Verbund

STAR - Selbstverletzendes Verhalten: Mechanismen, Intervention, Beendigung

Selbstverletzendes Verhalten wie das Ritzen von Unterarmen kommt schätzungsweise bei 35% der Jugendlichen in Deutschland vor. Jugendliche, die sich selbst verletzen, haben oft auch andere psychische Erkrankungen und können ein erhöhtes Suizidrisiko aufweisen. Ziel des Verbundes ist es, die Behandlung von selbstverletzendem Verhalten zu verbessern. Hierzu werden der Verlauf und mögliche beeinflussende Faktoren des selbstverletzenden Verhaltens untersucht. Von besonderem Interesse sind Faktoren, die selbstverletzendes Verhalten aufrechterhalten oder die zur Beendigung des Verhaltens beitragen. Zudem wird die Wirksamkeit einer Web-basierten Verhaltenstherapie zur Behandlung des selbstverletzenden Verhaltens in einer klinischen Studie überprüft. Hierfür arbeiten insgesamt fünf Partner in dem Verbund zusammen.

Wie im Falle des selbstverletzenden Verhaltens gibt es zu vielen Krankheitsbereichen im Kindes- und Jugendalter noch keine ausreichend wissenschaftlich abgesicherten, entwicklungsstufengerechten Präventions- und Therapieansätze. Auch liegen oft keine geeigneten Instrumente zur Diagnostik psychischer Störungen vor. Der Verbund leistet daher einen wichtigen Beitrag zu den Zielen der Fördermaßnahme „Forschungsverbünde zur Kinder- und Jugendgesundheit“ im Rahmen der Förderinitiative „Gesund – ein Leben lang“. Aus den gewonnenen Erkenntnissen können sich konkrete Diagnose- und Behandlungsempfehlungen oder auch Empfehlungen zur Durchführung weiterer Forschungsprojekte ergeben.

Teilprojekte

Koordination (TP1) - Dissemination und Versorgungsleitlinie bei der Behandlung von selbstverletzenden Verhalten in der Primärversorgung (TP7)

Förderkennzeichen: 01GL1747A
Gesamte Fördersumme: 1.100.850 EUR
Förderzeitraum: 2017 - 2021
Projektleitung: Prof. Dr. Paul Plener
Adresse: Universität Ulm, Universitätsklinikum, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie
Steinhövelstr. 5
89075 Ulm

Koordination (TP1) - Dissemination und Versorgungsleitlinie bei der Behandlung von selbstverletzenden Verhalten in der Primärversorgung (TP7)

Nicht-suizidales Selbstverletzendes Verhalten (NSSV), definiert als die repetitive, bewusste Zerstörung des eigenen Körpergewebes ohne suizidale Intention, stellt ein großes Gesundheitsrisiko bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland dar, wobei eine Lebenszeitprävalenz von 35% für NSSV geschildert wurde. NSSV findet sich häufig begleitend bei verschieden psychischen Erkrankungen, wobei es weiterhin ungeklärt bleibt, warum manchen Patienten NSSV selbstständig beenden und andere Patienten einen schwereren Verlauf nehmen. Es existiert nur sehr wenig Forschung darüber, wie Jugendliche, die NSSV beenden wollen, dabei unterstützt werden können. Durch ein besseres Verständnis dafür, welche Faktoren zur Beendigung von NSSV beitragen, wollen wir sowohl für klinische Behandler als auch für zukünftige Forschungsvorhaben Wege identifizieren, die zur Erholung von NSSV führen. Darüber hinaus kann die Identifikation von Faktoren, die Adoleszente mit NSSV als unterstützend erleben, zukünftige Präventionsstrategien unterstützen. In diesem Sinne werden Ansätze zur Dissemination von Wissen über die adäquate Ansprache und den Umgang mit NSSV bei Adoleszenten durch Primärversorgern aus dem heilberuflichen Bereich getestet. Diese Ansätze werden basierend auf den kürzlich erschienenen deutschen AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) Leitlinien erstellt.

Online-Intervention bei Nicht-Suizidalem Selbstverletzendem Verhalten in der Adoleszenz - Eine Randomisiert-Kontrollierte Studie (TP2)

Förderkennzeichen: 01GL1747B
Gesamte Fördersumme: 894.527 EUR
Förderzeitraum: 2017 - 2021
Projektleitung: Prof. Dr. Michael Kaess
Adresse: Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Heidelberg, KIinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Blumenstr. 8
69115 Heidelberg

Online-Intervention bei Nicht-Suizidalem Selbstverletzendem Verhalten in der Adoleszenz - Eine Randomisiert-Kontrollierte Studie (TP2)

Beim Teilprojekt 2 am Standort Heidelberg handelt sich um eine randomisiert kontrollierte Untersuchung der Wirksamkeit einer Online-Intervention bei jungen Menschen mit nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten. Es werden 2000 Jugendliche und junge Erwachsene, die zuvor im Rahmen des Zentralprojektes ebenfalls über das Internet rekrutiert wurden, für eine Teilnahme angefragt. Etwa 700 erwartete TeilnehmerInnen werden dann entweder der Interventionsbedingung oder der Kontrollbedingung zugelost. In der Interventionsbedingung wird eine Online-Version eines kürzlich evaluierten, verhaltenstherapeutischen Manuals zur Kurzzeitintervention (10-12 Therapiestunden) eingesetzt. Die Kontrollbedingung erhält vollautomatisierte Psychoedukation zum Thema via Internet. Erwartet wird eine stärkere Reduktion des selbstverletzenden Verhaltens bei den TeilnehmerInnen der Interventionsbedingung. Zusätzlich beteiligt sich der Standort Heidelberg am Zentralprojekt sowie anderen Teilprojekten durch Rekrutierung einer Teilstichprobe an jungen Menschen mit selbstverletzendem Verhalten sowie gesunden KontrollprobandInnen für eingehende Längsschnittuntersuchungen.

Untersuchung neurobiologischer Veränderungen bei Patienten mit Nicht-Suizidaler Selbstverletzung (TP3)

Förderkennzeichen: 01GL1747C
Gesamte Fördersumme: 549.867 EUR
Förderzeitraum: 2017 - 2021
Projektleitung: Prof. Dr. Christian Schmahl
Adresse: Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin
J 5
68159 Mannheim

Untersuchung neurobiologischer Veränderungen bei Patienten mit Nicht-Suizidaler Selbstverletzung (TP3)

Querschnittsstudien zeigen Veränderungen der Neurobiologie bei Patienten, die sich regelmäßig selbst verletzen. Demnach zeigen diese eine erhöhte Vulnerabilität für Stress. Weiterhin wurden Veränderungen der Gehirnaktivität während der Verarbeitung von Schmerzreizen, und während der Regulation von Gefühlen beobachtet. Die Erfahrung, durch andere Menschen ausgeschlossen zu werden, löst ebenfalls Stress aus. Andererseits wird angenommen, dass Schmerzreize eine beruhigende Wirkung für Patienten mit Nicht-Suizidaler Selbstverletzung (NSSI) haben. Bisherige Studien wurden jedoch größtenteils an erwachsenen Frauen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) durchgeführt, weswegen sich die Ergebnisse nicht ohne weiteres auf Kinder und Jugendliche übertragen lassen. In diesem Projekt sollen neurobiologische Veränderungen bei Jugendlichen mit NSSI untersucht werden. Mit Hilfe von funktioneller Kernspintomografie werden neuronale Prozesse der Emotionsregulation, sowie neuronale Antwortmuster auf Schmerzreize und soziale Zurückweisung untersucht. Stress-Reaktivität über eine Charakterisierung des vegetativen Nervensystems bestimmt. Eine genetische Beteiligung an der Entstehung von NSSI wird ebenfalls untersucht. Schließlich soll die langfristige Entwicklung der Symptomatik später anhand neurobiologischer Variablen vorhergesagt werden, abhängig davon ob die Patienten eine Therapie erhalten.

Untersuchung von momentanen Mechanismen zur Vorhersage der Reduktion selbstverletzenden Verhaltens im Alltag (TP5)

Förderkennzeichen: 01GL1747D
Gesamte Fördersumme: 293.429 EUR
Förderzeitraum: 2017 - 2021
Projektleitung: Prof. Dr. Ulrich Ebner-Priemer
Adresse: Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Sport und Sportwissenschaft, Lehrstuhl für Angewandte Psychologie
Engler-Bunte-Ring 15
76131 Karlsruhe

Untersuchung von momentanen Mechanismen zur Vorhersage der Reduktion selbstverletzenden Verhaltens im Alltag (TP5)

In diesem Vorhaben sollen Zusammenhänge zwischen dem Auftreten selbstverletzenden Verhaltens und momentanen psychologischen Mechanismen wie z.B. affektive Instabilität, Instabilität des Selbstwert, Stressreaktivität oder Stress-induziertes dissoziatives Erleben untersucht werden. Dafür wird die Erhebungsmethode der elektronischen Tagebücher verwendet. Diese eignet sich insbesondere zur Erhebung des Verhaltens und Erlebens von Personen in ihrem natürlichen Umfeld unmittelbar oder mit einer minimalen zeitlichen Latenz. Insbesondere eignen sich die mit diesem Verfahren einfach zu realisierenden wiederholten Abfragen zur Untersuchung von dynamischen Prozessen und ihren Zusammenhängen. Dies ist besonders wichtig, da wissenschaftliche Nachweise für momentane Mechanismen, die selbstverletzendes Verhalten auslösen oder verstärken, derzeit gänzlich fehlen. Die geplante Untersuchung ermöglicht es, die momentanen Mechanismen mit den Verlaufsdaten auszuwerten (d.h. auf lange Sicht zu prognostizieren, welche Patienten mit selbstverletzendem Verhalten aufhören und welche nicht) sowie die zugrundeliegenden neurobiologischen Prozesse momentaner Mechanismen und selbstverletzenden Verhaltens zu untersuchen. Durch die Vorhersage selbstverletzenden Verhaltens auf der Moment-Ebene durch psychologische Mechanismen und durch die Untersuchung von Prädiktoren für maladaptive Entwicklungen von Patienten sollen zum einen neue Impulse für die Therapie selbstverletzendes Verhalten gewonnen und zum anderen Möglichkeiten für Präventionsstrategien abgeleitet werden.

Diagnostik, Prädiktoren für den Verlauf und Ansteckungseffekte von Nichtsuizidalen Selbstverletzungen (TP4)

Förderkennzeichen: 01GL1747E
Gesamte Fördersumme: 264.860 EUR
Förderzeitraum: 2017 - 2021
Projektleitung: Prof. Dr. Tina In-Albon
Adresse: Universität Koblenz-Landau, Campus Landau, Fachbereich 8 Psychologie, Allgemeine und Pädagogische Psychologie
Fortstr. 7
76829 Landau

Diagnostik, Prädiktoren für den Verlauf und Ansteckungseffekte von Nichtsuizidalen Selbstverletzungen (TP4)

Ein umfassendes diagnostisches Assessment ist sowohl für die Praxis als auch für die Forschung zentral. In der Praxis ist die Diagnostik Voraussetzung für eine adäquate Behandlung und Therapieüberprüfung. In der Forschung braucht es die Diagnostik zur Erhebung von Häufigkeiten, Symptomen und Verläufen. Übergeordnete Ziele von STAR-ASSESS sind 1. die Erhebungen verschiedener psychologischer Prädiktoren für das Weiterführen oder Beenden von selbstverletzendem Verhalten, Prädiktoren für Ansteckungseffekte und Prädiktoren für Therapieerfolg und Änderungsmechanismen, um zukünftig Behandlungen für Jugendliche mit NSSV (Nicht-Suizidalen Selbstverletzungen) zu personalisieren. 2. Charakterisierung der gesamten STAR Stichprobe anhand einer umfassenden psychologischen Diagnostik inkl. psychopathologischen Symptomen und psychische Störungen. 3. Bereitstellung von Daten zur dimensionalen Beschreibung von selbstverletzendem Verhalten. 4. Die Entwicklung und Validierung eines diagnostischen Verfahrens zur Erfassung des Schweregrads von selbstverletzendem Verhalten mit dem Ziel das Suizidrisiko und Therapieeffekte zu erfassen. 5. Die Validierung der diagnostischen Kriterien der Forschungsdiagnose nichtsuizidale Selbstverletzungen. Insgesamt werden die Daten der gesamten STAR-Stichprobe (n=2000) erhoben. Zusätzlich zur online Stichprobe werden für die vertiefende Diagnostik 300 Jugendliche mit selbstverletzendem Verhalten und 150 gesunde Jugendliche zwischen 12 und 21 Jahren untersucht. Erhoben wird das selbstverletzende Verhalten, Psychopathologie, Emotionsregulation, implizite Einstellungen, Selbstwirksamkeit, Medienkonsum, Missbrauchserfahrungen und Expressed Emotion.