Verbund

START - Evaluation eines Programms zur Erststabilisierung von traumatisierten minderjährigen Flüchtlingen

Bisherige Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass traumatische Erfahrungen in der Vergangenheit (wie Krieg, Katastrophen, Misshandlungen) und aktuelle Stressoren (z.B. Ungewissheit bezogen auf die Zukunft, Diskriminierung oder materielle Probleme) große Auswirkungen auf die psychische Gesundheit eines Menschen haben können. Negativer Stress und affektive Instabilität sind häufige Symptome unter Geflüchteten, die sich in psychiatrischer Behandlung befinden. An adäquaten kultursensiblen Therapieformen und Präventionsmaßnahmen mangelt es jedoch.

Der Forschungsverbund START untersucht in drei klinischen Studien die Wirksamkeit unterschiedlicher Therapie- und Präventionsansätze bei traumatisierten Geflüchteten im Kindes-, Jugend- und jungen Erwachsenenalter. Die eingesetzte START Intervention (Stress/Traumasymptome/Arousal/Regulation/Treatment) ist bereits verfügbar und wird im Rahmen der Studie kultur- und altersspezifisch angepasst. START beruht auf dem Ansatz der Mentalisierung - also der Fähigkeit, das eigene Verhalten oder das Verhalten anderer Menschen durch Zuschreibung mentaler Zustände zu interpretieren. Gleichzeitig soll die Übertragbarkeit der erzielten Behandlungseffekte in den Alltag überprüft werden. Hierzu nehmen die Studienteilnehmer an einer einwöchigen, Smartphone-basierten Erhebung mittels elektronischer Tagebücher teil.

Teilprojekte

Teilprojekt 1 der Universitätsmedizin Mainz

Förderkennzeichen: 01EF1807A
Gesamte Fördersumme: 1.190.280 EUR
Förderzeitraum: 2019 - 2023
Projektleitung: Prof. Dr. Esther Sobanski
Adresse: Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
Langenbeckstr. 1
55131 Mainz

Teilprojekt 1 der Universitätsmedizin Mainz

Diese Studie untersucht die Wirksamkeit eines niedrigschwelligen Psychotherapieprogramms zur Erststabilisierung von traumatisierten minderjährigen Flüchtlingen. Die Studie richtet sich an geflüchtete Jugendliche, die aufgrund von Traumatisierungen im Herkunftsland und auf der Flucht unter Traumafolgestörungen wie Beeinträchtigungen der Gefühlsregulation, inneren Anspannungszuständen und wiederholten psychischen Krisen leiden. Per Zufallsprinzip erfolgt eine Zuteilung zum Psychotherapieprogramm oder einer Wartegruppe. Teilnehmen können jugendliche Flüchtlinge im Alter von 13 - 17 Jahren, die ausreichend Deutsch, Englisch, Arabisch, Dari oder Somali sprechen, um den Programminhalten zu folgen. Das Programm wird in Gruppen von sechs bis acht Jugendlichen insgesamt zwölf Wochen lang durchgeführt. Ziel des Programms ist, den Jugendlichen funktionale Strategien im Umgang mit den beschriebenen Symptomen und Anspannungszuständen zu vermitteln. Die Wirksamkeit des Programms auf die Symptomatik auch im Alltag wird in Zusammenarbeit mit dem Teilprojekt des Karlsruher Instituts für Technologie anhand von smartphonebasierten elektronischen Tagebüchern untersucht. Die Studie wird an den Standorten Mainz, Idar-Oberstein, Klein-Blittersdorf, Koblenz, Landau und Marburg durchgeführt.

Modul Kleinkinder und deren Eltern

Förderkennzeichen: 01EF1807B
Gesamte Fördersumme: 293.083 EUR
Förderzeitraum: 2019 - 2022
Projektleitung: Prof. Dr. Svenja Taubner
Adresse: Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Heidelberg, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Institut für Psychosoziale Prävention
Bergheimer Str. 54
69115 Heidelberg

Modul Kleinkinder und deren Eltern

Die Studie evaluiert die Effektivität eines Präventionsprogramms zur Reduktion des Stressempfindens von Eltern und Erziehern und traumaassoziierter Symptome bei Kleinkindern und deren Eltern mit Fluchterfahrungen, die ein hohes Risiko für die Entwicklung einer posttraumatische Belastungsstörung tragen. Das Programm wird während der Eingewöhnungsphase in eine Kindertageseinrichtung bei Kindern von neun Monaten bis zwei Jahren durchgeführt und stärkt den wichtigsten Resilienzfaktor in der frühen Kindheit, die Eltern-Kind-Beziehung. In einer besonders vulnerablen Phase der kindlichen Entwicklung beugt es traumaassoziierten Symptomen vor und stärkt sowohl die Interaktion in der Familie als auch die frühe Anbindung an eine Institution - der Kindertageseinrichtung - die die Familien kultur- und traumasensitiv begleitet. Somit ist die Eingewöhnung der Kinder von Familien mit Fluchterfahrungen eine frühe Möglichkeit der Integration der Familien in ihr neues Land.

Modul Übertragbarkeit der Interventionseffekte mittels e-diaries

Förderkennzeichen: 01EF1807C
Gesamte Fördersumme: 154.517 EUR
Förderzeitraum: 2019 - 2023
Projektleitung: Prof. Dr. Ulrich Ebner-Priemer
Adresse: Karlsruher Institut für Technologie (KIT), House of Competence
Kaiserstr. 12
76131 Karlsruhe

Modul Übertragbarkeit der Interventionseffekte mittels e-diaries

Die empirische Evidenz zum Zusammenspiel zwischen psychischer Belastung und Alltagsstressoren bei Geflüchteten ist begrenzt. Neueste Fragebogenstudien deuten jedoch darauf, dass traumatische Erfahrungen in der Vergangenheit (Krieg, Katastrophen, Misshandlungen, etc.) und aktuelle Stressoren im Alltag (soziale Probleme, materielle Probleme, Diskriminierung, Unsicherheit und Ungewissheit bezogen auf die Zukunft) große Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. Negativer Stress und affektive Instabilität sind häufige Symptome unter Geflüchteten, welche sich in psychiatrischer Behandlung befinden. Beide "Symptome" sind kontextabhängig und können teilweise auf zwischenmenschliche Konflikte mit deutschen Heranwachsenden, anderen Geflüchteten und Behörden zurückgeführt werden. Dementsprechend erscheint eine Erhebungsmethode, welche sogenannte Kontextvariablen erfasst, vorteilhaft. In diesem Vorhaben werden elektronische Tagebücher als Erfassungsmethode verwendet, um die Effekte psychotherapeutischer Interventionen bei traumatisierten Flüchtlingen auf alltäglichen Stress, Emotionsregulation und Peer-Konflikte unter Berücksichtigung des Kontextes zu überprüfen.

Modul Adoleszenz und junges Erwachsenenalter

Förderkennzeichen: 01EF1807D
Gesamte Fördersumme: 151.940 EUR
Förderzeitraum: 2019 - 2022
Projektleitung: Prof. Manfred E. Beutel
Adresse: Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Untere Zahlbacher Str. 8
55131 Mainz

Modul Adoleszenz und junges Erwachsenenalter

Das Hauptziel des Projekts ist es, die Wirksamkeit des START-Programms in ambulanten Gruppen von traumatisierten geflüchteten jungen Erwachsenen zu überprüfen. Dabei soll in einer Machbarkeitsstudie analysiert werden, inwieweit durch das START-Programm traumatischer Stress in der Patientengruppe reduziert und der Anteil angepasster Stressbewältigungsstrategien erhöht werden kann. Dem START-Programm liegen Trainingsmodule zugrunde, für welche bereits Wirksamkeitsnachweise für die Borderline Persönlichkeitsstörung vorliegen. Im vorliegenden Projekt soll überprüft werden, ob der adaptierte psychotherapeutische Ansatz sinnvoll und effektiv bei der Gruppe von geflüchteten jungen Erwachsenen, die Defizite in der Emotionsregulation und -kontrolle aufgrund von erlebten Traumatisierungen aufweisen, anwendbar ist. Im Projekt werden somit erste Daten zur Wirksamkeit und Machbarkeit des adaptierten START-Programms generiert. Das adaptierte START-Programm soll die Patienten befähigen, mit Strategien zur Emotionsregulation in traumabezogenen Situationen von hoher und extremer Erregung reagieren zu können.