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Viren in der Muttermilch

Muttermilch bietet viele gesundheitliche Vorteile, kann aber auch gefährliche Viren wie HTLV-1 übertragen, die im späteren Leben krank machen. Forschende der Universität Erlangen-Nürnberg wollen dem Virus mit Unterstützung des BMBF auf die Spur kommen.

Baby trinkt an Brust der Mutter

Zu den gefährlichen Viren, die mit der Muttermilch übertragen werden können, gehört das Retrovirus HTLV-1, das eine aggressive Form der Leukämie verursachen kann.

Adobe Stock / Alexander

Muttermilch hat viele Eigenschaften, die ein Neugeborenes schützen – es werden aber auch einige wenige Viren mit der Muttermilch übertragen, die lebensbedrohliche Erkrankungen auslösen können. Dazu gehört das Humane T-Zell-Leukämievirus Typ 1, kurz: HTLV-1. Wie bei allen Retroviren wird auch bei diesem die virale Erbinformation in das Genom der Infizierten integriert, wo es dauerhaft erhalten bleibt. Dadurch können Krankheiten entstehen, die teilweise erst Jahre später ausbrechen. So entwickelt etwa jeder zehnte Säugling, der sich mit HTLV-1 infiziert, im späteren Leben schwerwiegende, bislang unheilbare Erkrankungen – unter anderem eine besonders aggressive Form der Leukämie. Das Tückische daran: Die Ansteckung verläuft ohne Symptome, die meisten Betroffenen wissen zunächst gar nicht, dass sie überhaupt infiziert sind.

Wie eine Übertragung von HTLV-1 beim Stillen möglichst verhindert werden kann, untersucht ein Forschungsteam des Universitätsklinikums Erlangen im Projekt „Milk-TV“ (Milk-Transmission of Viruses – Übertragung von Viren durch die Muttermilch). Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Projekt mit bis zu 2,3 Millionen Euro.

Tückisches Virus mit unheilbaren Folgen

Das Humane T-Zell-Leukämievirus Typ1 – kurz: HTLV-1 – wird über zellhaltige Körperflüssigkeit übertragen, also etwa Samen- und Vaginalflüssigkeit sowie Muttermilch. Auch über Bluttransfusionen und verunreinigtes Besteck bei Drogenabhängigen kann eine Übertragung erfolgen. Weltweit sind zwischen 10 und 20 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert; die Dunkelziffer ist hoch, weil das Virus in den meisten Ländern nicht bei Screening-Untersuchungen getestet wird. Im späteren Leben treten bei etwa zehn Prozent der Betroffenen bislang unheilbare Erkrankungen auf: eine besonders aggressive Form der Leukämie, die Adulte T-Zell-Leukämie/Lymphom (ATLL) oder chronisch-entzündliche Erkrankungen wie die Tropische Spastische Paraparese (TSP), die mit schweren Lähmungen einher geht. HTLV-1 kommt vor allem in Japan, der Karibik, Südamerika, Sub-Sahara-Afrika, Zentralaustralien und Melanesien vor. In Europa ist das Auftreten des Virus aus Großbritannien und Frankreich bekannt.

Nicht zu Stillen ist vielerorts keine Option

Den Müttern einfach komplett vom Stillen abzuraten ist für Projektleiterin Dr. Andrea Thoma-Kreß keine Option: „In den meisten der betroffenen Regionen haben viele Frauen aufgrund begrenzter Ressourcen keine Möglichkeit, auf Ersatzprodukte zurückzugreifen oder schlicht und ergreifend keinen Zugang zu frischem Wasser. Die Mütter sind also darauf angewiesen, ihre Kinder zu stillen“, sagt die Nachwuchsgruppenleiterin am Lehrstuhl für Klinische und Molekulare Virologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU).

Um Infektionsketten dennoch wirksam unterbrechen zu können, gehe es bei Milk-TV deshalb zunächst darum, mehr über den Übertragungsweg von den Müttern auf die Säuglinge herauszufinden. Bislang war zum Beispiel unklar, welche Zellen über welchen Mechanismus zuerst infiziert werden. Die Forschenden wollen auch herausfinden, ob natürliche Schutzfaktoren in der Muttermilch vor einer Infektion schützen können und wenn ja, welche. Die Ergebnisse aus dem Projekt sollen bei der Entwicklung von Präventionsstrategien helfen, um das Stillen gefahrlos zu ermöglichen.

Neues Messverfahren soll Übertragungswege ermitteln

Erste Erkenntnisse des Ende 2020 gestarteten Projekts zeigen, dass HTLV-1 in vitro – also im Reagenzglas – innerhalb kürzester Zeit auf verschiedene Subtypen von T-Zellen übertragen wird, dies aber stark vom Aktivierungsgrad der Zielzelle abhängt. „Mit einer eigens entwickelten Mehrfarben-Analyse und einem Verfahren zur Messung von Proteinexpression in einzelnen Zellen können wir genau bestimmen, welche Subtypen von Immunzellen in der Muttermilch vorkommen, welche Immunzellen mit dem Virus infiziert werden können oder es schon sind“, beschreibt Dr. Thoma-Kreß diese phänotypische Untersuchung der Muttermilch.

In Zusammenarbeit mit Forschenden der Universitäten Erlangen-Nürnberg und Tübingen, aber auch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Brasilien und Australien hofft das Team um Dr. Thoma-Kreß auf weitere Erkenntnisse. Bei der Entwicklung von Therapeutika verfolgen die Forschenden drei strategische Ansätze: Zum einen geht es darum, Antikörper zu entwickeln, die eine Virusaufnahme in den Säuglingszellen verhindern, zum Zweiten sollen natürliche Wirtsfaktoren und Metaboliten in der Muttermilch identifiziert werden, die eine Übertragung unterbinden. Drittens wird schließlich der Einfluss klassischer anti-retroviraler Medikamente untersucht. „Unsere langfristige Vision ist es, die Übertragung von HTLV-1 von der Mutter auf den Säugling medikamentös zu unterbinden, zum Beispiel durch die Applikation eines Sprays beim Stillen oder eine Creme“, erklärt die Molekularmedizinerin. „So könnten die Säuglinge von HTLV-1-infizierten Müttern weiterhin von den Vorzügen des Stillens profitieren, ohne dem Risiko einer Infektion ausgesetzt zu sein.“

Über die Richtlinie zur Förderung von Nachwuchsgruppen in der Infektionsforschung unterstützt das Bundesministerium für Bildung Forschung (BMBF) das Projekt „Milk-TV“ mit rund 2,3 Millionen Euro. Ziel dieser Fördermaßnahme ist es, den Karriereweg qualifizierter Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler in der klinischen und anwendungsorientierten Infektionsforschung und ihre Berufung in die Hochschullehre gezielt zu fördern.