Alternativmethoden zum Tierversuch

Gibt es Alternativen zu Tierversuchen? Diese Frage kann immer öfter mit „Ja“ beantwortet werden. Einen großen Anteil daran hat das Bundesforschungsministerium: Seit über 35 Jahren unterstützt es Forschende, die Ersatzmethoden für Tierversuche entwickeln.

Maus im Labor

Alternativmethoden ersetzen nicht nur Tierversuche sondern können auch den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn steigern.

anyaivanova; Thinkstock

Tierversuche in der Forschung bewegen sich in einem Spannungsfeld: Erkenntnisgewinn und Sicherheitsbestreben des Menschen auf der einen stehen dem im Grundgesetz verankerten Tierschutz auf der anderen Seite gegenüber. Nach wie vor sind Forscherinnen und Forscher noch immer auf Tierversuche angewiesen, etwa wenn es darum geht, komplexe Prozesse im menschlichen Körper zu verstehen. Auch bei der Frage, ob ein Medikament tatsächlich wirkt oder ob einzelne Chemikalien für den Menschen giftig sind, können Tierversuche wichtige Informationen liefern. Gleichzeitig sind Tierversuchen rechtlich enge Grenzen gesetzt: Sie müssen beantragt und genehmigt werden und gelten zudem nur dann als ethisch vertretbar, wenn sie auf das unerlässliche Maß beschränkt bleiben.

„Der Schutz des Menschen ist ein hohes ethisches Gut, der Schutz der Tiere ist aber nicht weniger wichtig. Jede Möglichkeit der Vermeidung von Leid bei Tieren ist zu ergreifen.“
 

Professorin Monika Schäfer-Korting, Pharmakologin und Toxikologin an der Freien Universität Berlin.

Versuchstiere schützen und Tierversuche ersetzen

Insbesondere vor diesem Hintergrund gewinnt die Suche nach Alternativen zum Tierversuch immer mehr an Bedeutung. Zumal neben dem Tierschutzaspekt auch wissenschaftliche Argumente gegen ein „Weiter so“ sprechen. So gehen Experten davon aus, dass Ersatzmethoden teils verlässlichere Ergebnisse liefern können als Tierversuche. Alternativmethoden zum Tierversuch stehen daher mittlerweile in vielen Forschungsbereichen zur Verfügung. Sie können dazu beitragen, die Zahl der Tiere zu reduzieren, die jedes Jahr weltweit für Tierversuche eingesetzt werden. Allein in Deutschland waren es im Jahr 2015 mehr als zwei Millionen Tiere (Quelle: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft).

Deutschland ist auf dem Gebiet der Entwicklung und Förderung von Alternativmethoden zum Tierversuch einer der Vorreiter: Seit mehr als 35 Jahren unterstützt das Bundesforschungsministerium die Suche nach Ersatzmethoden zum Tierversuch – bislang mit rund 180 Millionen Euro für mehr als 500 Projekte. Die Förderung fußt auf dem sogenannten 3R-Konzept. Dazu zählen Testverfahren, die Tierversuche:

  • durch alternative Methoden ersetzen (Replacement) oder
  • wenn dies nicht möglich ist, die Zahl der benötigten Tiere zumindest auf ein Minimum reduzieren können (Reduction).
  • Zudem soll das Leiden der Tiere verringert und aus dem einzelnen Tierversuch so viele Informationen wie möglich gewonnen werden (Refinement).

Breites Anwendungsspektrum

Die geförderten Projekte sind vielfältig und decken ein breites Spektrum an Alternativmethoden und Einsatzbereichen ab. So bauen Forscherinnen und Forscher mithilfe dreidimensional wachsender Zellkulturen komplexe Strukturen des menschlichen Körpers nach – von einzelnen Geweben und Blutgefäßen bis hin zu kompletten Organen. Ein Beispiel hierfür ist künstlich hergestellte menschliche Haut. Auf dieser lässt sich die Wirkung von Chemikalien oder Arzneimitteln testen – nach Expertenmeinung sogar verlässlicher als auf der Haut von Versuchstieren. Dies verdeutlicht, dass Alternativmethoden nicht nur Tierversuche ersetzen sondern auch den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn steigern können.

Vielversprechend sind ebenfalls die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Computermodellierung. Forschungsteams aus verschiedenen Fachrichtungen arbeiten daran, physiologische Prozesse in komplexen Organen wie beispielsweise der Leber am Computer zu simulieren. Diese Modelle könnten Tierversuche etwa im Rahmen von Medikamentenstudien ersetzen. Zudem bauen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ganze Organsysteme des menschlichen Körpers auf sogenannten Biochips nach und vernetzen diese miteinander. Die Vision der Forscher: ein „Human-on-a-Chip“, der die Abläufe im Körper möglichst exakt widerspiegeln kann.

Verbreitung fördern

Um aussichtsreiche neue Ansätze noch schneller als bislang in die praktische Anwendung zu bringen, hat das Bundesforschungsministerium die Förderung erweitert. Neben der Entwicklung von Ersatzmethoden werden seit kurzem verstärkt auch Konzepte und Strategien zur Einführung und Verbreitung von Alternativmethoden unterstützt, zum Beispiel Schulungen oder Trainingskurse. Neu ist auch, dass die Begleitung der Projekte durch erfahrene Mentoren gefördert werden kann. Sie helfen den Forscherinnen und Forschern dabei, ihren Alternativmethoden den Weg in die Praxis zu ebnen.