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Antikörper im Einsatz gegen HIV

Einige wenige Menschen mit einer HIV-Infektion entwickeln hochpotente Antikörper gegen das Virus. Prof. Florian Klein erläutert im Interview, wie solche Antikörper bei der HIV-Therapie und zur Prophylaxe der Infektion eingesetzt werden könnten.

Lieber Herr Professor Klein, Sie arbeiten an einer neuen Behandlung bei HIV-Infektionen – was machen Sie konkret?

Wir erforschen Antikörper, die gegen HIV gerichtet sind und eine Infektion und Vermehrung des Virus verhindern können. Hierzu muss man wissen, dass HIV ein sehr wandelbares Virus ist und wirksame Antikörper möglichst viele dieser HIV-Varianten erkennen und unschädlich machen müssen. Wir sprechen dann von „breit neutralisierenden“ Antikörpern. Bei sehr wenigen, das heißt ca. ein Prozent, aller HIV-infizierten Personen, werden diese besonderen Antikörper gebildet. Mit sehr aufwändigen Verfahren können wir diese Personen erkennen und solche breit neutralisierenden Antikörper isolieren.

Warum bilden sich diese Antikörper so selten und können diese Menschen eine HIV-Infektion dann besser kontrollieren?

Das ist eine sehr gute Frage. Die meisten dieser Antiköper zeigen eine Vielzahl von Besonderheiten, die sich oft erst über Jahre entwickeln. Die Antikörper werden dabei im Rahmen der Immunantwort immer wieder verbessert und manchmal kommt es dann zur Entwicklung dieser sehr guten Antikörper. Die HIV-infizierten Personen jedoch, in denen sich solche Antikörper aufweisen, haben in der Regel keinen Vorteil. Zwar passen sich die Antikörper immer besser an das Virus an, aber HIV kann dem Antikörper in der Regel immer wieder entkommen. Wir nennen dies „Flucht-Mutationen“ des Virus.

Können breit neutralisierende Antikörper vor einer HIV-Infektion schützen?

Ja. In tierexperimentellen Studien konnte vielfach gezeigt werden, dass durch breit neutralisierende Antikörper Infektionen verhindert werden können. Ob und vor allem wie gut dieses auch im Menschen funktioniert, wird aktuell in einer großen Studie untersucht. Dazu werden diese Antikörper Personen verabreicht, die ein hohes Risiko haben, sich mit HIV zu infizieren. Ziel ist es, diese Studienteilnehmer mittels breit neutralisierender Antikörper vor einer Infektion zu schützen.

Werden solche Antikörper bereits zur Behandlung eingesetzt?

Wir untersuchen zurzeit den Einsatz von breit neutralisierenden Antikörpern in klinischen Studien. Hier konnten wir kürzlich zeigen, dass die kombinierte Gabe von zwei Antikörpern die HIV-Infektion über 20 Wochen wirksam kontrollieren kann. Wichtig ist dabei, dass die Antikörper zum einen gut verträglich sind und zum anderen eine lange Halbwertzeit haben. Das heißt, sie müssten wahrscheinlich nur ca. alle 3 Monate gegeben werden, um wirksam zu sein.

Und könnten diese Antikörper auch zur Heilung beitragen?

Wir haben Hinweise, dass eine Therapie mit HIV-neutralisierenden Antikörpern das Immunsystem gezielt stimulieren kann und gegebenenfalls die körpereigene Abwehr gegen das HI-Virus stärkt. Zudem versuchen wir, mit Antikörpern die Anzahl der HIV-infizierten Zellen im Körper zu reduzieren. Wir arbeiten aktuell intensiv daran, diese Mechanismen besser zu verstehen und für eine Behandlung von HIV-infizierten Personen nutzbar zu machen. Ob wir dadurch in der Lage sind, die HIV-Infektion dauerhaft zu kontrollieren und dadurch eine Art funktionelle Heilung zu erreichen, wird sich in der Zukunft zeigen.  

Herr Professor Klein, wir bedanken uns für das Interview - gibt es noch einen Aspekt, der Ihnen abschließend besonders am Herzen liegt?

Wir müssen weiterhin und auf allen Ebenen versuchen, HIV-Infektionen zu verhindern und Menschen mit einer Infektion früh zu diagnostizieren und zu behandeln. Zudem müssen wir uns auch geschlossen der zum Teil noch bestehenden Diskriminierung von HIV-positiven Menschen entgegenstellen. Das bedeutet einerseits, die Bevölkerung gut über HIV-Infektionen aufzuklären und andererseits, an neuen Ansätzen zu forschen, die eine optimale Behandlung und einen sicheren Schutz vor einer Infektion ermöglichen.

Die medizinische Behandlung bei HIV: Ein gutes und langes Leben ist möglich

Die Standardbehandlung bei einer HIV-Infektion ist eine sogenannte Kombinationstherapie aus verschiedenen Medikamenten. Man nutzt hierbei das aktuelle Wissen über das Virus: Bei einer Infektion dockt das Virus zunächst an die menschliche Zelle (meist sogenannte CD4+-T-Zellen) an und integriert sodann seine eigene genetische Information in die Gene der Zelle. Als Folge hiervon können neue Viren produziert werden. Die verfügbaren Medikamente greifen an verschiedenen Punkten an, die für die Vermehrung der Viren unerlässlich sind.  

Diese Behandlung ist heute so gut, dass man die Viren im Blut meistens nicht mehr nachweisen kann. Die lebensbedrohliche Erkrankung AIDS kann so verhindert werden. Menschen, die frühzeitig mit einer solchen Behandlung beginnen, haben in der Regel eine fast normale Lebenserwartung. Diese Medikamente werden heute auch als sogenannte Prä- Expositions-Prophylaxe (PrEP) eingesetzt und können vor einer HIV-Infektion schützen.

Forschung zu HIV: Weiterhin hoher Bedarf

Neue Wirkstoffe. Resistenzen können ein Problem darstellen: Das Virus ändert sein Erscheinungsbild und Medikamente können so ihre Wirkung verlieren. Auch heute sterben aus diesem Grund Patientinnen und Patienten – trotz Behandlung.

Medikamente mit längerer Wirkung, geringeren Nebenwirkungen. Die Einnahme von einer bis wenige Tabletten pro Tag ist aktuell zur Behandlung notwendig. Für einen jungen Menschen bedeutet dies, dass er für die weiteren 50-60 Jahre jeden Tag Medikamente einnehmen muss. Obwohl die Therapie allgemein gut verträglich ist, kommt es auch immer wieder zu Nebenwirkungen.

Eine Impfung gegen HIV, weitere Schutzmaßnahmen. Weltweit werden nur gut 60 Prozent der Betroffenen mit einer wirksamen antiretroviralen Therapie behandelt. Etwa 770.000 Menschen verstarben im letzten Jahr an AIDS, darunter 100.000 Kinder1. Mit einer Impfung gegen HIV könnte die Pandemie deutlich besser kontrolliert und wahrscheinlich gestoppt werden.

Möglichkeiten einer Heilung? Verschiedene Forschungsansätze zielen darauf ab, HIV-Infektionen zu heilen. Erforscht werden beispielsweise die therapeutische Impfung zur Stärkung des Immunsystems oder gentherapeutische Ansätze, mit denen der Virus wieder aus dem Genom der Zellen entfernt werden kann.

1Quelle: UNAIDS

 

Prof. Dr. Florian Klein ist Direktor des Instituts für Virologie an der Universität zu Köln und Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung

Prof. Dr. Florian Klein ist Direktor des Instituts für Virologie an der Universität zu Köln und Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung

Uniklinik Köln

 

Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung

Infektionskrankheiten wie AIDS, bakterielle Atemwegserkrankungen, Tuberkulose oder Malaria zählen zu den häufigsten Todesursachen weltweit. Ausgelöst werden sie durch Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten. Im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) entwickeln bundesweit mehr als 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 35 Institutionen gemeinsam neue Ansätze zur Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Infektionskrankheiten. Forschung zu HIV-Infektionen gehört zu einem der neun Schwerpunktthemen.
Das DZIF ist eines von sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zur Bekämpfung der wichtigsten Volkskrankheiten ins Leben gerufen wurden.

Mehr Informationen finden Sie unter www.dzif.de und https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/deutsche-zentren-9430.php.