Nervenzellwachstums im Gehirn

„Die betroffenen Kinder leiden häufig unter früh beginnenden und schweren Epilepsien und können während der ersten Lebensjahre eine geistige Behinderung und Autismus entwickeln“, fasst Neuropädiater Professor Dr. Steffen Syrbe vom Universitätsklinikum Heidelberg zusammen. „Hier wollen wir mit unserer klinischen Studie PROTECT ansetzen: Wir untersuchen, ob wir durch die Gabe eines bereits für ältere Kinder zugelassenen Medikamentes möglichst früh nach der Geburt die Hirnentwicklung positiv beeinflussen können.“ In der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Studie erhalten 30 Säuglinge von den ersten vier Lebensmonaten an das Medikament. Im Alter von zwei Jahren wird dann verglichen, ob sie eine bessere geistige Entwicklung, weniger Autismus und seltener Epilepsien zeigen als eine Kontrollgruppe von 30 Kindern, die keine zusätzliche Behandlung erhalten haben.

Tuberöse Sklerose

Die Tuberöse Sklerose (TSC) ist eine genetisch bedingte Erkrankung, bei der Fehlbildungen und Tumoren in nahezu allen Organsystemen auftreten. Der Name leitet sich vom lateinischen Wort tuber (Höcker, Beule) und vom griechischen Wort skleros (hart) ab. TSC zählt zu den Seltenen Erkrankungen; man geht derzeit davon aus, dass die Zahl der an TSC erkrankten Neugeborenen in Deutschland bezogen auf die Bevölkerung um 1:10.000 beträgt.

Für ältere Kinder und Erwachsene mit Tuberöser Sklerose werden derartige Medikamente bereits erfolgreich gegen das übermäßige Gewebewachstum angewendet – ihre geistige Entwicklung blieb jedoch beeinträchtigt. „Wir vermuten, dass die Störungen der Hirnreifung bei TSC bereits sehr früh in den ersten Lebensmonaten auftreten. Deshalb muss eine medikamentöse Therapie möglichst früh beginnen“, so Syrbe.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Für Syrbe und sein Team war bei der Konzeption der Studie eine enge Zusammenarbeit mit der Elterninitiative „Tuberöse Sklerose Deutschland e. V.“ von großer Bedeutung. „Die Elternvertreterinnen und -vertreter haben uns ermutigt, die Studie anzugehen und unterstützen uns sehr“, sagt Syrbe. „Die Frage, ob man mit sehr früher Medikation die Kinder vor schweren Verlaufsformen der Krankheit besser schützen kann, ist für die Eltern von sehr großer Bedeutung.“  Dies bestätigt Sandra Hoffmann, Bundesgeschäftsführerin des Vereins: „Als Patientenorganisation begrüßen wir die Studie daher sehr. TSC lässt sich häufig schon in der Schwangerschaft oder sehr früh nach der Geburt diagnostizieren – die Diagnose und das damit verbundene Risiko einer geistigen Behinderung lässt für die Eltern eine Welt zusammenbrechen und viele wären unendlich erleichtert, wenn es eine Behandlungsmöglichkeit gäbe, um die Kinder dadurch vielleicht vor starken Beeinträchtigungen zu bewahren.“

Bereits bei der Vorbereitung der Studie ist eine echte Zusammenarbeit entstanden: Die Forschenden stellten die Studienidee und den geplanten Ablauf bei diversen Netzwerktreffen vor und bezogen Wünsche der Eltern zur praktischen Durchführung in das Studienprotokoll ein. Auch stellten sie sich einer breit angelegten Diskussion bei den Jahrestreffen der Patientenorganisation, um über die Studie aufzuklären. Die Elternvertreter stellten dem Forschungsteam Daten zur Vorbereitung der Studie zur Verfügung, berichteten über die PROTECT-Studie in der Patientenzeitschrift und setzen sich dafür ein, dass betroffene Familien möglichst schnell von einer möglichen Studienteilnahme ihrer Kinder erfahren können. „Partizipation wird bei uns seit der Gründung der Elterninitiative gelebt“, so Hoffmann. „Wir sind stolz auf ein Netzwerk zwischen betroffenen Familien, Medizinerinnen und Medizinern und Forschenden, aus dem neue Kooperationen entstehen und das immer mehr Früchte trägt.“

Eine Vorstudie ermutigte zu den nächsten Schritten

Bereits im Jahr 2021 erhielt die Arbeit der Forschenden Anerkennung seitens der Patientenbewegung: Syrbe und sein Heidelberger Kollege Dr. Afshin Saffari wurden mit dem Forschungspreis der aus dem Verein heraus gegründeten Deutschen Tuberöse Sklerose Stiftung ausgezeichnet. Anlass war eine Vorstudie zum aktuellen Forschungsprojekt, in der Syrbe und Saffari die Daten von 17 Kindern unter zwei Jahren auswerteten, die in den vergangenen Jahren in Deutschland aufgrund von Einzelfallentscheidungen bereits mit entsprechenden Wirkstoffen behandelt wurden. Ihr Ergebnis: Die Medikamente sind bei einem frühen Einsatz im Kindes- und sogar Säuglingsalter sicher und verträglich. „Die Ergebnisse liefern die Grundlage für unsere aktuelle Studie zum Nutzen einer früh einsetzenden Therapie und wecken Hoffnung auf eine langfristige Verbesserung der Entwicklungschancen dieser Kinder“, ergänzt Steffen Syrbe.

Forschung für und mit den Patientinnen und Patienten
Es gibt klinische Fragestellungen, die für die Industrie nicht interessant sind, dennoch aber für die Betroffenen und das deutsche Gesundheitssystem eine hohe Relevanz haben. Mit der Fördermaßnahme „Klinische Studien mit hoher Relevanz für die Patientenversorgung“ verfolgt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Ziel, Lösungen für solche Fragestellungen zu erarbeiten. Um den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten noch besser gerecht zu werden, sind in allen Forschungsvorhaben Betroffene sowie gegebenenfalls weitere relevante Zielgruppen aktiv an der Planung, Durchführung und Ergebnisverwertung zu beteiligen. Das Projekt PROTECT („Der Einfluss einer prophylaktischen mTOR-Inhibitor Behandlung bei Säuglingen mit einer Tuberösen Hirnsklerose auf die langfristige neuropsychologische Entwicklung“) zählt dazu und wird bis zum Jahr 2026 mit rund 3,6 Millionen Euro unterstützt.