Krebs bei Kindern: „Wir müssen etwas ganz Neues machen“

Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 2.000 Kinder an Krebs. Die Chancen, diesen Krebs zu besiegen, sind zum Glück hoch – doch es gibt immer noch unheilbare Fälle. Der Kinderonkologe Stefan Pfister beschreibt, wo die Aufgaben der Zukunft liegen.  

Krebs bei Kindern: „Wir müssen etwas ganz Neues machen“

Professor Dr. Stefan Pfister ist Direktor des Hopp-Kindertumorzentrums Heidelberg (KiTZ), Abteilungsleiter am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und Kinderonkologe am Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD).

Philip Benjamin

Der Krebsforscher Prof. Dr. Stefan Pfister ist Molekularbiologe und Onkologe. Er gilt als Experte für kindliche Hirntumoren. Ziel seiner Forschung ist unter anderem eine Behandlung im Sinne einer personalisierten Krebstherapie.

Herr Professor Pfister, mehr als 80 Prozent der Kinder- und Jugendlichen, die heute eine Krebsdiagnose bekommen, können geheilt werden. Was waren aus Ihrer Sicht die Meilensteine, die uns dahin gebracht haben?

Der größte Durchbruch war, als man sich Ende der 1970er Jahre erstmals entschlossen hat, verschiedene Chemotherapie-Medikamente miteinander zu kombinieren und sie lange genug zu geben, um Rückfälle durch verbleibende Krebszellen zu vermeiden. Das war eine echte Revolution. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die damals diesen Schritt gewagt haben, wurden auch starken Anfeindungen ausgesetzt, sie würden die Kinder behandeln, ohne den Nutzen zu kennen. Für die betroffenen Kinder und Jugendlichen hat es tatsächlich einen Unterschied ausgemacht! Alles, was dann in den folgenden Jahrzehnten kam, war mehr oder weniger ein Feintuning dieses Konzepts, bei dem Chemotherapien in unterschiedlicher Weise, Dosierung und Abfolge kombiniert wurden.

Man musste also erst einmal den Mut aufbringen, diesen Weg konsequent zu gehen und bei der Behandlung der Kinder auch mögliche Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen?

Genau. Ein Stück weit befinden wir uns heute noch in einer solchen Situation, denn es gibt Patientinnen und Patienten, bei denen wir schnell wissen, dass ihnen die herkömmlichen Therapien sehr wahrscheinlich nicht helfen werden. Hier sollten wir nicht weiterhin mit konventioneller Strahlen- und Chemotherapie beginnen, von der wir annehmen, dass sie für diese Betroffenen nicht wirksam sein wird, nur weil wir keine Alternativen kennen. Vielmehr muss man dann auch den Mut haben, zu sagen: „Wenn wir wissen, dass es für diese Erkrankung oder für diese Sub-Gruppe von Patienten praktisch keine Heilungschancen gibt, dann müssen wir etwas ganz Neues machen.“

Was ist der nächste notwendige Schritt?

Ein wichtiger Aspekt ist, dass wir mehr über die sogenannte Tumorheterogenität und ihre Rolle bei Rückfällen nach Krebstherapien erfahren müssen. Hier gibt es Parallelen zu Antibiotika-Resistenzen, die vielen Menschen bereits geläufig sind. Es ist ein bekanntes Problem: Wenn Medikamente beispielsweise zu niedrig dosiert oder nicht lange genug gegeben werden, setzen sich Bakterienstämme durch, gegen welche diese Medikamente dann nicht mehr wirken. Etwas Ähnliches kann auch in einem Tumor passieren: Tumoren bestehen aus sehr unterschiedlichen Zellen. Manche dieser Zelltypen entwickeln im Verlauf der Erkrankung Widerstandskräfte gegen ursprünglich wirksame Medikamente, sodass sie nicht mehr auf eine Behandlung ansprechen. Oder ein im Tumor zunächst sehr seltener Zellklon erhält besondere Wachstumsschancen, weil konkurrierende Zellen durch die Therapie ausgeschaltet werden. Wenn man den Krebs mit einer Monotherapie behandelt, also mit einem einzelnen Medikament, ist die Wahrscheinlichkeit bei vielen Krebsarten relativ groß, dass er eine Möglichkeit findet, sich mit einem derartigen Resistenzmechanismus zu widersetzen. Deshalb brauchen wir intelligente Kombinationen, die auch die Erfahrungen einbeziehen, welche Resistenzen entstehen werden.

Das Forschungsprojekt HEROES-AYA wird im Rahmen der Dekade gegen Krebs (NDK) mit rund 18 Millionen Euro vom BMBF gefördert. Inwiefern kann es dazu beitragen, das Problem der Tumorheterogenität zu lösen?

Die Abkürzung HEROES-AYA steht für: „Heterogenität, Evolution und Resistenz von durch Fusionsgene getriebenen Sarkomen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen“. Wir wollen anhand einer Krebsform – den sogenannten Sarkomen, also vom Bindegewebe ausgehenden Tumoren – modellhaft untersuchen, was im Verlauf der Krankheit innerhalb von einzelnen Tumorzellen und zwischen den Zellklonen abläuft, welche Veränderungen auftreten und zur Entwicklung der Tumorheterogenität und damit auch zur Resistenzbildung führen. Hierzu nutzen wir Tumorzellproben aus bereits existierenden großen klinischen Studienplattformen wie beispielsweise der ebenfalls vom Bundesforschungsministerium geförderten INFORM-Studie. Die Studie ermöglicht es uns auch, Tumoren jetzt erstmals auf Ebene einzelner Zellen anzuschauen und nicht als Durchschnitt des Tumorgewebes. Es ist gut möglich, dass wir anhand der Tumormaterialien so künftig eine mögliche Resistenzentwicklung vor Beginn einer Behandlung vorhersagen können. Und das kann erhebliche Auswirkungen auf eine Therapieentscheidung haben!

INFORM-Studie: Wichtige Grundlage für den nächsten Schritt

Die in Deutschland entwickelte Diagnostikstudie INFORM (Individualized Therapy for Relapsed Malignancies in Childhood) setzt weltweit Maßstäbe und nimmt Kinder und Jugendliche in den Blick, die nach einer Krebserkrankung einen Rückfall erleiden oder die bei der Erstdiagnose keine realistische Heilungschance mit einer Standardtherapie haben. Die vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und vom Hopp-Kindertumorzentrum (KiTZ) koordinierte Studie konnte sich mit Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zur schnellsten und anerkanntesten Diagnostik-Plattform für krebskranke Kinder entwickeln. Bisher wurden mehr als 2.500 Kinder mit Tumor-Rückfällen oder Ersterkrankungen ohne Behandlungsoption aus zwölf Ländern eingeschlossen. Bei circa zehn Prozent der Betroffenen findet sich ein vielversprechender therapeutischer Angriffspunkt. Erklärtes Ziel der an INFORM-Beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist es, die INFORM-Analysen in Zukunft für alle jungen Krebs-Patientinnen und Patienten in Deutschland, für welche keine etablierte Behandlungsoption zur Verfügung steht, als Krankenkassenleistung zu etablieren.

weitere Informationen zur INFORM-Studie

Was bedeutet die neue Studie für die jungen Patientinnen und Patienten, was für das Gesundheitssystem?

Am wichtigsten ist, dass wir so schrittweise Behandlungsoptionen auch für diejenigen finden können, die zurzeit keine Heilungschance haben. Krebs ist bei Kindern, im Gegensatz zu Krebs im Erwachsenenalter, meistens nicht auf äußere Einflüsse zurückzuführen, sondern auf zufällige Fehler bei der Zellteilung und -vermehrung, die erblich bedingt sind oder im Laufe der körperlichen Entwicklung entstehen können. Die biologischen Unterschiede zu den bei Erwachsenen häufigen Krebsarten sind riesig und deshalb sind alle Krebserkrankungen bei Kindern in Hinblick auf die Fallzahlen sehr seltene Erkrankungen. Es gibt beispielsweise manche Hirntumoren, die kommen nur fünf bis 30 Mal pro Jahr in Deutschland vor, sind aber immer tödlich – und da kann es nicht die Lösung sein, dass wir mit dem weitermachen, was schon seit 50 Jahren nicht erfolgreich ist. Wir brauchen für alle krebskranken Kinder eine genaue Diagnose und eine auf die spezifische Krebsart ausgerichtete Therapie, die auch Resistenzen in den Blick nimmt.

Ein Junge mit Stofftier im Arm lächelt in die Kamera.

Krebserkrankungen bei Kindern unterscheiden sich deutlich von denjenigen, von denen Erwachsene betroffen sind. Die Forschenden suchen nach neuen Behandlungsoptionen.

DLR Projektträger / BMBF

Doch auch das Gesundheitssystem kann entlastet werden: Einerseits sind Krebsmedikamente, die wir teilweise schon seit 50 Jahren in der Kinderonkologie verwenden, nicht mehr patentgeschützt und daher vergleichsweise kostengünstig. Die Behandlung wird aber trotzdem unnötig teuer, wenn diese Medikamente, verbunden mit zahlreichen stationären Aufenthalten und Komplikationen, über viele Monate bei Betroffenen eingesetzt werden, welche gar keinen Nutzen davon haben.

Andererseits gibt es neue, hochwirksame Krebsmedikamente, die häufig zwischen 1.000 und 10.000 Euro pro Monat kosten, oder zelluläre Therapien, die teilweise mehrere 100.000 Euro kosten. Hier ist es natürlich sogar noch relevanter, ganz genau zu untersuchen, welche Patientinnen und Patienten voraussichtlich von einer dieser Therapien tatsächlich profitieren werden und welche nicht.

… Und was bedeutet die HEROES-AYA-Studie für die Krebsforschung in Deutschland?

Eine Förderung in dieser Größenordnung und die Begleitung sowie Unterstützung durch die Nationale Dekade gegen Krebs ist ein Novum in Deutschland: Mit ihr können wir uns im weltweiten akademischen Wettbewerb behaupten, denn es gibt andere Länder, die derartige große, kooperative Projekte schon sehr viel länger fördern. Deshalb glaube ich, dass HEROES-AYA für uns als Standort eine riesengroße Chance ist, um zu zeigen, dass wir zu diesen Zukunftsthemen einen wichtigen Beitrag leisten können, welcher auch internationale Strahlkraft hat. Und wir freuen uns sehr darauf!