LeMeDaRT: Stadt, Land, Datenfluss

Von Altensteig über Ebhausen bis Wildberg: Der Digitale Fortschrittshub LeMeDaRT will die medizinische Versorgung der Menschen im Nordschwarzwald verbessern und erfolgreiche Ansätze so weiterentwickeln, dass sie sich auf andere Regionen übertragen lassen.

Ein Mann und eine Ärztin sprechen über einen Videoanruf miteinander.

Ziel des Digitalen FortschrittsHUBs LeMeDaRT ist es, die ambulante und stationäre Versorgung enger miteinander zu verzahnen.

Kaspars Grinvalds/AdobeStock

Der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Digitale Fortschrittshub LeMeDaRT (Lean medical data: the right data at the right time) zeigt auf, wie die Digitalisierung in der Medizin die Versorgung auch in abgelegenen Regionen des ländlichen Raumes verbessern kann – und was das Ganze mit Smartphones zu tun hat. „Im Mittelpunkt unseres Projektes steht der Mensch auf seiner ganz individuellen Gesundheits-Reise. Patientinnen und Patienten wünschen sich eine persönliche Ansprache bei gesundheitlichen Problemen, aber häufig ist gerade auf dem Land der Weg bis zur nächsten Arztpraxis weit“, beschreibt Verbundkoordinator Prof. Dr. Thomas Ganslandt von der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg den Forschungsansatz von LeMeDaRT. „Digitalisierung kann dabei helfen, Menschen zu verbinden. Das hat uns gerade die Pandemie sehr eindrücklich gezeigt. Ein Smartphone hat heute fast jeder – wir möchten dies nutzen, um Gesundheitsförderung, Prävention und Behandlung benutzerfreundlich miteinander zu verschmelzen.“

Medizininformatik unterstützt ein neues Netzwerk der kurzen Wege

Prof. Dr. Thomas Ganslandt ist Leiter der Abteilung für Biomedizinische Informatik an der Universität Heidelberg (Medizinische Fakultät Mannheim) und Koordinator von LeMeDaRT.

Prof. Dr. Thomas Ganslandt ist Leiter der Abteilung für Biomedizinische Informatik an der Universität Heidelberg (Medizinische Fakultät Mannheim) und Koordinator von LeMeDaRT.

Daniel Schreiber 10/2019

Doch nicht nur die Patientinnen und Patienten können von der Umsetzung der Medizininformatik-Initiative in die Praxis durch die Digitalen Fortschrittshubs profitieren: Alle Akteure des Gesundheitswesens der Zukunft können auf kurzem Wege auf die richtigen Daten zur richtigen Zeit zugreifen. Hierzu zählen beispielsweise ambulant arbeitende medizinische Fachkräfte, die die Symptome schwer kranker Betroffener in der Praxis oder beim Hausbesuch besser überwachen können oder die Krankenkassen, denen die Ergebnisse helfen können, bessere Präventionskonzepte zu entwickeln. Durch eine intelligente Selbstdokumentation mit Apps und Wearables ­– also tragbaren Computersystemen – können zudem Patientinnen und Patienten aktiv am Präventions- oder Heilungsprozess teilhaben. Im Hintergrund arbeitet Künstliche Intelligenz auf den in der Medizininformatik-Initiative entwickelten Plattformen – selbstverständlich unter Wahrung des Datenschutzes.

Für die Kooperationspartner in den kleinen Orten und Gemeinden kann LeMeDaRT auf Vorarbeiten und Vernetzung mit einer bereits bestehenden Kooperation zurückgreifen: Im Projekt AMBIGOAL erarbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät Mannheim, wie sich in ländlichen Gebieten wirtschaftlich tragfähige Gesundheitspraxen etablieren lassen, die in einem patientenzentrierten, sektorenübergreifenden Ansatz und digital gestützt die medizinische Versorgung verbessern. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit soll ein enges Netzwerk zwischen niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, Medizinischen Versorgungszentren sowie Universitätskliniken aufgebaut werden.

Um die Ergebnisse der Medizininformatik-Initiative in die Fläche auszurollen und mögliche Stolpersteine auf dem Weg zur Umsetzung zu identifizieren, werden die Partner zunächst drei Anwendungsfälle untersuchen.

  • Vorbereitung und postoperative Begleitung von Krebspatientinnen und -patienten

    Während eines Krankenhausaufenthaltes – insbesondere, wenn es um eine so schwerwiegende und komplexe Erkrankung wie Krebs geht – entstehen häufig große Mengen an relevanten Daten. Doch wenn die Patientinnen und Patienten entlassen werden, ist eine weitere Nachsorge bislang nicht immer garantiert. Für die Klinikärztinnen und -ärzte wäre es jedoch wichtig zu erfahren, wie es den von ihnen Behandelten im weiteren Verlauf der Erkrankung geht, um weitere Ratschläge zu geben oder Erkenntnisse zu gewinnen. Ähnlich ist die Situation im Vorfeld eines Krankenhausaufenthaltes: Der frühzeitige Austausch von Patientendaten könnte dazu beitragen, die betroffenen Menschen durch konkrete Handlungsanweisungen besser auf eine Operation vorzubereiten und so Krankenhausaufenthalte zu verkürzen und die Rehabilitation zu verbessern. „Der Hub wird es ermöglichen, die ambulante und stationäre Versorgung enger miteinander zu verzahnen. Durch gezielte Dokumentation und Interventionen – beispielsweise durch eine elektronisch unterstützte Prähabilitation – können wir die Versorgung gemeinsam verbessern“, sagt Ganslandt.

  • Infektionsüberwachung
    Im zweiten Anwendungsfall möchten die Forschenden eine auf die persönliche Situation von Nutzerinnen und Nutzern abgestimmte Entscheidungshilfe im Pandemiefall entwickeln, die beispielsweise über eine App erreichbar sein kann. „Ziel ist es, die Risikoabschätzung zu verbessern und eine Entscheidungshilfe auf Basis des aktuellen Infektionsgeschehens und der individuellen Situation zu treffen“, so Ganslandt. „Dies kann beispielsweise Hochrisikopatienten in ländlichen Regionen dabei unterstützen, ihr persönliches Verhalten an eine aktuelle Pandemiesituation anzupassen.“ Von einer einfachen Visualisierung, die auf der aktuellen Infektionslage in Kombination mit weiteren Datensätzen wie beispielsweise den Belegungszahlen in Krankenhäusern basiert, könnten sowohl Entscheiderinnen und Entscheider als auch Betroffene profitieren.

  • Prävention und frühe Intervention bei Lebererkrankungen
    Die sogenannte Nichtalkoholische Fettlebererkrankung kommt als Folgeerscheinung von Übergewicht und mangelnder körperlicher Aktivität immer häufiger vor. Die Erkrankung bleibt oft unerkannt, weil sie keine Schmerzen verursacht, kann jedoch eine lebensbedrohliche Leberzirrhose zur Folge haben. Ein regelmäßiges Screening der Leber könnte dabei helfen, unentdeckte Fälle zu finden, ist aber aktuell noch nicht Teil der von den Krankenversicherungen bezahlten Vorsorgeuntersuchungen. Das LeMeDaRT-Team möchte in Kooperation mit einer großen Krankenkasse und weiteren Akteuren der Gesundheitsversorgung die Präventionsprozesse optimieren, indem es Netzwerke schafft, die auch dem Fachärztemangel im ländlichen Raum Rechnung tragen. „In Zukunft könnten abgestuft Gesundheitsteams und auch Hausärztinnen und -ärzte die erforderlichen Untersuchungen machen. Bei auffälligen Ergebnissen werden die entsprechenden Fachärztinnen und -ärzte dann zum Beispiel via Telemedizin eingebunden. Davon profitieren alle – die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte durch Entscheidungshilfen und aktuelle Informationen aus der Forschung, die Betroffenen durch kurze Wege und das Gesundheitssystem durch die Vermeidung von Doppeluntersuchungen und schweren Folgeerkrankungen ihrer Versicherten“, so Ganslandt. „Unser Ziel: Wir wollen ein Netzwerk aufbauen, in das alle eingebunden sind.“

Partner im Digitalen Fortschrittshub LeMeDaRT


Koordination
  • Universität Heidelberg
    Abteilung für Biomedizinische Informatik, Medizinische Fakultät Mannheim
Beteiligtes Konsortium der Medizininformatik-Initiative
  • MIRACUM
Partner
  • Universität Heidelberg, Medizinische Fakultät Mannheim
    Zentrum für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit Baden-Württemberg (CPD-BW)
    Mannheimer Institut für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin
    Koordinierungsstelle Telemedizin Baden-Württemberg (KTBW)
    Mannheimer Institut für Intelligente Systeme in der Medizin (MIISM)
    Institut für Klinische Chemie
    Medizinische Klinik II, Sektion für Hepatologie
    Chirurgische Klinik
  • Universität Heidelberg
    Institut für Wissenschaftliches Rechnen (IWR)
    Institut für Geschichte und Ethik der Medizin (Medizinische Fakultät Heidelberg)
    Diakoniewissenschaftliches Institut (Theologische Fakultät)
  • Regionalverband Nordschwarzwald, Pforzheim
  • Medizinisches Versorgungszentrum Calw/Mednos GmbH
  • BARMER Krankenkasse
  • KV Baden-Württemberg
  • HCI2 Health Care Innovation Institute GmbH
  • HealthVision GmbH
  • SHE AG
  • Deutsche Leberhilfe

LeMeDaRT ist einer der sechs ab Mitte 2021 startenden Digitalen FortschrittsHubs Gesundheit. Für diese Leitinitiative seiner Digitalstrategie stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bis 2025 rund 50 Millionen Euro bereit. Aufgabe der FortschrittsHubs ist es, die Pionierarbeiten der Medizininformatik-Initiative zur Digitalisierung in der Medizin aus den Unikliniken – zunächst in Pilotprojekten – in alle Bereiche des Gesundheitssystems einfließen zu lassen: von der ambulanten Versorgung in der Hausarztpraxis über den stationären Aufenthalt im örtlichen Krankenhaus bis zur Versorgung in Rehabilitations- und Pflegeeinrichtungen.

Medizininformatik-Initiative

Digitale FortschrittsHubs Gesundheit