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Neues Epidemie-Management-System bekämpft Affenpocken-Ausbruch in Nigeria

Das mobile System ermöglicht auch in entlegenen Regionen frühzeitige Schutzmaßnahmen und soll helfen, gefährliche Epidemien einzudämmen. Es zeigt, wie deutsche Forschung dazu beitragen kann, globale gesundheitliche Herausforderungen zu lösen.

Die SORMAS-App in der Anwendung.

Die SORMAS-App in der Anwendung.

HZI/Melching

Seit September 2017 hat sich die Affenpocken-Epidemie auf 14 Bundesstaaten in Nigeria ausgebreitet. Forschende vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) und nigerianische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bekämpfen den Ausbruch gemeinsam. SORMAS – so der Name des dabei eingesetzten Systems – steht für „Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System“. Es erfasst und analysiert die Datenlage beim Ausbruch gefährlicher Infektionskrankheiten und erkennt potenzielle Bedrohungen. Dadurch können notwendige Schutzmaßnahmen frühzeitig eingeleitet werden. Entsprechend der technischen Gegebenheiten westafrikanischer Länder basiert das System auf weit verbreiteten Mobiltelefonen. So können sich Labore und Krankenhäuser in Echtzeit miteinander vernetzen und epidemiologische Daten austauschen.

Das Affenpocken-Virus ist mit dem ausgerotteten Pockenvirus verwandt. Bei früheren Epidemien in Afrika starben etwa drei Prozent der Erkrankten. Oft lösen Tierkontakte die Ausbrüche aus – das Virus wird aber auch von Mensch zu Mensch übertragen. Forscherinnen und Forscher vermuten, dass das Risiko, an Affenpocken zu erkranken, seit Beendigung der Pockenschutzimpfungen in den 1970er Jahren steigt.

Gefährliche Epidemien reaktionsschnell und effektiv eindämmen

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) fördern die Entwicklung von SORMAS. Die dramatischen Erfahrungen während der Ebola-Epidemie in Westafrika haben deutlich gemacht, dass die nationale und internationale Notfallvorsorge für derartige Epidemien bislang unzureichend ist. SORMAS soll als reaktionsschnelles Epidemie-Management-System die Ausbreitung gefährlicher Erreger künftig weltweit schneller eindämmen.

SORMAS funktioniert auch in entlegenen Orten ohne Mobilfunkanbindung. „Sobald zwischenzeitlich eine Netzanbindung gelingt, werden die Daten zentral synchronisiert. Hierdurch können die Seuchenschutzmaßnahmen mit geringem Zeitverzug gesteuert werden“, erläutert Prof. Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie und des SORMAS-Projekts am HZI und Koordinator der „Translational Infrastructure Epidemiology“ im DZIF. „Das System trifft genau den dringenden Bedarf für Pandemieprävention in Afrika und zeigt, wie wir durch digitale Lösungen schnell und effizient Maßnahmen einleiten können, um die Ausbreitung von Pandemien zu verhindern“, ergänzt Hans-Joachim Fuchtel, parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Ein Team aus Deutschland installierte SORMAS vor Ort

Seit September 2017 hat sich die Epidemie von Affenpocken mit bislang 128 Patienten auf inzwischen 14 Bundesstaaten in Nigeria ausgebreitet. Die Krankheitsüberwachung ist in den meisten afrikanischen Ländern nicht darauf eingerichtet, den Ausbruch einer so ungewöhnlichen Krankheit frühzeitig zu erfassen. „Derzeit ist noch gar nicht klar, ob wir es hier mit einem punktuellen Ausbruch zusammenhängender Erkrankungen oder mit einer diffusen allgemeinen Zunahme des Phänomens zu tun haben“, sagt Dr. Chikwe Ihekweazu, Leiter der Nigerianischen Seuchenschutzbehörde. Daher hat er das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gebeten, SORMAS zur Aufklärung der aktuellen Situation einzusetzen. Ein Team aus Deutschland ist daraufhin kurzfristig nach Nigeria gereist, um das System im Lagezentrum der Seuchenschutzbehörde und in den Laboren der betroffen Bundestaaten zu installieren.

Patient mit Affenpocken im Bauchbereich.

Patient mit Affenpocken im Bauchbereich.

Nigerianische Seuchenschutzbehörde

Schneller Erkenntnisgewinn – hoher praktischer Nutzen

Der aktuelle Einsatz von SORMAS in Nigeria verläuft vielversprechend: Innerhalb weniger Tage verbesserte das System die Datenlage deutlich. Es zeigt zum Beispiel mit Netzwerkdiagrammen die Übertragungswege an und stellt automatisch die geografische Verteilung auf Karten dar. Ihekweazu ist vom Mehrwert des Systems überzeugt und hofft, es bald flächendeckend und dauerhaft in Nigeria einsetzen zu können: „Wir möchten SORMAS während der unmittelbar bevorstehenden Meningitis-Saison einsetzen, denn wir benötigen hier dringend eine bessere Datenlage.“ Zugleich werden dabei neun weitere Krankheiten erfasst werden, die in Nigeria ein hohes epidemisches Potenzial haben, wie zum Beispiel Lassa-Fieber, Masern und Cholera.

Prof. Dirk Heinz, Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig und Vorstandsmitglied des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung, betont: „Wir freuen uns, dass unsere Forschungs- und Entwicklungsarbeit so schnell einen direkten praktischen Nutzen aufweisen kann. Das volle Potenzial zur Prävention wird SORMAS noch entfalten, wenn es flächendeckend in mehreren Ländern etabliert werden kann.“