Angst, Zwang und Schizophrenie

Die Forschung liefert immer neue Details für das Verständnis dieser Krankheiten. Bei der Therapie geht es darum, die Symptome zu lindern und Betroffene gesellschaftlich zu integrieren.

Rückansicht einer Frau, die auf weit entfernte Lichter blickt.

Die Behandlung der Schizophrenie zielt heute darauf ab, die Betroffenen zu integrieren.

finwal/Thinkstock

Der aus dem Altgriechischen entlehnte Begriff „Schizophrenie“ beschreibt das Krankheitsbild anschaulich: Die Schizophrenie wirkt wie eine „Spaltung“ der Seele, der Persönlichkeit. Die Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie können während ihrer akuten Krankheitsphasen nicht zwischen Wahn und Realität unterscheiden. Sie sehen Dinge oder Menschen, die objektiv nicht da sind. Sie hören Stimmen, denen sie antworten, fühlen sich verfolgt. Diese sogenannten Positivsymptome treten episodisch auf und wechseln sich mit symptomfreien Phasen ab. Bei vielen Betroffenen wird die Erkrankung zudem von sogenannten Negativsymptomen begleitet, die denen einer Depression ähneln. Hierzu gehören beispielsweise eine gedrückte Stimmung, Antriebslosigkeit und ein Verlust der Fähigkeit, Gefühle zu erleben.

Die Schizophrenie ist für viele Menschen der Inbegriff psychischer Erkrankungen. Das liegt vor allem an der Symptomatik: Wer an Schizophrenie leidet, zieht sich oft nicht zurück, wie das depressive Menschen tun. Die Schizophrenie ist für Außenstehende sichtbar, hörbar, erlebbar.

Auch bei Patientinnen und Patienten mit Angst- und mit Zwangsstörungen ist die Realität auf eine für Außenstehende oft schwer nachvollziehbare Weise verzerrt. Menschen mit Angststörungen haben entweder diffuse Ängste, oder sie fürchten sich vor teilweise sehr spezifischen Dingen, die für gesunde Menschen nicht angstbesetzt sind („Phobien“). Menschen mit Zwangsstörungen dagegen haben das intensive Bedürfnis, bestimmte Dinge wieder und wieder zu tun, beispielsweise Ordnung herzustellen oder die Umgebung zu reinigen. Sie können ihre Handlungen dabei einerseits gut begründen. Andererseits leiden sie darunter und erkennen die Handlungen als unsinnig.

Verbreitung von Zwang, Angst und Schizophrenie

Die Schizophrenie kommt in allen bekannten Kulturen vor und ist in ihrer Häufigkeit relativ konstant. Die Lebenszeitprävalenz, also die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal in seinem Leben eine schizophrene Episode zu erleiden, liegt bei ein bis zwei Prozent. Eine bis drei von 10000 Personen erkranken pro Jahr neu an Schizophrenie, wobei Männer und Frauen ein in etwa gleiches Risiko haben (WHO).

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. In Befragungen geben etwa 14 Prozent der Deutschen an, im vergangenen Jahr unter einer Angststörung gelitten zu haben. Frauen sind dabei mehr als doppelt so häufig betroffen wie Männer (Bundes-Gesundheitssurvey). Zwangsstörungen sind dagegen vergleichsweise selten: Wiederkehrende Zwangshandlungen oder Zwangsgedanken treten bei etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung auf (Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen).

Forschungsnetz für psychische Erkrankungen

Das Forschungsnetz für psychische Erkrankungen vereint über 30 wissenschaftliche Einrichtungen aus ganz Deutschland. Sie erforschen neue und bewährte Wege der Prävention, Diagnostik und Therapie und optimieren sie. Es geht um Erkrankungen wie depressive und Angststörungen, bipolaren Störungen, Schizophrenie, Suchterkrankungen sowie Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) und Autismus.

Beteiligung von Genen und äußeren Faktoren

Wie bei den meisten psychischen Erkrankungen gibt es auch bei Schizophrenie eine gewisse genetische Veranlagung. Unstrittig ist aber auch, dass äußere Faktoren eine gewichtige Rolle spielen. Untersuchungen zum sozialen und kulturellen Umfeld zeigen, dass belastende Lebenssituationen das Auftreten von schizophrenen Episoden begünstigen. Wer in der Stadt aufwächst, hat ein höheres Schizophrenie-Risiko als Landkinder. Auch Alkohol- und Drogenkonsum ist mit dem Auftreten der Schizophrenie assoziiert.

Von einer gewissen genetischen Veranlagung geht die medizinische Wissenschaft auch bei Angst- und Zwangsstörungen aus. Belastungssituationen, traumatisierende Erlebnisse in der Kindheit oder Lebenskrisen können die Erkrankung zum Ausbruch bringen. Im Einzelfall ist es allerdings oft schwer, die Ursache dingfest zu machen.

Multimodale Therapien zielen auf Integration statt Isolation

Die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert. Noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein war es üblich, Betroffene für Jahre, nicht selten auch Jahrzehnte in geschlossenen psychiatrischen Anstalten zu behandeln. Heute zielt die Behandlung bei Schizophrenie darauf ab, die Erkrankten nicht zu isolieren, sondern zu integrieren. Ein wichtiges Hilfsmittel, um dieses Ziel zu erreichen, sind antipsychotische und auch antidepressive Medikamente. Psychotherapie, kognitive Verhaltenstherapie und soziotherapeutische Interventionen, bei denen das familiäre Umfeld und gemeindenahe Hilfesysteme eingebunden werden, sind zentrale Bausteine der Versorgung. Wird ein solches multiprofessionelles Versorgungskonzept konsequent umgesetzt, können Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie heute in aller Regel ambulant behandelt werden.

Auch bei der Behandlung von Angst- und Zwangsstörungen wurden in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte erzielt. Die überzeugendsten Wirksamkeitsnachweise liegen für eine Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie vor. Bei Angststörungen hat sich etwa die kognitive Verhaltenstherapie bewährt. Für eine erfolgversprechende Behandlung sind die Motivation des Betroffenen und eine umfassende Aufklärung über das Krankheitsbild entscheidend. Sport und körperliche Aktivität stellen oft zusätzlich hilfreiche Instrumente dar.

Ergebnisse der Gesundheitsforschung

Studie belegt, dass neue Antipsychotika wirksamer sind als Medikamente der alten Generation.

Antipsychotika im Fokus

Studie belegt, dass neue Antipsychotika wirksamer sind als Medikamente der alten Generation.

Professor Michael Bauer, Sprecher des Forschungsnetzes zu psychischen Erkrankungen

Interview mit Professor Michael Bauer

„Für die Erforschung psychischer Störungen bedarf es konzentrierter und vernetzter Forschungsanstrengungen“

Dreidimensionale Zeichnung eines Würfels.

Optische Täuschung für wissenschaftliche Zwecke

Ein mathematisches Modell soll die Wahrnehmung von optischer Täuschung bei Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie exakt beschreiben